Dienstag, 17. September 2019

Die Wissenschaft und die (praktische und theoretische) Klimaleugnung

Und weiter geht es mit Beiträgen zur Wissenschaftsfeindlichkeit. Heute morgen brachte Neugier genügt (WDR5 ) mein Feature "Hitzige Debatte" über die Politisierung der Klimawissenschaft. Einer meiner Interviewpartner ist übrigens Hans Joachim Schellnhuber, der Gründer des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung.

Die Wissenschaft und ihre Feinde

Gestern brachte SWR 2 mein Feature "Die Wissenschaft und ihre Feinde". Wie üblich ein paar ergänzende Gedanken ...

Warum zweifeln immer Menschen an gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen? Ich meine nicht das sprichwörtliche gesunde Misstrauen, nicht eine skeptische Haltung gegenüber dem Forschungsbetrieb und seinen Ergebnissen, die übrigens unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am größten ist und die ich jedem nur empfehlen kann. Ich meine das generalisierte, undifferenzierte Misstrauen, das an Zusammenhängen zweifelt, an denen kein vernünftiger Zweifel besteht. Ich meine also den unvernünftigen Zweifel – wo kommt er her?

Die Klimatologen betonen gern, dass wir in der vergangenen drei Jahrzehnte keine wesentlichen neuen Erkenntnisse über das Klimasystem gewonnen haben. Dafür haben wir massenhaft Daten, die belegen, dass der Treibhauseffekt die gegenwärtige, rasante Erderwärmung verursacht. Wie kann man daran zweifeln? In Deutschland werden jedes Jahr knapp zwei Millionen Dosen der Mumps-Masern-Röteln-(Varizellen)-Impfung verabreicht. Hätten sich schwere Impfschäden und Entwicklungsstörungen nicht herumgesprochen? Zugegeben, falsche Theorien können richtige Prognosen produzieren, Denkkollektive (Ludwik Fleck) mit Blindheit geschlagen sein. Aber darum geht es den Wissenschaftsskeptikern nicht. Sie behaupten, die Wahrheit würde verheimlicht.

In einer arbeitsteiligen Gesellschaft sind alle Laien. Selbst ein Naturwissenschaftler mit mehreren Professuren hat in der Regel keine Ahnung von Medizin. Informatiker wissen nichts über Geschichte, Biologen nichts über Psychologie. (Dies gilt natürlich auch für Expertise außerhalb der Universitäten, die von Akademikern völlig unterschätzt wird.) Es geht also um Glaubwürdigkeit, und das ist ein interessanter Begriff. "Du scheinst würdig zu sein, dass ich dir glaube", so lässt sich die Haltung beschreiben, "und zwar obwohl ich selbst deine Behauptungen nicht nachvollziehen kann." Wir sind zum Vertrauen verdammt. Es genügt daher nicht, wissenschaftliche Zusammenhänge besser zu erklären, so wünschenswert das sein mag. Noch der größte Blödsinn kann plausibel klingen, wie Wissenschaftskommunikatoren bewiesen haben und weiter beweisen.

Das System Wissenschaft beweist seine Glaubwürdigkeit auf unterschiedliche Arten. Indem es Fehlverhalten rigoros und konsequent bestraft. Indem es Wissenschaftlichkeit ernst nimmt und sie umsetzt. Indem es unabhängig wird (leider sind viele Forschungszweige heute alles andere). Vor allem aber, indem Wissenschaft sich nützlich macht, und zwar für Bevölkerungsmehrheiten.

Ich plädiere nicht für blindes Vertrauen, sondern sozusagen für sehendes Vertrauen, oder noch besser: für ein spezifisches Misstrauen, das an Wissenschaftlichkeit festhält. Nach vielen Expeditionen ins Dickicht der Online-Foren und Kommentarspalten, von denen ich versehrt an Seele und Geist zurückkehrt bin, muss ich berichten: Die populäre Wissenschaftsskepsis leistet gerade das nicht. Die konkreten Probleme im Wissenschaftssystem tauchen gar nicht auf, sondern nur Karikaturen über Auftragsforschung und Lobby-Interessen. Das Niveau ist erbarmungswürdig. Fachkenntnis wird nicht erkannt und nicht anerkannt, dafür massenhaft vorgetäuscht.

Aber am schlimmsten ist der erkenntnistheoretische Relativismus, "die Behandlung von Tatsachenwahrheiten als bloße Meinungen, über die man dieser oder auch anderer Meinung sein könne" (Hannah Arendt, Wahrheit und Politik). Die Postmoderne hat die Massen ergriffen, Wahrheit gilt als Machtfrage. Die Wissenschaftsskeptiker äußern natürlich keine ziselierten Genealogien der Begriffe. Sie dekonstruieren nicht, sondern verneinen. Sie sagen: "Alles Lüge!" Und: "Ich mach mir die Welt, tralala, wie sie mir gefällt ..." Auch darin stimmen sie mit den neuen Autokraten überein, die allesamt Voluntaristen sind. "Wo ein Wille, da ein Weg, notfalls ein Krieg! Vertraut mir, ich mach das schon." Die populäre Wissenschaftsskepsis ist mit der rechten Elitenkritik verwoben, und ob sie progressiv gewendet werden kann, weiß ich nicht.

Unsere Möglichkeiten der Naturbeherrschung und Naturaneignung stoßen gerade an harte Grenzen, auch wenn einige Wissenschaftler das Gegenteil behaupten. Die Erderwärmung und die ökologische Krise sind sicher das stärkste Beispiel, aber dies gilt auch für Antibiotikaresistenzen oder die technisch gestützte Rationalisierung. Sorry to say: Wir haben die Sache nicht im Griff. Wir haben auch den Planeten nicht im Griff. Dieses Anthropozän ist nicht nur für die Tiere und Pflanzen, sondern für uns selbst eine Katastrophe.

Ist es dieses Gefühl schwindender Macht und Kontrolle, das die Menschen irre werden lässt?

Mittwoch, 11. September 2019

"Wissenschaft im Gegenwind"

Warum zweifeln manche Menschen daran, dass wir Menschen mit unseren Emissionen den die Erderwärmung antreiben? (In Deutschland übrigens sogar etwas mehr Menschen als noch vor zehn Jahren ...) Warum schwören einige auf Placebos wie die Homöopathie, aber fürchten sich vor der MMR-Impfung? Wie können Wissenschaftler sich gegen Desinformation behaupten?

