Bis 2005 bearbeiteten Verwaltungsgerichte Sozialhilfe-Angelegenheiten. Mit den Arbeitsmarktreformen durch die Hartz-Gesetze wurden Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zur Grundsicherung verschmolzen und die Sozialgerichte zuständig. 2005, als die Hartz-Reformen in Kraft traten, wurden jährlich in ganz Deutschland nur etwa 11.000 Fälle entschieden, die die Grundsicherung zum Gegenstand hatten. Fünf Jahre später waren es 154.000 Fälle. Anders gesagt: Die Zahl der Urteile hat sich vervierzehnfacht.Die Sendung lässt sich unter "Audio on demand" auch herunterladen.
Eine unklare Rechtslage, das verbreitete Gefühl, die Verwaltungsakte seien ungerecht, und Behörden, die Widersprüche von Arbeitslosen pauschal ablehnen - all das führt immer noch zu einem historischen Höchststand der Eingangszahlen.
Sonntag, 18. März 2012
Langsame Mühlen
Gestern lief im Deutschlandfunk bei Hintergrund ein neuer Beitrag von mir über überlange Gerichtsverfahren und auch die Überlastung der Sozialgerichte seit den Hartz-Gesetzen.
Freitag, 16. März 2012


Andrej Holm hat übrigens in einem interessanten Vortrag Ende Januar sehr schön klargemacht, wie verfehlt es ist, Gentrifizierung als (sub-)kulturelles Problem zu verhandeln - auch wenn's schwer fällt. Welchen Sorte koffeinhaltige Getränke die Zugezogenen oder die widerwillig Wegziehenden trinken - "offene Koffeinszene" und so - , Konsumgewohnheiten überhaupt gehen am Problem vorbei.
Donnerstag, 15. März 2012
Neue Besprechung
Bei dem Online-Magazin rezensionen:kommunikation:medien ist eine neue, insgesamt wohlwollende Besprechung von meinem Buch Datenschatten erschienen:
Insgesamt überzeugt Beckers journalistische Auseinandersetzung mit dem Datenschatten, den wir inzwischen alle werfen, vor allem durch die Breite der gebotenen Perspektiven und die Berücksichtigung sämtlicher Teilbereiche unseres komplexen Alltags. Es gehört ein ordentliches Maß an professionellem Fingerspitzengefühl dazu, bei einem Thema wie dem der Überwachungsgesellschaft nicht automatisch in verschwörungstheoretische oder rein technikdeter- ministische Sphären abzugleiten. Becker gelingt diese Gradwanderung mühelos, was seine Arbeit auch für eine Zielgruppe, die über die klassische Telepolis-Leserschaft hinausgeht, interessant macht.
Kreativideologie und Gentrifizierung
Wärmstens empfehlen möchte ich "Creative City – oder: Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden", ein Radiofeature, das vor einigen Tagen vom Bayrischen Rundfunk / Zündfunk Generator gesendet wurde. Ralf Homann beschreibt darin am Beispiel München die neuen Formen und Strategien der Kultur- als Wirtschaftsförderung - informativ, analytisch und auch polemisch:
Nicht überzeugt bin ich von der sozialtheoretischen Grundlage, die eben die gängige post-operaistische ist: im "kognitiven Kapitalismus" soll "Wissen zur wichtigsten Ressource" werden und "also Steinkohle oder ungelernte Arbeitskräfte" ablösen. Ich glaube, dass die vemeintlich zentrale Stellung der "Kulturarbeiter" nicht in ihrer irgendwie außerordentlichen (Kapital-)Produktivität liegt - sondern darin, dass Künstler seit dem Entstehen der Bohème für ihre Armut und Prekarität mit Freiräumen der "Selbstverwirklichung" entschädigt werden - und dieses Schicksal trifft dass heute eben immer mehr Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Medien-, Kultur- oder auch Sozialarbeit zu verdienen versuchen. Dass Armut der angemessene Preis für "Kreativität" sein soll, diese Haltung wirkt auf mich in vielen Fällen wie Selbstbetrug.
