Dienstag, 24. Juli 2018

Harald Martenstein, spaßig und katastrophenblind

Als junger Mensch begeisterte ich mich für Karl Kraus, so wie das üblich ist. Ich ließ mich davon überzeugen, dass dem Menschen sein Stil entspricht. Gut schreiben können heißt: gut denken können. Kraus geht sogar noch weiter und behauptet, dass es unmöglich ist, einen (ethisch oder logisch) falschen Gedanken richtig auszudrücken. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt.

Case in point: Harald Martenstein, der gut schreiben kann. Im Tagesspiegel und der Zeit verfasst Martenstein witzige Kolumnen, die sich locker weglesen und schmunzeln machen. In diesen Kolumnen behauptet er abstruses Zeug und manchmal auch richtig gefährliches Zeug. In der letzten Ausgabe des Zeit-Magazins glossiert er „Über das Wetter“. Liest sich gut und ist doch eine veritable Leugnung der Klimaerwärmung.

Hieß es denn nicht immer, als Folge des Klimawandels regnet es heftiger? Richtig, im Sommer 2017 … meldete sich in der ZEIT der Klimatologe Mojib Latif zu Wort: „Die Zahl der Extremniederschläge ist gestiegen.“ Sein Kollege Stefan Rahmstorf sprang ihm bei: „Daten aus den USA Europa und Australien deuten auf eine erhebliche Zunahme von Extremniederschlägen hin.“ … Der Klimawandel, der 2018 Brandenburg in die Provence verwandelt, war 2017 noch voll und ganz damit beschäftigt Deutschland in ein zweites Bangladesch mit ständigen Überschwemmungen umzumodeln. Wer im Juli 2017 im Glauben an die Klimatologen, einen Pfahlbau errichtete, um sich langfristig zu schützen, der ärgert sich jetzt.
Witzig. Richtig witzig.

Wie sich das Klima regional verändern wird, lässt sich kaum prognostizieren. Dass es sich verändert – und zwar mit katastrophalen Folgen – erleben wir gerade. Hitzewelle und Dürre einerseits und Starkregen andererseits schließen sich überhaupt nicht aus. Es regnet insgesamt weniger, aber wenn es regnet, dann mehr in kürzerer Zeit (mit negativen Folgen für die Vegetation).

Richtig unanständig finde ich das. Stellt sich Martenstein blöd? Er geht über den Anstieg der Extremwetterlagen einfach weg – was stimmt denn nun eigentlich?– , um die alte Leier zu spielen vom Wetter, das eben macht, was es will, keiner weiß, ob es morgen regnen wird oder nicht, was wollen diese sogenannten Wissenschaftler überhaupt? Ich soll nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren? Da kann doch was nicht stimmen!

Wir führen dem Klimasystem mit dem fortgesetzten Verfeuern fossiler Brennstoffe Energie zu. Diese Energie muss irgendwo hin und bringt die eingespielten saisonalen Luftströme und Meeresströmungen durcheinander. Was ist daran schwer zu verstehen? Die letzten drei Jahre waren global die heißesten, seit die Temperaturen gemessen werden, und das Klima wird immer instabiler. Mir fällt es schwer, die Folgen zu beschreiben, ohne alttestamentarisch zu klingen. Es weden kommen Stürme und Fluten, Seuchen und Feuersbrünste. Hungernot Tod und Verderben."

Ich weiß, so etwas überzeugt niemanden – aber was um Himmels Willen überzeugt jemanden, der unbelehrbar witzig ist wie Harald Martenstein?

Besuchen Sie Niederkirchen!

Irgendeinen Grund muss es doch dafür geben.

Polizei und Verfassungsschutz bei Facebook und Co.

Der WDR 5 bringt ein etwas längeres Feature von mir über Social Media Intelligence in Deutschland.