Für Telepolis habe ich einen zweiteiligen Text über Wissenschaft, rechte Elitenkritik und die Vertrauenskrise geschrieben. Der erste Teil ist heute erschienen - am 11. September! - und heißt Wissenschaft im Gegenwind. Er enthält einige kaum bekante Forschungsergebnisse über die Psychologie von Verschwörungsgläubigen und die Wirkung der Sozialen Medien.

Freitag, 6. September 2019

Dienstag, 27. August 2019

"Eine Bewegung braucht ein Gesicht"

Das sagen die PR-Experten, aber es stimmt nicht. Die Medien brauchen ein Gesicht. Sie lieben die Personalisierung, weil sich die Geschichten dann wie von selbst schreiben. Deshalb haben sie ein junges Mädchen aus Stockholm zum Gesicht der neuen Klimabewegungen erklärt. Diese Bewegungen kamen bis dahin ganz gut ohne Gesicht aus.

Den Starkult um Greta Thunberg haben Nachrichtenmedien ins Werk gesetzt. Für junge Aktivistinnen ist sie möglicherweise eine Identifikationsfigur, aber vor allem in dem Sinne, dass sie eben "so ist, wie wir", "eine von uns" – was nur bedeutet, dass jede und jeder aktiv werden kann und soll.

Das hat die Kommentatoren aber nicht vom unablässigen Kommentieren jeder Handlung und Äußerung und zuletzt sogar von Nicht-Äußerungen abgehalten ("Greta Thunbergs souveränes Schweigen"). Die Kehrseite der Verehrung ist aber bekanntlich Enttäuschung und Wut, wenn das Idol sich als fehlerhaft herausstellt. Seht her, sagen sie, sie ist doch nur ein Mensch. Nur wer hatte eigentlich etwas anderes behauptet?

Den Gipfel der Absurdität hat ARD-Deutschlandtrend erklommen. "Thunberg beeinflusst Deutsche kaum", titelt die ARD und liefert folgende Zahlen dazu:

Wer denkt sich so etwas aus?

Die Formulierung bei der Meinungsumfrage lautete wohlgemerkt "Hat sich ihre Einstellung zu Klima- und Umweltfragen durch Greta Thunberg und die >Fridays for Future<-Bewegung verändert?" "Die Schwedin" wie es dann im Artikel heißt, konnte den Antwortenden mithin völlig egal sein, wenn sich ihre umweltpolitische Haltung verändert oder auch nicht verändert hat. Hätte Infratest dimap mich gefragt, wäre meine Antwort übrigens negativ ausgefallen: Ich war schon vorher davon überzeugt, dass die Menschheit ungebremst in Richtung Katastrophe rollt. Umgekehrt mögen hartnäckige Klimaleugner, von der Jugendbewegung mächtig genervt, die anthropogene Erwärmung erst recht abstreiten. Die Frage ist also keineswegs eindeutig gestellt. Dennoch antworten 7 Prozent, ihre Haltung habe sich "sehr stark verändert", 17 Prozent "stark verändert" und 31 Prozent "weniger verändert". Wie kann man aus solchen Zahlen ableiten, dass "die Mehrheit der Deutschen sich unbeeindruckt zeigt"?

Mittwoch, 21. August 2019



Dienstag, 20. August 2019

Putin-Versteher

Auf dem Boulevard wird personalisiert, dass es keine Freude ist. Was soll interessant sein an der Unterdrückung von regimekritischen Protesten? Was es über die Schaufensterpuppe an der Staatsspitze verrät.

Fun fact # 37: Altersarmut

Die Zahl der Menschen, deren Rentenansprüche den Sozialhilfesatz unterschreiten oder die wegen Krankheit oder Behinderung als arbeitsunfähig gelten, ist massiv gestiegen. Die Quote lag im Jahr 2005 bei 0,93 Prozent der Bevölkerung, im Jahr 2016 bei 1,55 Prozent. Am höchsten ist der Anteil in den Stadtstaaten wie Hamburg, dort bezogen auf die Altersgruppe 8,1 Prozent.

Quelle: Portal Sozialpolitik

Montag, 12. August 2019

So müssen Abmahnungen aussehen.

Mittwoch, 31. Juli 2019

Wie Der Spiegel erklärt, warum sich fürs Fliegen niemand schämen muss

So nämlich, mit messerscharfer Logik:
Das Fliegen hat unser Grundverständnis von Distanzen verändert, unseren Radius bei der Job- und Partnerwahl massiv erweitert. Es ermöglicht einen umfassenderen gesellschaftlichen Wissenstransfer. Und es kann uns in der urdemokratischen Fähigkeit schulen, mit Unterschieden respektvoll umzugehen - zum Beispiel wenn wir uns bei Fernreisen für andere gesellschaftliche Konzepte öffnen.

Wer das Fliegen bekämpft, bekämpft auch all diese Errungenschaften.

Tief gedacht, messerscharf geschlussfolgert. "Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten", schrieb vor vielen Jahren ein anderer Journalist. Wer gegen die Talgkerze kämpft, stellt sich der Aufklärung in den Weg. Wer gegen Kamele als Fortbewegungsmittel ist, ist islamophob. Wer die Sklaverei ablehnt, lehnt die attische Demokratie und die Philosophie samt Sokrates und Plato ab.

Ich will einfach nicht in einer Welt leben, in der Journalisten so etwas niederschreiben, ohne sich zu schämen. Und muss doch Welt und Mediensystem mit ihnen teilen.

Am besten gar nicht mehr Zeitung lesen und nur noch aus dem Fenster schauen.

Dienstag, 30. Juli 2019

Die Digital-Diktatur der anderen revisited

Kürzlich habe ich die Berichterstattung über Social Credit-Systeme in China kritisiert. Ich zitiere mich eben mal selbst:
Es gibt in Wirklichkeit kein einheitliches System der Bewertung der Bürger in China, ein solches System ist auch nicht in Planung.
Leider ist diese Aussage nur halbrichtig. Korrekt ist: Es gibt bisher kein einheitliches System, und ob in der Zukunft eines entstehen wird, ist unklar. Stattdessen existiert ein Flickenteppich aus Datenbanken von Lokalregierungen und kommerziellen Anbietern, die keine Informationen untereinander austauschen. Dabei handelt es sich meist um Systeme, die mithilfe von Scoring-Verfahren die Kreditwürdigkeit bewerten. Andere kommerzielle Systeme funktionieren wie Rabattkarten. Eine Handvoll Provinzregierungen arbeitet mit Listen, die besonders vorbildliche Mitbürger verzeichnen beziehungsweise notorische Gesetzesbrecher.