Was mit solchen Experimenten und Prototypen dann geschieht und wie die Wertschöpfung weitergeht, das zeigt die Munich Creative Bussinnes Week: Mit dem Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst hat die MCBW eine einmalige Location für die Sonderausstellung „mcbw momente – Denkräume für Design“ gewonnen. Tatsächlich ein fulminanter Ort: der Museums-Neubau im Münchner Kunstareal gegenüber der Alten Pinakothek. Hier zieht demnächst die Ägyptische Sammlung ein. Bedeutungsaufladung pur und perfekter Imagetransfer: Der verstaubte Werber-Trick mit nackter Dame auf Kühlerhaube in der gehobenen Variante: Die Aura der großen Meister und die ewig gültigen Werte staatlich finanzierter Museen sollen überspringen! Die Pharaonen haben ihr neues Quartier noch nicht bezogen und können sich deshalb im Sarkophag nicht umdrehen, wenn im zukünftigen Saal für „Religion“ sinnigerweise Leuchten und im Raum mit dem Titel „Nach den Pharaonen“ afrikanische Kunst aus Zivilisationsabfall gezeigt wird. Ich bekomme einen Bleistift für „unverkrampftes Malen“ geschenkt, der irgendwie den Kindern und der Umwelt zuliebe ist. Und schlendere dann durch die Dauer-Muzak -Berieselung an Designer-Badewannen vorbei, fast halb so groß wie eine Sozialwohnung, bis ich den Werbeständer erreiche: „Bunt, schrill, laut und kreativ sollen sie sein, die neuen Styles für die Sofapop-Generation“.Die Audiodatei müsste sich auch noch irgendwo im Netz finden lassen. Besonders gefällt mir, wie Homann am Beispiel Münchens die unbequemen Lebens- und Arbeitsbedingungen der meisten Kulturarbeiter beschreibt und schließlich einen Bogen zum Urheberrecht schlägt - die Grundlage, auf der die "Rechteindustrie" die Arbeit der "Kreativen" in Wert setzen kann.
Nicht überzeugt bin ich von der sozialtheoretischen Grundlage, die eben die gängige post-operaistische ist: im "kognitiven Kapitalismus" soll "Wissen zur wichtigsten Ressource" werden und "also Steinkohle oder ungelernte Arbeitskräfte" ablösen. Ich glaube, dass die vemeintlich zentrale Stellung der "Kulturarbeiter" nicht in ihrer irgendwie außerordentlichen (Kapital-)Produktivität liegt - sondern darin, dass Künstler seit dem Entstehen der Bohème für ihre Armut und Prekarität mit Freiräumen der "Selbstverwirklichung" entschädigt werden - und dieses Schicksal trifft dass heute eben immer mehr Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Medien-, Kultur- oder auch Sozialarbeit zu verdienen versuchen. Dass Armut der angemessene Preis für "Kreativität" sein soll, diese Haltung wirkt auf mich in vielen Fällen wie Selbstbetrug.
Montag, 12. März 2012
Risiko Neuroimplantate?
Spiegel Online hat meinen Text über die Tiefe Hirnstimulation übernommen - leider mit der missverständlich bis dämlichen Überschrift "Mediziner wagen Gehirnoperation bei wachen Patienten", was ja wirklich nichts Neues ist. Ursprünglich erschienen ist er im Telepolis-Sonderheft "Mensch +".
Mein Standpunkt also, wie fast immer: "Alles halb so aufregend." Die Redateure, wie fast immer: "Das muss trotzdem aufregend klingen!"
Neuerdings gibt es Neuroimplantate mit acht statt wie bisher vier Kontakten. Forscher versuchen, mit zeitlich versetzten Signalen den krankhaften Gleichklang im betroffenen Nucleus accumbens bei Parkinson aus dem Takt zu bringen, ohne "die Selbstorganisation der Neuronen" zu stören. Dazu haben Wissenschaftler vom Forschungszentrum in Jülich spezielle Signal-Muster entwickelt. Noch ist unklar, ob dieses neue Verfahren sich bewähren wird.
Neurologen hoffen, dass durch immer kleinere Elektroden und immer bessere Rhythmisierung der Impulse gezieltere Interventionen ins Hirn möglich werden. Lassen sich so demnächst Gefühle oder Gedanken erzeugen? Wird es gar möglich, die geistigen Fähigkeiten von Gesunden zu steigern?
Noch steht nicht fest, ob sich die THS als Behandlung von schweren seelischen Störungen etablieren wird. Aber der mechanisch-technische Eingriff ins Hirn stimuliert auch die Phantasie von Autoren, die mit Medizin nichts zu tun haben. Zum Beispiel die des amerikanischen Buchautors Ray Kurzweil. "Alle werden neuronale Implantate benutzen", sagte er in einem Interview einmal. "Sie werden unsere Erinnerungen erweitern, sogar unsere emotionalen Möglichkeiten, unsere Fähigkeiten, Muster zu erkennen, unsere kognitiven Fähigkeiten. Wir werden das menschliche Potenzial vergrößern, in dem wir es mit der Technologie vermählen." Spätestens in dreißig Jahren werde es so weit sein. Das war vor fünfzehn Jahren. Unwahrscheinlich, dass Kurzweils Vorhersage rechtzeitig eintreten wird.
Mein Standpunkt also, wie fast immer: "Alles halb so aufregend." Die Redateure, wie fast immer: "Das muss trotzdem aufregend klingen!"
Donnerstag, 8. März 2012
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