Das Thema ist jüngst noch einmal tagesaktuell geworden, nachdem in Hessen ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde, der nun klären soll, ob es bei der Anschaffung der Palantir-Software Gotham mit rechten Dingen (beziehungsweise rechtskonform) zuging. Zu den Fragen, die die hessischen Parlamentarier beantworten sollen, gehört allerdings ausdrücklich nicht, was die Polizei eigentlich mit dieser Software treibt und wie sich das mit den Bürger- und Persönlichkeitsrechten verträgt.

Die Grünen sind in diesem Bundesland übrigens an der Regierung beteiligt und enthalten sich jeder Kritik: Wie schon bei den neuen Landespolizeigesetzen gibt es keine Partei, die nicht an dem einen oder anderen Ort zum Ausbau der Überwachungskapazitäten beiträgt.

Montag, 23. Juli 2018

Datenkrake Polizei?

Gestern erschien bei Telepolis der dritte und letzte Teil meiner Miniserie über die polizeiliche Internetauswertung und die Verschiebung von Polizeiarbeit hin zur Prävention. Oder wie es der bayrische Innenminister Joachim Hermann kürzlich ausdrückte, den bemerkenswerten Versuch, mit möglichst vielen Daten "die Täter von morgen heute schon dingfest zu machen".
Polizeiarbeit dreht sich immer stärker um die Begriffe Risiko und Vorbeugung. Diese Entwicklung hat sicher damit zu tun, dass sich mit entsprechender Software Risikoprognosen erzeugen lassen. Aber die "präventive Wende" in der Polizeiarbeit wird weniger vom technischen Fortschritt als vielmehr dem erfolgreichen politischen Agieren der Sicherheitsbehörden angetrieben. Statt bereits begangene Verbrechen aufzuklären, soll die Polizei zukünftige verhindern - und zu diesem Zweck braucht sie angeblich mehr Eingriffsrechte.

Teil 1: Palantir als die Spitze des Eisbergs

Teil 2: Predictive Staatsschutz

Teil 3: "Vor die Lage kommen"

Donnerstag, 28. Juni 2018

Donnerstag, 14. Juni 2018

Automatisierung und proletarische Erfahrung

Kräht der Linke auf dem Mist
Ändert sich die Welt oder bleibt, wie sie ist
Alte Bauernregel. Am Montag habe ich an der Berliner Humboldt-Universität einen Vortrag über "Automatisierungsgeschiche aus proletarischer Perspektive" gehalten. Nun habe ich ihn ausformuliert und ergänzt, um einigen Nachfragen aus der Diskussion Raum zu geben.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Fun fact # 30: Pressefreiheit

Die Angestellten des französischen Rundfunks ORTF durften im Frühjahr 1968 nicht über inländische Streiks, Proteste und Unruhen berichten. Selbst der Generalstreik, der im Mai begann, tauchte in der Berichterstattung kaum auf. Gegen die Anweisungen des Informationsministeriums, dem der ORTF direkt unterstand, traten die Beschäftigten in Streik. 72 von ihnen wurden später deswegen entlassen.

Donnerstag, 7. Juni 2018

Nadel im Heuhaufen?

Heute lief in der Sendung Impuls / SWR 2 ein neuer Beitrag von mir zum Thema "Wie Verfassungsschutz und Polizei Daten aus den Sozialen Medien nutzen (wollen)"
Die Digitalisierung verändert die Polizeiarbeit. Einerseits werden Massendaten aus dem Netz mit anderen Datenquellen zusammengeführt. Andererseits versuchen Programmierer, Psychologen und Kriminologen, aus den Massendaten immer tiefere Einblicke zu gewinnen. Sie wollen aus dem Online-Verhalten mithilfe von Maschinenlernen – also: Künstlicher Intelligenz – auf Emotionen, Haltungen und Persönlichkeit der Nutzer schließen.
Die Audio-Datei findet sich hier.

