Freitag, 24. April 2026

Free Timmy! Tierliebe im Anthropozän

So geht es dir, wenn du so richtig prominent bist und nicht rechtzeitig eine Patientenverfügung anfertigst: Dein Sterben wird behindert, aber nicht verhindert, zu einer sinnlosen Qual. Zum medialen Spektakel und zur Geschäftsgelegenheit. Im Minutentakt ausgeschlachtet, noch bevor du zur Leiche geworden bist.

Was treibt die selbsternannten Retter eigentlich an? Ich glaube, dass bei dieser traurigen Farce unbewusst die ökologische Krise und die richtige Reaktion darauf verhandelt wird. Die Frage, um die es eigentlich geht (oder um die es wenigstens gehen sollte), lautet: Wie weit reicht die menschliche Naturbeherrschung in der ökologischen Krise?

Bekanntlich ist ein Tod eine Tragödie, aber eine Million Tote nur Statistik. Die einsetzende Biodiversitätskrise ist eine Folge des Klimawandels, der Emission von Schad- und Nährstoffen in die Umwelt und der Übernutzung von Naturräumen. All diese Praktiken haben im „Anthropozän“ eine neue zerstörerische Qualität erreicht. Aber das Aussterben ganzer Tier- und Pflanzengattungen überfordert die Empathie und Vorstellungskraft. Wirksame Umweltschutzmaßnahmen werden abgeblockt. Zynismus und Verzweiflung sind die Folge.

Von daher ließe sich wohlwollend annehmen, dass es sich beim Wirbel um den Wal Timmy um eine Ersatzhandlung handelt, psychologisch gesprochen um eine Verschiebung: Wird dieser eine Buckelwal gerettet, dann kann doch noch alles in Ordnung kommen! Vielleicht ist es gar nicht so schlimm? Kein Wunder, dass er von den selbsternannten Rettern Hope genannt wird. Wir fangen im Kleinen an, mögen sie sich denken. Wir setzen ein Zeichen der Hoffnung, wenn dieses Tier nicht stirbt.

Diese Fixierung trägt Elemente von Verleugnung in sich, von fingierter Selbstwirksamkeit, so wie beispielsweise der Kauf von (vermeintlichen) Bioprodukten. Unschön vielleicht, aber nachvollziehbar. Dient die Qual des Wals einer "Schuldabwehr"? Solche Empfindungen sind in der gegenwärtigen drastischen sozioökologischen Krise in gewisser Hinsicht unvermeidlich, glaube ich; wir alle sind in ein destruktives gesellschaftliches Naturverhältnis verstrickt, nicht nur ideologisch, sondern auch praktisch. Niemand kann davon ganz frei sein. Individuelles Schuldempfinden ist zwar unvernünftig und hilft letztlich niemandem (jedenfalls solange es keine sinnvollen praktischen und politischen Folgen zeitigt), aber es ist eben, wie gesagt, irgendwie verständlich.

Aber ich fürchte, es ist schlimmer.

Denn diese "Liebe zum Tier" ist missbräuchlich. Es ist bekannt, dass viele Pädophile glauben, zwischen ihnen und ihren Opfern gäbe es wirklich eine erotische Verbindung. "Aber wir lieben uns doch!" Die Schutzbefohlenen sind dem Missbraucher ausgeliefert, Objekt des Übergriffs und seiner Phantasien. Genauso verhält es sich, mutatis mutandis, mit den wilden Tieren im Anthropozän. Der Vergleich mit der Pädophilie wirkt krass, ich will darauf hinaus, dass eine erotische Bindung an ein Lebewesen behauptet (und bestimmt auch subjektiv gefühlt) wird, unabhängig davon, ob diese Liebe erwidert wird oder erwünscht ist. Dass Missbraucher sich als Retter imaginieren, kommt ja dem Vernehmen nach ebenfalls nicht selten vor. Es handelt sich um einen Übergriff, was aber nicht ins Bewusstsein vordringt.

Kurz, die Walrettung dient vor allem eigenen psychischen Bedürfnissen. Dieses Tier dreivierteltot in die Nordsee zu schleppen, ist eine symbolische, geradezu kultische Handlung, selbst wenn er dort noch eine Weile überleben sollte. Es kann doch niemand ernsthaft behaupten, dass diese enorm teure und aufwändige Aktion für die anderen (weiterhin rettungsbedürftigen) Tiere einen Unterschied macht - für die Artgenossen des Buckelwals, für andere Walgattungen oder gar für die zahllosen anderen Meeresbewohner, die keinen Vornamen tragen. "Timmy" / "Hope" ist für die Naturliebhaber vor allem eine Projektionsfläche - umso schlimmer, wenn das Tier sich nicht wehren oder fliehen kann.