Falsch ist allerdings, dass es keine offiziellen Planungen gab. 2014 veröffentlichte der Staatsrat der Volksrepublik ein Strategiepapier mit dem Titel „Umrisse für die Einführung eines Sozialkredit-Systems“. Die Bewertungsverfahren sollen Anreize für gesetzestreues Verhalten schaffen, schädliche Spekulation und Korruption zurückdrängen und dadurch das gesellschaftliche Vertrauen fördern. Das Papier argumentiert rein ökonomisch, von politischer Subversion ist nicht die Rede.

Ein Jahr später erlaubte die Regierung acht Technologiefirmen, Social Credit-Systeme zu entwickeln, darunter auch einer Tochterfirma des Konzerns Alibaba. Letztere entwickelte daraufhin Sesame Credit, ein Score, in den Signale aus der Internetkommunikation einfließen. Allerdings entschied die Regierung bereits 2017, dass kein bestehendes System auf die Nation insgesamt ausgeweitet und verpflichtend werden sollte. Ob ein einheitliches System entstehen wird, das jeden chinesischen Bürger erfasst, ist unklar. Ich habe Genia Kostka deswegen angeschrieben, die zu diesem Thema forscht. Sie sagt, dass die Zentralregierung nächstes Jahr wahrscheinlich eine neue Strategie veröffentlichen wird.

Der chinesische Staat nutzt die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung um die Bevölkerung zu überwachen und seine Propaganda zu streuen, teilweise einschließlich von Online-Pragern. Aber er führt die diversen Datenquellen bisher nicht zusammen, wenigstens nicht öffentlich und allgemein. Deutsche und amerikanische Journalisten und Experten verfassen dennoch Seite um Seite über den asiatischen Big Data Brother. Wie zu Beispiel Axel Dorloff, der ARD-Korrespondent (!) in Peking, der dichtet:

Wer schaut heimlich Pornos? Wer lästert über die Partei in den sozialen Netzwerken? Wer fährt einfach bei Rot über die Ampel? Wer pflegt seine Eltern nur halbherzig? Wer wirft seinen Müll auf die Straße? Die chinesische Regierung will Antworten auf all diese Fragen. Daher durchleuchtet der Einparteien-Staat seine Bürger digital bis ins kleinste Detail.
Das passt zum Feindbild und läge doch so nahe. Stimmt halt nicht. Ich empfehle einen neuen Artikel von Wired, der nicht nur einen Überblick über die chinesische Situation gibt, sondern auch zu erklären versucht, wie es zu dem Missverständnis kam. Dass Projektion dabei eine Rolle spielte, dabei bleibe ich.

Montag, 22. Juli 2019

Den Menschen überwinden (was immer das sein mag)

Letzte Woche kündigte Elon Musk (immer gut für ein bitteres Lachen) an, seine Firma Neurolink sei demnächst so weit, menschliche Gehirne sozusagen mit einer Computerschnittstelle zu versehen. Elon Musk gehört nämlich, wie viele andere reiche Unternehmer aus der Branche Internetwirtschaft und Digitaltechnik, zu den sogenannten Transhumanisten. Er träumt von der Optimierung des menschlichen Körpers, seine Ausrüstung und schließlich Vermelzung mit Maschinen.

Den Menschen überwinden zu wollen, ist bekanntlich keine neue Idee. Die Vorstellung "des Menschen", der da überwunden werden soll, ist aber im zeitgenössischen Transhumanismus eine bloße Ansammlung ideologischer Axiome. Er führt Versatzstücke (populärwissenschaftlicher) Evolutionstheorie, viel Spieltheorie und Neoklassik zusammen, verrührt sie mit "kalifornischer Ideologie", aber auch Eugenik und Sozialdarwinismus. Für Telepolis habe ich den Autor Max Schnetker interviewt, der kürzlich das Buch "Transhumanistische Mythologie - Rechte Utopien einer technologischen Erlösung veröffentlicht hat. Max nähert sich der transhumanistischen Ideologie religionswissenschaftlich, denn:

Auf den ersten Blick lehnen Transhumanisten alles Übernatürliche ab, wozu sie unter anderem Subjektivität, Bewusstsein, Emotion und Wille zählen. Gerade deshalb kehren mystische Vorstellungen zurück, um die entstehenden Lücken zu füllen.
In dem Interview geht es um Körpervorstellungen in der KI-Forschung, Rationalität und Mythen über Rationalität.

Dienstag, 16. Juli 2019

Die Digital-Diktatur der anderen

Der Beitrag „Kapitalismus geht auch ohne Demokratie“, Anfang Juni in der Zeit erschienen, ist nicht mehr so richtig frisch. Ehrlich gesagt würde er wahrscheinlich im Discounter meiner Wahl schon einen dieser "30 % Rabatt"-Aufkleber verpasst bekommen. Dennoch lohnen sich einige Anmerkungen, glaube ich, denn dieser kurze Artikel steht beispielhaft für die verzerrte Wahrnehmung Chinas - und die verzerrte Selbstwahrnehmung des sogenannten Westens.

Verfasst haben den Text Thomas Beschorner (Professor an der Universität St. Gallen), Léa Steinacker (Magazin ada) und Miriam Meckel (beides). Ada ist eine Tochter des Handelsblatts mit ganz viel Digitalisierung. Die Autorinnen behaupten, kurz gefasst: die Volksrepublik China könne wegen der Fortschritte in der Informationstechnik in der Lage sein, die europäischen und nordamerikanischen Staaten wirtschaftlich zu übertreffen. Durch umfassende Datenerhebung und deren automatische Auswertung (mittels "Künstlicher Intelligenz") werde erstmals in der Geschichte eine effiziente zentrale Planung der Produktion möglich. Westliche – „liberale“ – und asiatische – „diktatorische“ – Gesellschaften stünden daher in einem „Systemwettbewerb“.

