Montag, 24. Juni 2019

Machtworte


Noch ein Grund, web.de zu lieben: Sehnen sich die Nutzer nach Machtworten wie Masochisten nach der Peitsche? Nennen wir es Postdemokratie. Hilfsausdruck.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Und dann gibt es diese Momente, da liebe ich web.de. Im Jemen herrscht Krieg, im Sudan wird eine Demokratiebewegung blutig unterdrückt, die Spannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten eskalieren ... mein Email-Provider erinnert mich daran, was eigentlich wichtig ist ...

Dienstag, 4. Juni 2019

Montag, 27. Mai 2019

Beschämen in aller Öffentlichkeit

Noch ein Grund, web.de zu hassen: das unaufhörliche Debattieren über die Körper anderer Menschen. Gerne auch in der vermeintlich besorgten Variante, wie hier. "Um Gotes Willen Kind, wie siehst du denn aus!"

Freitag, 24. Mai 2019

Fifty shades of Forschungsfreiheit

„Forschung und Lehre sind frei“. So heißt es kurz und knapp im Grundgesetz. Gestern brachte Zeitfragen ein Radiofeature von mir über den Stand der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland – knapp 30 Minuten über Hochschul- und Forschungspolitik.

Ich habe mich mit diesem Stück sehr schwer getan, viel geschrieben und wieder verworfen, noch mehr als üblich. Das lag daran, dass der Begriff der Freiheit in „Forschungsfreiheit“ in vielen Farben schillert. Bin ich überhaupt für die Freiheit der Wissenschaft? Da muss ich lange nachdenken und komme schließlich zu einem entschiedenen „Das kommt darauf an“.

Der englische Kulturkritiker Matthew Arnold fasste das Problem einmal mit dem schönen Satz, die Freiheit sei ein gutes Pferd, aber nur, wenn man wisse, wohin man reiten will. Er meinte damit, dass die Anrufung von Freiheit immer dann ideologisch und fruchtlos wird, wenn nicht zugleich über Zwecke gesprochen wird – wozu die Freiheit eigentlich dienen soll.

Isaiah Berlin formuliert die nützliche Unterscheidung zwischen positiver und negativer Freiheit, der Freiheit von äußerem Zwang und der Freiheit zu tatsächlichem Handeln. Die negative Freiheit der Wissenschaft ist ein liberales Abwehrrecht:

Sie berechtigt zur Rücksichtslosigkeit: Bei ihrer Suche nach Erkenntnis müssen Forschende sich nicht um religiöse Gefühle oder Weltanschauungen kümmern. Kein Pfarrer oder Imam, kein Präsident oder Parteivorsitzender darf ihnen den Mund verbieten. Sie sind der Wahrheit verpflichtet. Sonst niemandem.
Klingt gut. Allerdings handelt es sich bei den „Trägern der Wissenschaftsfreiheit“ (um es im Verfassungssprech auszudrücken) längst nicht mehr um reiche Privatgelehrte wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt, die ihren Interessen folgen konnten, wo immer die hinführten. Wissenschaft wird heutzutage zu einem großen Teil von Lohnabhängigen betrieben, Angestellten im Wissenschaftsbetrieb. Arbeitsverhältnisse und Verdienst unterscheiden sich sehr, an der Spitze können spezialisierte Wissenschaftler selbst zu Unternehmern werden. Insgesamt aber geht die Entwicklung hin zur abhängigen beziehungsweise scheinselbständigen Beschäftigung.

Wissenschaft ist keine Angelegenheit von Eliten mehr. Die Suche nach Erkenntnis war schon immer kollektiv, aber heute vollzieht sie sich in einer Arbeitsteilung, die sich immer weiter ausdifferenziert, und sie wird von so vielen Menschen wie nie zuvor betrieben.

Wissenschaft ist institutionalisiert und wird hauptsächlich vom Staat finanziert. Ihre Freiheit (im emphatischen Sinn) ist aus diesem Grund gefährdeter als früher. Regierungen können in der Regel einfach die finanzielle Förderung einstellen, ausdrückliche Verbote und Zensur sind gar nicht notwendig.

Kurz gesagt, die wissenschaftliche Praxis ist heute finanziell abhängig und instituionell eingebunden. Was bedeutet unter diesen Umständen positive Wissenschaftsfreiheit? Ich glaube, sie hat einen praktischen Kern, der über Normen und Traditionen hinausgeht, nämlich: Wissenschaft gibt sich ihre Gesetze selbst. Sie beurteilt ihre Leistungen, vor allem durch den peer review, die Begutachtung durch Gleichrangige. Anders wäre das auch gar nicht möglich, schließlich handelt es sich um spezialisiertes Wissen, das Laien und Fachfremde nicht verstehen würden. Wissenschaft entscheidet zudem selbst, was als relevanter wissenschaftlicher Beitrag zählt und was nicht (dies übrigens vielfach ungerecht und falsch, wie sich dann einige Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte später herausstellt). Kurz, allein Wissenschaft definiert, was (gute) Wissenschaft bedeutet.

Diese "Eigengesetzlichkeit" ist meiner Ansicht nach der eigentliche, der materialistische Kern der Autonomie der Wissenschaft gegenüber dem "System Politik" und dem "System Wirtschaft". In den bürgerlichen Gesellschaften bis zu den Weltkriegen im 20 Jahrhundert sah die Aufgaben- und Machtteilung vor, dass die Wissenschaft sich selbst regiert und Staat und Kapital die Früchte ernten. Seitdem sehen wir aber (zumindest in der anwendungsorientierten Forschung) ein zunehmende Verstaatlichung im Sinne von Instrumentalisierung und Lenkung.