Die Beziehungen zwischen Mensch und Tier waren niemals frei von Projektionen und Missverständnissen. Tiere wurden gefürchtet, bewundert und verehrt, gehasst und verachtet. Der Wolf gilt als böse, der Fuchs soll listig sein und der Spatz fröhlich. Interessanterweise verweisen solche Tier-Zeichen in anderen Kulturen auf ganz andere Eigenschaften, was zu erheblicher Verwirrung führen kann. In China bringt die Eule Unglück und ist überhaupt nicht weise, dafür aber das Kaninchen ("Wait - whaaaat?!?"), in Indien steht die Schlange für Fruchtbarkeit statt für Verschlagenheit und so weiter.

Eine gewisse Willkürlichkeit und einen Überschuss der Phantasie gab es also schon immer. Sie heftete sich naturgemäß eher an die wilden Tiere als an Nutztiere, weil der Lebensvollzug ersterer weniger gut und genau beobachtet werden konnte. Aber erst in industriellen Gesellschaften wurde ein romantisches Naturverhältnis möglich. Die Wildnis und ihre Bewohner wurden zunehmend idealisiert, emotionale Bedürfnisse der Menschen begannen, die Wahrnehmung zu dominieren.

In Bodenlos - dem Standardwerk von morgen zu nahezu allen Fragen der ökologischen Krise - heißt es dazu:

Die Romantik unterstellt der Natur einen Zweck oder wenigstens eine ihr innewohnende Harmonie mit menschlichen Bedürfnissen – sofern es sich um die richtigen, angeblich natürlichen Bedürfnisse handelt. Zugespitzt gesagt konnten die Natur und ihre Autonomie erst verniedlicht werden, als ein ausreichend großer Sicherheitsabstand zu ihren Widrigkeiten und Bedrohungen erreicht worden war. Mit der Großen Beschleunigung im 20. Jahrhundert wurde dies zu einem Massenphänomen.
Die bis heute voranschreitende Industrialisierung ermöglichte das Verniedlichen und Vermenschlichen der Wildtiere, bis hin zur heutigen flächendeckenden (fast möchte ich sagen: totalitären) Anthropomorphisierung im Disney-Universum, in dem sämtlichte Lebewesen sich benehmen wie Angehörige us-amerikanischer Kleinfamilien. Manche Gattungen wie die Wale wurden aber auch mystifiziert und zu Sinnbildern einer transzendentalen Weisheit, von deren Inhalten sich die Menschen allerdings keine rechte Vorstellung mehr machen können.

Ein Kind mag den Tod eines gestorbenen Haustieres nicht akzeptieren, es weiter füttern und pflegen, den Leichnam heilen wollen. Solche Liebeszeichen sind schrecklich traurig und rührend. Das Kind hat aber - und das ist entscheidend - ein bestimmtes Lebewesen verloren, nicht ein austauschbares Exemplar einer Gattung. Deshalb lehnt es den Trost der Eltern entrüstet ab, dass sie gleich nächste Woche ein neues kaufen werden, wenigstens sofern eine echte emotionale Bindung bestand. Denn in einem solchen Fall war das Tier nicht (nur) Projektionsfläche, sondern ein Gefährte. Wenn Beziehungen zu bestimmten Tieren möglich sind, verflüchtigen sich unter Umständen auch die Vorurteile über Gattungseigenschaften. Dann zeigt sich nämlich, dass manche Hunde treulos sind, manche Hasen mutig, viele Eulen doof und manche Hamster schlau - okay, das vielleicht nicht ...

John Berger, Philosoph und Landwirt, hat meiner Meinung nach die Beziehung von Mensch und Tier am tiefsten ergründet. Wenn sie sich gegenseitig in die Augen blicken, sagt er, fühlen sie Verbundenheit und einen unüberbrückbaren Abgrund. Dies spiegelt die Dialektik der menschlichen Naturhaftigkeit, unser Natur-Sein / Nicht-Natur-Sein: Im Blick des Tiers erkennt ein Mensch gleichzeitig die Natur in sich (die Gleichheit mit dem Gegenüber) und seine Entfernung von der Natur (die Ungleichheit mit dem Gegenüber) und die Einheit dieses Widerspruchs, die ihn zum Menschen macht. Dem Tier könnte es genauso gehen, wer weiß. Sich zu lieben, ist dennoch möglich, aber sicher nicht auf den ersten Blick und sicher nicht zwischen einem Mensch und einem Wildtier. Selbst bei Tieren, die Gefährten sind - Pferd oder Kuh, Katze oder Hund und so weiter - kann es keine Liebe unter Gleichen sein.