An dieser Darstellung wäre vieles richtig zu stellen, aber ich will mich auf einen Aspekt beschränken. Die neue Angst vor der Gelben Gefahr beruht auf der wachsenden Weltmarktkonkurrenz, nicht auf (zweifellos vorhandenen) Unterschieden der Herrschaftsform. Die Digitalisierung sorgt sogar dafür, dass sie einander in gewisser Hinsicht ähnlicher werden.

Der westliche Blick auf China ist verzerrt durch Angst und Begehren. Deutlich wird dies am „Social Credit Score“, der als „umfassendes gesellschaftliches Steuerungssystem, das 2020 landesweit verpflichtend zum Einsatz kommen soll“, beschrieben wird. Aber obwohl unzählige Fernsehbeiträge und Berichte und sogar einige Bücher dieses Punktesystem zum Paradebeispiel für die chinesische Digital-Diktatur stilisiert haben, gibt es in Wirklichkeit kein einheitliches System der Bewertung der Bürger in China, ein solches System ist auch nicht in Planung.

Dass dieses Missverständnis trotz vieler Korrekturversuche beharrlich weiterverbreitet wird, ist kein Zufall. Bei der Geschichte vom Social Credit System als Waffe in der Hand des chinesischen Big Data Brother handelt es sich um eine Projektion im psychoanalytischen Sinn: Eigenes wird abgespalten und anderen zugeschrieben. Keine individuelle Fehlleistung natürlich, sondern aus dem kollektiven Unbewussten der liberalen, demokratischen und kapitalistischen Gesellschaft entsprungen. Die enormen Möglichkeiten der Verhaltenslenkung durch eine umfassende Vernetzung und Zentralisierung locken und ängstigen nicht nur chinesische, sondern auch deutsche Funktionäre. Durch Anreize in der ganzen Lebenswelt erwünschtes Verhalten herstellen, ist ein kybernetisches Ideal.

Und es stimmt ja: Effizienzgewinne durch die Digitalisierung entstehen, weil Verschwendung vermieden und vorhandene Ressourcen besser ausgelastet werden. Produktiv ist Digitaltechnik als Steuerung – und daher kann sie ihr Potential am besten gesamtgesellschaftlich entfalten, als natürliches Monopol und Gemeingut, als Datenverarbeitung, die eben alles und jeden erfasst. Der Nutzen der Suchmaschine Google beispielsweise beruht darauf, dass sehr viele Menschen sie benutzen. Wegen der Netzwerkeffekte sind viele Suchmaschinen weniger effizient als eine einzige. Solche Netzwerkeffekte finden sich überall, wo Digitaltechnik sinnvoll eingesetzt werden kann, ob im Verkehr oder der Landwirtschaft, in der industriellen Fertigung oder der Krankenversorgung. Kollektive Effizienz widerspricht aber grundsätzlich dem Bedürfnis von Einzelnen nach Privatheit.

Zugegeben, der chinesische Polizeistaat setzt die Möglichkeiten der KI wie Gesichts-, Bild- und Texterkennung rücksichtslos ein, um Oppositionelle zu verfolgen und missliebige Meinungen zu unterdrücken. Allerdings existieren für private Unternehmen durchaus Hürden durch den chinesischen Datenschutz und westliche Staaten nutzen die gleichen Überwachungspotentiale, wenn auch nicht in gleichem Umfang. Auch in dieser Hinsicht unterscheiden sich also die beiden Systeme weniger, als die Autorinnen von „Kapitalismus geht auch ohne Demokratie“ glauben. In ihrer Geschichte wird die Entwicklung von technischen Fortschritten vorangetrieben. Aber die Unterschiede zwischen dem "Staatskapitalismus" dort und dem "Marktkapitalismus" hier sind deutlich geringer, als sie annehmen. Außerdem fallen sie wie viele Kommentatoren auf die Propaganda des chinesischen Staates herein, dessen Industrie- und Handelspolitik (Made in Chia 2015, Belt and Road Initiative) weit weniger erfolgreich ist, als er selbst behauptet. Wahr ist: er setzt sich über den Interessenpluralismus hinweg, legt die Richtung der ökonomischen Entwicklung fest (indem er beispielsweise Investitionen in den Immobilienmarkt behindert) und mobilisiert Investitionen. Die bestehenden Unterschiede zwischen den "Systemen" sind makroökonomisch. Der Einsatz der Technik ähnelt sich durchaus.

Montag, 8. Juli 2019

Mittwoch, 26. Juni 2019

"Gelbe Gefahr 4.0"

Antichinesische Karikatur

Ziehen die Amerikaner unter einem erratischen Präsidenten die Europäer hinein in ihren Handelskrieg gegen China? Nein, in Wirklichkeit ist es komplizierter. Auch aus Europa und besonders aus Deutschland kommen zunehmend protektionistische und anti-chinesische Töne. Gestern brachte Zeitfragen / Deutschlandfunk Kultur mein Feature zum Thema.

Beim G20-Treffen am Wochenende werden die Verhandlungen zwischend Chinesen und Amerikanern weitergehen. Vielleicht geschieht ein Wunder und die beiden Seiten finden einen Kompromiss. Aber mittelfristig bleibe ich bei meinem Fazit:

Die Reste von Vertrauen zwischen Europa, China und Amerika kommen abhanden. Die bisherige Ordnung der internationalen Politik und des Weltmarktes zerbricht.

Montag, 24. Juni 2019

Machtworte


Noch ein Grund, web.de zu lieben: Sehnen sich die Nutzer nach Machtworten wie Masochisten nach der Peitsche? Nennen wir es Postdemokratie. Hilfsausdruck.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Und dann gibt es diese Momente, da liebe ich web.de. Im Jemen herrscht Krieg, im Sudan wird eine Demokratiebewegung blutig unterdrückt, die Spannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten eskalieren ... mein Email-Provider erinnert mich daran, was eigentlich wichtig ist ...

Dienstag, 4. Juni 2019

Montag, 27. Mai 2019

Beschämen in aller Öffentlichkeit

Noch ein Grund, web.de zu hassen: das unaufhörliche Debattieren über die Körper anderer Menschen. Gerne auch in der vermeintlich besorgten Variante, wie hier. "Um Gotes Willen Kind, wie siehst du denn aus!"

Freitag, 24. Mai 2019

Fifty shades of Forschungsfreiheit

„Forschung und Lehre sind frei“. So heißt es kurz und knapp im Grundgesetz. Gestern brachte Zeitfragen ein Radiofeature von mir über den Stand der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland – knapp 30 Minuten über Hochschul- und Forschungspolitik.