Dienstag, 5. Juni 2018

KI als Fetisch

In der Graswurzelrevolution ist eine sehr ausführliche und sehr wohlwollende Besprechung von Automatisierung und Ausbeutung erschienen: "Industrie 4.0 - Keine Panik!" Der Rezensent Torsten Bewernitz moniert lediglich meinen berüchtigen Hang zum Abwägen und Einschränken:
Wenn es an der historischen Untersuchung Matthias Beckers etwas zu kritisieren gibt, dann vielleicht der Aspekt, dass er angesichts der beschriebenen Entwicklungen in ihrem historischen Kontext zu gelassen bleibt. Allein am Ende scheint doch etwas Unruhe auf: "Es ist, als sei die Menschheit in ein zirkuläres Irresein geraten, aus dem sie nicht herauskommt. Rationalisierung ohne Sinn und Verstand." Ansonsten ist "Automatisierung und Ausbeutung" auch aufgrund des journalistischen Stils eines der gelungensten Bücher zum Thema - Becker wechselt zwischen eigenen Erfahrungen, historischen Recherchen und Industriereportagen und vermixt diese Aspekte zu einem großen Ganzen, indem er die verschiedenen beschriebenen Erfahrungen kontextualisiert. (...) Von solchen Dystopien ist Matthias Becker weit entfernt, ebenso wie er aus der Industrie 4.0 weder eine Dystopie noch wie viele ihrer Vertreter*innen eine Utopie macht. Trotz dieser scheinbaren "Neutralität" ist Beckers Einführung keineswegs trocken-deskriptiv.
Übrigens hat der Soziologe Simon Schaupp im Freitag jüngst einen interessanten Beitrag veröffentlicht, in dem er, pünktlich zum zweihundertsten Todestag, Karl Marx für das Verständnis der Digitalisierung fruchtbar macht. Technik sei ein Fetisch in dessem Sinn:
Als Aufklärer sah sich Marx der Kritik an Gespenstergeschichten aller Art verpflichtet. Dazu zählte er nicht nur die Religion, sondern vor allem den von ihm so bezeichneten „Warenfetisch“. Der Begriff des Fetisches bezeichnet ursprünglich – in den Naturreligionen – den Glauben an die Beseelung unbeseelter Gegenstände. In den modernen Gesellschaften, so Marx, glauben wir, es läge in der Natur der Dinge, dass von der Karotte bis zum Lamborghini jedes Ding einen Geldwert hat. Ein eigentlich menschengemachtes Verhältnis tritt uns entgegen als eine Art autonomes Subjekt, das wie Frankenstein außer Kontrolle geraten ist.
Das trifft es, finde ich, obwohl ich dem Fetischkritisieren mittlerweile egentlich, nun ja, kritisch gegenüberstehe. Schaupp schreibt weiter:
Den Status eines solchen Subjekts hat heute nicht nur das Warenverhältnis, sondern zunehmend auch die Informationstechnologie. Wir glauben nicht nur, dass unsere Computer „intelligent“ seien, wir glauben, sie seien Revolutionäre ... Mit Marx können wir fragen, woher die Digitalisierung ihren revolutionären Willen hat. Die Antwort lautet dann ebenso wie beim Warenfetisch: vom Menschen, der sie gemacht hat.
Auch das scheint mir nichts Neues zu sein. Der Fetisch, der uns beseelt und autonom vorkommt, ist der Kapitalfetisch. Das Kapital hat sich die produktiven Möglichkeiten der Menschen scheinbar angeeignet. Die IT ist totes Kapital (in Gestalt der Maschine), aber auch verdingilchtes Wissen (in Gestalt der Software). Selbst letzteres ist nicht unbedingt neu, die ersten programmgesteuerten Maschinen entstanden schon im 18. Jahrhundert. Die Künstliche Intelligenz vertieft die Arbeitsteilung, hebt sie vielleicht an der ein oder anderen Stelle auf ein neues Niveau. Bekanntlich muss ein Beschäftigter heute nicht mehr unbedingt wissen, wie die Computerprogramme funktionieren, die ihn lenken, oder welche Informationen sie dabei zugrunde legen etc. . Das Wissen anderer Menschen, die diese Software abbildet, tritt ihm selbst im Arbeitsprozess als Fähigkeit des Kapitals entgegen.