Sind Begegnungen zwischen Tier und Mensch noch möglich? Im Anthropozän, in dem es keine "unbeschadete" Natur und keine Wildnis mehr gibt, mischt sich in jede Naturerfahrung etwas von der Destruktivität des gesellschaftlichen Naturverhältnisses. Das Bedürfnis, den wilden Tieren nahe zu kommen, ist so stark wie eh und je. Die Tourismus-Branche bedient es mit einem fragwürdigen Wildnis-Spektakel. Was sind diese Lebewesen für uns? Nennen wir es Entfremdung. (Hilfsausdruck!)

Diese Erfahrung, die Berger nachvollzieht, stellt sich nicht einfach so ein, sie ist das Ergebnis einer Begegnung und ihrer Reflexion. Die Identifikation mit einem Tier und ihr Scheitern und die dennoch fortbestehende Verbundenheit könnten dabei helfen, ein vernünftigeres, unromantisches Verhältnis zu den anderen Tieren auf dem Planeten zu entwickeln (denn um Tiere handelt es sich ja bei den Menschen, auch wenn es ganz besondere Tiere sind). Wir sind ein Knotenpunkt im Netz des Lebens, der gerade große Löcher reißt. Wir sollten uns nicht anmaßen, bestimmte charismatische Gattungen zu retten und andere preiszugeben. Mit großer Macht kommt große Verantwortung, wie Onkel Ben uns allen beigebracht hat.

Naturromantik ist keine Geschmackssache, sondern ein ernstes umweltpolitisches Problem. Denn sie imaginiert den Menschen und die Gesellschaft außerhalb der Natur, obwohl sie in Wirklichkeit der Natur angehören und auf ihre Selbstreproduktion angewiesen bleiben. Gegenwärtig eskalieren das Artensterben und die Degradation von Biotopen, aber gleichzeitig auch die romantische Phantasieproduktion - das Wal-Spektakel an der Ostsee ist dafür ein merkwürdiges Beispiel. Schädlich daran ist vor allem die Sentimentalität, die einige Menschen dazu bringt, darauf zu bestehen, dass irgendwo - ganz tief drinnen und ganz weit weg - immer noch eine heile, sich selbst und unbeschadet reproduzierende Natur existiert. Ihr romantisches Bedürfnis lappt ins Psychotische: Es verliert den Kontakt zur Realität, lässt sich von Fakten nicht mehr irritieren. Achtung, das wird gleich ein bisschen weh tun: "Timmy" / "Hope" will eure Liebe überhaupt nicht!

Die "charismatischen Großtiere" (Elephant, Gorilla, Großkatze, Panda) standen seit Entstehung des Naturschutzes im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Schutz bestand in der Regel darin, Naturräume abzusperren, um eine Pseudo-Wildnis zu erhalten (in Wirklichkeit zu schaffen) und zu diesem Zweck die Nutzung durch die ansässige Bevölkerung zu verhindern, teilweise sie sogar zu vertreiben. Viele Vertreter dieses treffend "Festungsnaturschutz" genannten Ansatzes verbanden eine tiefe Liebe zum ikonischen Tier mit ebenso tiefer (oft zivilisationskritisch grundierter) Verachtung für den Menschen. Wale lassen sich naturgemäß nicht in Reservaten schützen, aber auch sie zählen zu den ikonischen Tieren mit Mobilisierungspotenzial.

Diese Formen des "bewahrenden Tierschutzes" waren immer fragwürdig, im Anthropozän werden sie anachronistisch. (Ich benutze das Schlagwort Anthropozän hier als Sammelbegriff für die Klima- und Biodiversitätskrise, in Bodenlos spreche ich von "Heißzeit"). Denn erstens verändert sich (aufgrund von Klimawandel und Artensterben) das geschützte Wildtier-Habitat, egal wie hoch der Stacheldrahtzaun darum gezogen wird (es "degradiert"). Diese Tiere müssen immer häufiger gefüttert, getränkt und medizinisch behandelt werden, weil sie sonst sterben. Was Wildnis darstellen soll, ist in Wirklichkeit ein Freiluft-Zoo. Zweitens - und damit kommen wir erneut zur Frage der Naturbeherrschung - sind auch menschliche Tiere durch die ökologische Krise bedroht. Zu wohlmeinendem Paternalismus besteht von daher überhaupt kein Anlass! Im Gegenteil, krampfhaft an der Rolle eines Beschützers festzuhalten, speist sich, vermute ich, ebenfalls aus einer Verschiebung.