Ich habe mich mit diesem Stück sehr schwer getan, viel geschrieben und wieder verworfen, noch mehr als üblich. Das lag daran, dass der Begriff der Freiheit in „Forschungsfreiheit“ in vielen Farben schillert. Bin ich überhaupt für die Freiheit der Wissenschaft? Da muss ich lange nachdenken und komme schließlich zu einem entschiedenen „Das kommt darauf an“.

Der englische Kulturkritiker Matthew Arnold fasste das Problem einmal mit dem schönen Satz, die Freiheit sei ein gutes Pferd, aber nur, wenn man wisse, wohin man reiten will. Er meinte damit, dass die Anrufung von Freiheit immer dann ideologisch und fruchtlos wird, wenn nicht zugleich über Zwecke gesprochen wird – wozu die Freiheit eigentlich dienen soll.

Isaiah Berlin formuliert die nützliche Unterscheidung zwischen positiver und negativer Freiheit, der Freiheit von äußerem Zwang und der Freiheit zu tatsächlichem Handeln. Die negative Freiheit der Wissenschaft ist ein liberales Abwehrrecht:

Sie berechtigt zur Rücksichtslosigkeit: Bei ihrer Suche nach Erkenntnis müssen Forschende sich nicht um religiöse Gefühle oder Weltanschauungen kümmern. Kein Pfarrer oder Imam, kein Präsident oder Parteivorsitzender darf ihnen den Mund verbieten. Sie sind der Wahrheit verpflichtet. Sonst niemandem.
Klingt gut. Allerdings handelt es sich bei den „Trägern der Wissenschaftsfreiheit“ (um es im Verfassungssprech auszudrücken) längst nicht mehr um reiche Privatgelehrte wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt, die ihren Interessen folgen konnten, wo immer die hinführten. Wissenschaft wird heutzutage zu einem großen Teil von Lohnabhängigen betrieben, Angestellten im Wissenschaftsbetrieb. Arbeitsverhältnisse und Verdienst unterscheiden sich sehr, an der Spitze können spezialisierte Wissenschaftler selbst zu Unternehmern werden. Insgesamt aber geht die Entwicklung hin zur abhängigen beziehungsweise scheinselbständigen Beschäftigung.

Wissenschaft ist keine Angelegenheit von Eliten mehr. Die Suche nach Erkenntnis war schon immer kollektiv, aber heute vollzieht sie sich in einer Arbeitsteilung, die sich immer weiter ausdifferenziert, und sie wird von so vielen Menschen wie nie zuvor betrieben.

Wissenschaft ist institutionalisiert und wird hauptsächlich vom Staat finanziert. Ihre Freiheit (im emphatischen Sinn) ist aus diesem Grund gefährdeter als früher. Regierungen können in der Regel einfach die finanzielle Förderung einstellen, ausdrückliche Verbote und Zensur sind gar nicht notwendig.

Kurz gesagt, die wissenschaftliche Praxis ist heute finanziell abhängig und instituionell eingebunden. Was bedeutet unter diesen Umständen positive Wissenschaftsfreiheit? Ich glaube, sie hat einen praktischen Kern, der über Normen und Traditionen hinausgeht, nämlich: Wissenschaft gibt sich ihre Gesetze selbst. Sie beurteilt ihre Leistungen, vor allem durch den peer review, die Begutachtung durch Gleichrangige. Anders wäre das auch gar nicht möglich, schließlich handelt es sich um spezialisiertes Wissen, das Laien und Fachfremde nicht verstehen würden. Wissenschaft entscheidet zudem selbst, was als relevanter wissenschaftlicher Beitrag zählt und was nicht (dies übrigens vielfach ungerecht und falsch, wie sich dann einige Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte später herausstellt). Kurz, allein Wissenschaft definiert, was (gute) Wissenschaft bedeutet.

Diese "Eigengesetzlichkeit" ist meiner Ansicht nach der eigentliche, der materialistische Kern der Autonomie der Wissenschaft gegenüber dem "System Politik" und dem "System Wirtschaft". In den bürgerlichen Gesellschaften bis zu den Weltkriegen im 20 Jahrhundert sah die Aufgaben- und Machtteilung vor, dass die Wissenschaft sich selbst regiert und Staat und Kapital die Früchte ernten. Seitdem sehen wir aber (zumindest in der anwendungsorientierten Forschung) ein zunehmende Verstaatlichung im Sinne von Instrumentalisierung und Lenkung.

Dieser säkulare Trend endete gerade nicht mit dem Keynesianismus, sondern setzt sich bis heute fort. Dass die praktische Freiheit der Wissenschaft im Neoliberalismus nicht zu-, sondern abnahm, wird verdeckt durch die besondere Art der Lenkung, für die Staat und Kapital die Instrumente des New Public Management einsetzen: die Zielvorgabe, die strafbewehrte Kennzahl, das prekäre Beschäftigungsverhältnis und die Freiberuflichkeit. Zugespitzt gesagt, die Autonomie der Wissenschaft im Neoliberalismus ist eine gelenkte Autonomie, eine "verantwortliche Autonomie" (um den industriesoziologischen Ausdruck zu verwenden). Der Wissenschaft wird nicht vorgegeben, wie sie ihre Ziele erreicht, aber durchaus, welche Ziele. Sie sucht sich aus, wie sie dient. Nicht ob.

So wenigstens funktionierte die Arbeitsteilung zwischen Politik und Wissenschaft in den liberalen Gesellschaften. Nun drängen autoritäre und nationalistische Kräfte an die Macht, die sich nicht mehr an die Spielregeln halten. Politiker haben immer ein instrumentelles Verhältnis zur "wissenschaftlichen Wahrheit" gehabt, sie nutzen sie wahlweise als Argumentationshilfe (wenn es schnell gehen muss) oder als Verzögerungstaktik (wenn sich nichts ändern soll, in der Art „Das werden wir wissenschaftlich untersuchen lassen und in fünf Jahren die Studienergebnisse sorgfältig prüfen ...“). Trump, Erdogan, Orban und all die anderen sind ein anderes Kaliber. Sie greifen die Definitionsmacht der Wissenschaft an, was als Fakt zu gelten hat und was nicht. Das ist tatsächlich brandgefährlich.