Dieser säkulare Trend endete gerade nicht mit dem Keynesianismus, sondern setzt sich bis heute fort. Dass die praktische Freiheit der Wissenschaft im Neoliberalismus nicht zu-, sondern abnahm, wird verdeckt durch die besondere Art der Lenkung, für die Staat und Kapital die Instrumente des New Public Management einsetzen: die Zielvorgabe, die strafbewehrte Kennzahl, das prekäre Beschäftigungsverhältnis und die Freiberuflichkeit. Zugespitzt gesagt, die Autonomie der Wissenschaft im Neoliberalismus ist eine gelenkte Autonomie, eine "verantwortliche Autonomie" (um den industriesoziologischen Ausdruck zu verwenden). Der Wissenschaft wird nicht vorgegeben, wie sie ihre Ziele erreicht, aber durchaus, welche Ziele. Sie sucht sich aus, wie sie dient. Nicht ob.

So wenigstens funktionierte die Arbeitsteilung zwischen Politik und Wissenschaft in den liberalen Gesellschaften. Nun drängen autoritäre und nationalistische Kräfte an die Macht, die sich nicht mehr an die Spielregeln halten. Politiker haben immer ein instrumentelles Verhältnis zur "wissenschaftlichen Wahrheit" gehabt, sie nutzen sie wahlweise als Argumentationshilfe (wenn es schnell gehen muss) oder als Verzögerungstaktik (wenn sich nichts ändern soll, in der Art „Das werden wir wissenschaftlich untersuchen lassen und in fünf Jahren die Studienergebnisse sorgfältig prüfen ...“). Trump, Erdogan, Orban und all die anderen sind ein anderes Kaliber. Sie greifen die Definitionsmacht der Wissenschaft an, was als Fakt zu gelten hat und was nicht. Das ist tatsächlich brandgefährlich.

Deshalb bin ich solidarisch mit allen, die die Freiheit der Wissenschaft gegen Übergriffe durch Regierungspolitiker, Bürokraten oder den Mob verteidigen, auch solidarisch mit dem March for Science. Nur gehört meiner bescheidenen Meinung nach zur Verteidigung der Wissenschaft eben auch, vor der eigenen Tür zu kehren. Sich über Impfgegner, Homöpathen und Verschwörungstheoretiker lustig zu machen, ist zu billig. Gerade Wissenschaftler müssen die Fehlentwicklungen im System und ihre Ursachen schonungslos benennen, um der Desinformation und Propaganda, manchmal auch einfach dem Aberglauben und Wunschdenken keine Angriffsfläche zu bieten. Und so möchte ich auch mein Feature verstanden wissen:

Fragwürdige Qualitätsstandards, der Einfluss von Kapitalinteressen, prekäre Arbeitsverhältnisse – Probleme in der Forschung gibt es reichlich. Sie zu lösen wäre das einfachste und wirksamste Mittel gegen die grassierende Wissenschaftsskepsis.

Donnerstag, 16. Mai 2019

Wiglaf Droste ist tot

Ist der Zirkus noch so klein
Einer muss der Affe sein
"Phrasen aufspießen", das ist auch so eine. Als ich anfing zu lesen, waren da Tucholski und Brecht, auch Erich Kästner, später Karl Kraus (dessen Polemik mir mittlerweile nichts mehr sagt, anderes Thema). Wiglaf Droste passte in diese Reihe, denn er hat auch meine Wahrnehmung für das Geplapper und Gelaber geschärft. Er hat Phrasen nicht aufgespießt, sondern eher zerrieben. Mit Humor lassen sie sich auf Abstand halten. Wer die sprachliche Belästigung zurückweist, bewahrt ein wenig Würde in einer würdelosen Welt.

Er fehlt bereits.

Dienstag, 7. Mai 2019

Wie Arbeitgeber ihre Beschäftigten beherrschen

Warum taucht die alltägliche Kontrolle und Gängelung der Lohnabhängigen im öffentlichen Diskurs und in der wissenschaftlichen Debatte überhaupt nicht auf? Diese Frage will die Sozialphilosophin Elizabeth Anderson in ihrem neuen Buch "Private Regierung" beantworten und kritisiert einige Grundannahmen der Neoklassik.
Warum erkennen wir einen solch allgegenwärtigen Teil unserer sozialen Verhältnisse nicht als das, was er ist? Stattdessen reden wir so, als ob Arbeitnehmer von ihren Vorgesetzten nicht beherrscht werden. Warum sprechen wir, als ob sie bei der Arbeit frei sind und die einzigen Gefahren für unsere individuelle Freiheit vom Staat ausgehen?

Es wird noch immer unentwegt die gleiche Rechtfertigung für die Marktgesellschaft vorgebracht – dass sie die persönliche Unabhängigkeit der Arbeiter vor willkürlicher Autorität schützen würde – die sich in Hinblick auf ihre ursprüngliche Ambition längst als gescheitert erwiesen hat. Wie Patienten, die eine ihrer Körperhälften nicht wahrnehmen können, kann eine große Klasse dem Liberalismus zuneigender Denker und Politiker eine Hälfte der Ökonomie nicht wahrnehmen: jene Hälfte, die sich jenseits des Marktes abspielt, nachdem der Arbeitsvertrag geschlossen wurde.

Die Sendung "Andruck" / Deutschlandfunk brachte vorgestern meine Besprechung. Eine ausführlichere und genauere Rezension ist diesen Monat in der Konkret erschienen, die stelle ich demnächst ins Netz.

Samstag, 27. April 2019

Im Dutzend billiger


Wenn wir das mit der Zahl der Toten multiplizieren, sind die Opfer noch öfter gestorben. Diese Schlagzeile bleibt stundenlang unkorrigiert.

Dienstag, 23. April 2019