Die Psychoanalytikern Delaram Habibi-Kohlen berichtet aus ihrer Forschung:

Alle interviewten Probanden sahen sich nicht selbst als Teil der Natur, sondern außerhalb von ihr stehend. "Die Natur" wurde häufig entweder als gefährlich erlebt oder als eine Art gezähmtes Wellness-Reservat, in das man sich am Wochenende zurückziehen kann. Eine Probandin erklärte zum Beispiel, dass die Umweltzerstörung besonders schlimm für die Tiere sei, denn die bräuchten ja die Natur. Die eigene Abhängigkeit wird hier so weit übersehen, d.h. abgespalten, dass sie noch nicht einmal mehr beunruhigt – jedenfalls nicht bewusst.

Kennzeichnend für das gegenwärtige Verhältnis zum Natürlichen (und damit für die mentale Verarbeitung der ökologischen Multikrise) ist gerade, dass Natur verfügbar sein soll, ein durch Arbeit und Kontrolle beliebig formbares Material. Angeblich können wir souverän entscheiden, was wir retten und was nicht. Dabei konfrontiert uns die ökologische Krise in Wirklichkeit mit der Autonomie der Natur im größten Maßstab. Die Folgen des jahrzehntelangen Raubbaus machen sich geltend in Form von Sturm, Hitze, Flut und Krankheit, durch nachlassende Bodenfruchtbarkeit und die Degradation von Biotopen. Sie lassen sich nicht ohne weiteres bewältigen. Aber die beängstigende Erkenntnis, dass die Formen der Naturbeherrschung an konkrete Grenzen stoßen, wird abgewehrt. (Ich vermute, das meint Hartmut Rosa mit Unverfügbarkeit ...) Dass uns Menschen ein Wille entgegenstehen kann (wie im Fall eines Tieres) oder dass einfach nur die eigenen Kräfte für eine Rettung nicht ausreichen, ist undenkbar und unerträglich. Anders gesagt, "Hope" muss leben, ob er will oder nicht, damit für uns noch Hoffnung besteht: "Wann du stirbst, entscheiden immer noch wir."

Omnipotenzphantasien, Projektionen und Überidentifikationen wie die, die sich an das bedauernswerte Tier in der Ostsee heften, behindern die Selbsterkenntnis und damit auch eine bessere, aufgeklärtere Beziehung zu den Mitbewohnern des Planeten (nicht nur zu den ganz ganz großen, sondern auch zu den winzig kleinen, ökologisch letztlich wichtigeren). Die verbliebenen Wildtiere in der Restnatur sind keine Haustiere, wir haben sie nicht domestiziert und in unsere Haushalte geholt. Wir haben sie ortlos gemacht. Wir können nicht alle bedrohten Exemplare aufpäppeln, füttern, gesund pflegen. Viele Arten sterben aus. Andere können sich anpassen und besiedeln Kulturräume, Vorstädte oder Agrarlandschaften. Es liegt im ureigensten Interesse der Menschheit, eine gewisse Artenvielfalt zu erhalten und sich Lebensräume zu teilen. Gelingen kann dies allerdings nur mit radikal anderen industriellen und agrarischen Produktions- und Distributionsmethoden, nicht durch "Rettungsaktionen".

Ach, wer weiß überhaupt, was die Menschen am Strand oder vor ihren Bildschirmen wirklich denken? Vielleicht schütteln die meisten wie ich den Kopf über dieses traurige Schauspiel. Die vermeintliche Walrettung wird schließlich auch von kommerziellen und parteipolitischen Interessen angetrieben. Jedenfalls scheint mir diese Form der Tierliebe kein Teil der Lösung, sondern ein wichtiger Teil des Problems (mit der Naturbeherrschung) zu sein. Viele können heute die Autonomie der Natur nicht denken und nicht anerkennen, nicht einmal die Autonomie des Sterbens - Ausdruck eines tief gestörten Verhältnisses zwischen Mensch und nicht-menschlicher Natur, auch auf der emotionalen und psychischen Ebene.

Free Timmy - von unseren Projektionen! Save the whales. And while you're at it, the humans too.