Deshalb bin ich solidarisch mit allen, die die Freiheit der Wissenschaft gegen Übergriffe durch Regierungspolitiker, Bürokraten oder den Mob verteidigen, auch solidarisch mit dem March for Science. Nur gehört meiner bescheidenen Meinung nach zur Verteidigung der Wissenschaft eben auch, vor der eigenen Tür zu kehren. Sich über Impfgegner, Homöpathen und Verschwörungstheoretiker lustig zu machen, ist zu billig. Gerade Wissenschaftler müssen die Fehlentwicklungen im System und ihre Ursachen schonungslos benennen, um der Desinformation und Propaganda, manchmal auch einfach dem Aberglauben und Wunschdenken keine Angriffsfläche zu bieten. Und so möchte ich auch mein Feature verstanden wissen:

Fragwürdige Qualitätsstandards, der Einfluss von Kapitalinteressen, prekäre Arbeitsverhältnisse – Probleme in der Forschung gibt es reichlich. Sie zu lösen wäre das einfachste und wirksamste Mittel gegen die grassierende Wissenschaftsskepsis.

Donnerstag, 16. Mai 2019

Wiglaf Droste ist tot

Ist der Zirkus noch so klein
Einer muss der Affe sein
"Phrasen aufspießen", das ist auch so eine. Als ich anfing zu lesen, waren da Tucholski und Brecht, auch Erich Kästner, später Karl Kraus (dessen Polemik mir mittlerweile nichts mehr sagt, anderes Thema). Wiglaf Droste passte in diese Reihe, denn er hat auch meine Wahrnehmung für das Geplapper und Gelaber geschärft. Er hat Phrasen nicht aufgespießt, sondern eher zerrieben. Mit Humor lassen sie sich auf Abstand halten. Wer die sprachliche Belästigung zurückweist, bewahrt ein wenig Würde in einer würdelosen Welt.

Er fehlt bereits.

Dienstag, 7. Mai 2019

Wie Arbeitgeber ihre Beschäftigten beherrschen

Warum taucht die alltägliche Kontrolle und Gängelung der Lohnabhängigen im öffentlichen Diskurs und in der wissenschaftlichen Debatte überhaupt nicht auf? Diese Frage will die Sozialphilosophin Elizabeth Anderson in ihrem neuen Buch "Private Regierung" beantworten und kritisiert einige Grundannahmen der Neoklassik.
Warum erkennen wir einen solch allgegenwärtigen Teil unserer sozialen Verhältnisse nicht als das, was er ist? Stattdessen reden wir so, als ob Arbeitnehmer von ihren Vorgesetzten nicht beherrscht werden. Warum sprechen wir, als ob sie bei der Arbeit frei sind und die einzigen Gefahren für unsere individuelle Freiheit vom Staat ausgehen?

Es wird noch immer unentwegt die gleiche Rechtfertigung für die Marktgesellschaft vorgebracht – dass sie die persönliche Unabhängigkeit der Arbeiter vor willkürlicher Autorität schützen würde – die sich in Hinblick auf ihre ursprüngliche Ambition längst als gescheitert erwiesen hat. Wie Patienten, die eine ihrer Körperhälften nicht wahrnehmen können, kann eine große Klasse dem Liberalismus zuneigender Denker und Politiker eine Hälfte der Ökonomie nicht wahrnehmen: jene Hälfte, die sich jenseits des Marktes abspielt, nachdem der Arbeitsvertrag geschlossen wurde.

Die Sendung "Andruck" / Deutschlandfunk brachte vorgestern meine Besprechung. Eine ausführlichere und genauere Rezension ist diesen Monat in der Konkret erschienen, die stelle ich demnächst ins Netz.

Samstag, 27. April 2019

Im Dutzend billiger


Wenn wir das mit der Zahl der Toten multiplizieren, sind die Opfer noch öfter gestorben. Diese Schlagzeile bleibt stundenlang unkorrigiert.

Dienstag, 23. April 2019

Freitag, 12. April 2019

Donnerstag, 4. April 2019

Risse im Weltmarkt

Was lernen wir aus dem Fall Huawei? "Risse im Weltmarkt" , der dritte und letzte Teil meiner kleinen Serie, ist bei Telepolis erschienen.
"Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes", verkündete John Barlow von der Electronic Frontier Foundation in seiner berühmt-berüchtigten "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace". "Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr", heißt es dort, und: "Das Cyberspace liegt nicht innerhalb eurer Grenzen." Was für ein Pathos! John Barlow stellte nicht weniger in Aussicht als die Abschaffung des Territoriums und die Überwindung des Nationalen. Zwei Jahrzehnte später klingt sein Manifest naiv und gleichzeitig utopisch in einem guten Sinn: Wäre es denn nicht wünschenswert, es gäbe einen Raum für den globalen Austausch, in dem die Herrschenden nichts zu sagen hätten? Der überdrehte Internet-Enthusiasmus war eng verwoben mit einer unangefochtenen amerikanischen Vorherrschaft und der Globalisierung. Nun kehrt das Territorium mit Macht zurück, und zwar im geopolitischen Sinn: als Raum der Machtausübung und Einflusssphäre.
Besucher, die diesen Artikel gelesen haben, lasen auch:

Teil 1: Cyberattacken, Handelskrieg und der Wunsch nach "technologische Souveränität"

Teil 2: Handelskrieger mit dem Rücken zur Wand

Montag, 1. April 2019

Donnerstag, 21. März 2019

Handelskrieger mit dem Rücken zur Wand

Der Ausdruck "Putin-Versteher" wird ja in gewissen Kreisen als Schimpfwort benutzt. Im zweiten Teil meiner Huawei-Serie versuche ich mich als Trump-, Xi Jinping- und sogar als Merkel-Versteher!
Zieht Präsident Trump Deutschland hinein in den Handelsstreit mit China - sind wir gar ein "Frontstaat im globalen Wirtschaftskrieg", wie die Wirtschaftswoche kürzlich schlagzeilte? Die Lage ist komplizierter: Deutschland verfolgt durchaus eigene Interessen und sieht sich durch den chinesischen Aufstieg herausgefordert.

Freitag, 15. März 2019

Cyberattacken, Handelskrieg und der Wunsch nach "technologischer Souveränität"

Wer hat Angst vor Huawei? Bei Telepolis ist gerade ein neuer Text von mir über das Tauziehen um den chinesischen Mobilfunkausrüster erschienen. Ich gehe auch auf das deutsche Lavieren in dieser Angelegenheit ein und die Bemühungen der Regierung, eine Anti-Spionage-Vereinbarung mit der Volksrepublik abzuschließen.
Die Bundesregierung steckt in der Zwickmühle. Eine bilaterale Einigung mit den Chinesen wäre eine Provokation gegenüber den USA. Die Amerikaner haben deutlich gemacht, dass sie sich auf Kompromisse nicht einlassen wollen (zum Beispiel Huawei aus den Kernnetzen oder den Metropolen herauszuhalten). Insofern kann die Regierung sich nur aussuchen, wem sie nicht auf die Füße tritt.
Ein zweiter Teil erscheint in den nächsten Tagen. Er soll die ziemlich verworrene Interessenslage in allen drei Machtblöcken behandeln. Die politischen und ökonomischen Ambitionen der Chinesen fordern die Vereinigten Staaten und auch Deutschland heraus. China will aufholen (aber noch ist die Aufholphase nicht vorbei, auch wenn in der Presse oft das Gegenteil behauptet wird!), in der Robotik, Computertechnik, im Maschinenbau und in der Biomedizin.

Bei zeitgemäßer Propaganda müssen sie allerdings noch üben:

Donnerstag, 7. März 2019

Nichts Neues vom "Autonomen Fahren"

"Ich hab's euch ja gesagt!" gehört unbedingt in die Kiste der verbotenen Sätze, direkt neben "Ich liebe dich, aber ..." und "Okay, das ist halt deine Meinung!" Ich bitte um Nachsicht, dass ich es mir in diesem Fall wirklich nicht verkneifen kann, darauf hinzuweisen, dass - Vorsicht, gleich kommt's! - ich bereits vor Jahren geschrieben habe:

Ob dieses sogenannte Autonome Fahren sich jemals durchsetzen wird, ist überhaupt noch nicht klar.

Ich zitiere mich mal kurz selbst, "Automatisierung und Ausbeutung" (2017), Seite 94:

Das Beratungsunternehmen McKinsey beispielsweise prognostiziert, dass bis zum Jahr 2025 jeder dritter Lastwagen automatisiert fahren wird. Mit dieser Aussage lehnen sich die Experten gefährlich weit aus dem Fenster. Ich will eine Vollautomation der Individualverkehrs nicht für alle Zeiten ausschließen, aber im Moment setze ich mich bestimmt noch nicht auf die Rückbank. Die selbstfahrenden Autos sind Assistenzsysteme, die in schwierigen und unklaren Situationen den Fahrer warnen und ihm die Steuerung überlassen. Für eine Vollautomation wäre es notwendig, dass die Systeme auf unerwartete Ereignisse – ein Reh läuft quer über die Straße, ein Falschfahrer kommt entgegen – zuverlässig reagieren. Automatisierter Verkehr verlangt eine formalisierte, berechenbare Umgebung – mithin das genaue Gegenteil von Stadtverkehr.
Digitaltechnische Automation beruht immer noch auf Standardisierung, auf Berechenbarkeit eben. Obwohl die Algorithmen, die missverständlich schlau genannt werden, das Feld des Berechenbaren erweitern, stößt die Automatisierung im Straßenverkehr an Grenzen. Erstens lassen sich Verfahren auf der Basis von Künstlichen Neuronalen Netzen nur begrenzt nachvollziehen und sind entsprechend unzuverlässig. Dieses Problem lässt sich zudem nicht mit noch mehr Daten lösen, das Erfolgsgeheimnis des jüngsten KI-Welle versagt. Big Data oder auch Even Bigger Data macht keinen Unterschied, weil die Algorithmen im besten Fall Muster erkennen, aber ansonsten dumm wie Brot sind.

Zweitens wächst der Aufwand an Rechenkapazität, Energieverbrauch und daher Kosten so stark, dass letztendlich der rumänische Lastwagenfahrer vielleicht flexibler und billiger sein könnte.

Kann nicht sein? Bei den Buchpräsentationen können viele Besucher meine Skepsis nicht nachvollziehen, kein Wunder, schließlich weiß jeder Zeitungsleser, dass KI alles verändern wird. Aber wenigstens einer, der sich beim Autonomen Fahren viel besser auskennt als ich, sieht es ähnlich. Thomas Sedran, der Vorstandsvorsitzende der VW-Nutzfahrzeugsparte, wird von der FAZ zitiert mit

Angesichts hoher Kosten und langer Entwicklungszeiträume sei es schwierig, ein komplett autonomes Auto für jedermann anzubieten. Die Komplexität der damit verbundenen Probleme verglich er mit denen einer bemannten Mission zum Mars.
Daimler und BMW haben angekündigt, gemeinsam bessere Assistenzsysteme entwickeln zu wollen und die sogenannten Autonomiestufen 3 und 4 anzugehen.
Dabei hilft das Auto dem Fahrer nicht nur, sondern überwacht den Verkehr, steuert, beschleunigt und bremst in vielen Fahrsituationen selbst.
Die Daimler- und BMW-Entwickler seien überzeugt, heißt es in dem Artikel,
dass Autos dem Fahrer künftig immer komplexere Aufgaben abnehmen. Zuerst werde das im Premiumsegment geschehen.
Eine Zusatzleistung im oberen Preissegment, bevor der Fahrer wieder auf Handbetrieb umschaltet und sich auf der linken Autobahnspur austobt. Wahrscheinlich hat der jüngste KI-Hype seinen Höhepunkt überschritten. Er wäre nur lästig und nicht der Rede (und Schreibe) wert, wenn diese futuristischen Verheißungen nicht den wirklich wichtigen Fragen im Weg stehen würden. Welche Sorte von Verkehr und für wen wollen wir eigentlich haben? Welches der drängenden Probleme soll das Autonome Fahren eigentlich lösen?

Freitag, 1. März 2019

Fun fact # 36: Kindheit

Not so funny after all: Immer mehr Kinder und Heranwachsende werden als psychisch gestört diagnostiziert. Ihr Anteil an der Bevölkerung bis zu einem Alter von 18 Jahren stieg von 23 Prozent im Jahr 2009 auf 28 Prozent im Jahr 2017. Besonders häufig sind die Diagnosen Depressionen, Verhaltens- und Entwicklungsstörung und ADHS.

Quelle

Mittwoch, 27. Februar 2019

Der Fall Huawei - Auftakt zum Cyber-Handelskrieg?

Huawei-Werbung in Neuseeland
Gestern brachte der Deutschlandfunk meinen "Hintergrund"-Beitrag "Zwischen Cybersicherheit und Handelspolitik" zum Tauziehen um den chinesischen Mobilfunkausrüster Huawei. Ich stelle dar, was dran ist an den Vorwürfen gegen das Unternehmen (und was nicht) und warum es der Bundesregierung so schwer fällt, sich zu entscheiden, ob sie dem amerikanischen Drängen auf einen Ausschluss von Huawei nachgeben soll.

In einer lesenswerten Analyse hat Daniel Voelsen von der Stiftung Wissenschaft und Politik diese Gemengelage sortiert. Deutschland hat seiner (und meiner) Meinung nach drei Möglichkeiten: "Fortführung der bisherigen Politik" (Huawei darf mitmachen, Konsequenz: ein Affront gegen die amerikanischen "Falken"), "Schulterschluss mit den USA" (höhere Kosten, langsamerer Einführungen von 5G und damit eine Verzögerung zentraler Digitalisierungsprojekte) und schließlich "eine rein europäische Lösung" (dito, ein Affront gegenüber beiden Großmächten). Daniel Voelsen schließt:

Bei der Kontroverse um 5G gehe es neben technischen Sicherheitserwägungen im engeren Sinne auch um wirtschaftliche und geopolitische Fragen von erheb­licher Reichweite.
Die Sache ist immer noch sehr in Bewegung, will sagen: diverse Interessensgruppen versuchen weiterhin, sich durchzusetzen. Da sind Transatlantiker, Mobilfunkprovider, deutsche Unternehmen, die unbedingt einen schnellen Breitbandausbau wollen, Unternehmen, die ohne den chinesischen Markt morgen dicht machen müssen, und solche, denen chinesische Konkurrenten zunehmend Marktanteile streitig machen. Es stimmt keineswegs, dass Amerika Deutschland hineinzieht in einen Handelskrieg gegen China: starke Kräfte auch in Detschland wollen die asiatische Großmacht eindämmen. Dieser Widerspruch von Konkurrenz und Abhängigkeit spiegelt sich in der Huawei-Debatte und der Riss geht quer durch alle Parteien (bemerkenswerterweise versuchen gerade die Grünen, die mit dem Argument Cybersicherheit die Regierung vor sich herzutreiben!), quer durch die Ministerien und die Wirtschaftsverbände. Da wage ich lieber keine Prognose, wer sich schließlich durchsetzen wird.

Dienstag, 12. Februar 2019

Der Fall Huawei: Cybersicherheit und / oder Handelskrieg?

Der amerikanische Außenminister reist gerade durch Osteuropa und warnt vor dem chinesischen Konzern Huawei. In immer mehr Ländern wird das Unternehmen ausgeschlossen, auch die deutsche Regierung unternimt offenbar Schritte in diese Richtung. Aber geht es wirklich um die Angst vor Spionage und Sabotage übers Internet? Ziehen die USA Deutschland in ihren Handelskrieg mit China - oder zieht Deutschland vielleicht von ganz alleine in den Krieg?

Mein Radiobeitrag für Impuls / SWR 2 "Mobilfunk 5G: Droht mit Huawei Einfluss aus China?" kann hier angehört werden.

Montag, 11. Februar 2019

1 zu 147 000

Heute entscheidet Facebook, was Meinungsfreiheit bedeutet.
Das sagte die Bundesjustizministerin Katarina Barley vor einigen Wochen zu mir. Wie weit darf der Staat sich einmischen in das Zirkulieren von Nachrichten und Meinungen? Darf er beispielsweise die Plattformen zwingen, bestimmte Publikationen algorithmisch zu bevorzugen, um Verschwörungstheorien und Falschmeldungen zurückzudrängen?

Um diese Fragen dreht sich mein Feature "Selbstkontrolle im Netz", das vor einigen Tagen beim SWR ausgestrahlt wurde. Meine These: Die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation kommt in der Gestalt einer Privatisierung. Aber anders als viele netzpolitische Aktivisten glauben, ist die privatrechtliche Organisation kein Schutz vor staatlicher Überwachung und Lenkung.

Die Plattformen, die den Marktplatz der Meinungen zur Verfügung stellen, verfolgen natürlich kommerzielle Interessen. Weil sie ihre Kosten niedrig halten wollen, wickeln sie ihre Inhaltskontrolle nach Möglichkeit mit Künstlicher Intelligenz und Arbeit für Niedriglohn ab. Für das Feature konnte ich mit einigen Moderatoren sprechen, die bei Arvato Facebook-Posts kontrollieren - unter erbarmungswürdigen Bedingungen.
Das Fazit:

Ob Facebook, YouTube, Microsoft oder Google, alle Internetkonzerne lagern die Überprüfung der Inhalte aus. Content-Moderation bedeutet: Niedriglohn und permanente Überwachung, befristete Verträge und ein ständiger Austausch von Mitarbeitern.

Menschliche Arbeitskraft, um Beiträge zu überprüfen, passt nicht zum Geschäftsmodell dieser Unternehmen. Sie begreifen sich als „Plattformen“, „Online-Marktplätze“ oder auch „Portale“: als Technologieunternehmen, die Kommunikationskanäle zur Verfügung stellen, aber für die Botschaften, die dann über diese Kanäle verbreitet werden, nicht verantwortlich sind. Ihr rasantes Wachstum beruht eben darauf, dass sie immer größere Datenmengen bei gleichbleibenden Kosten verarbeiten – und so immer größere Erträge erzielen.


Die Regeln der Inhaltskontrolle - was wird gelöscht, was darf bleiben - sind extrem schematisch, weil sie schnell und ohne langes Nachdenken umgesetzt werden sollen. In einem hervorragenden Artikel von Max Fisher in der New York Times heißt es dazu:

How can Facebook monitor billions of posts per day in over 100 languages, all without disturbing the endless expansion that is core to its business? The company’s solution: a network of workers using a maze of PowerPoint slides spelling out what’s forbidden. The Facebook employees who meet to set the guidelines try to distill highly complex issues into simple yes-or-no rules. Then the company outsources much of the actual post-by-post moderation to companies that enlist largely unskilled workers, many hired out of call centers.
Auf etwa 147 000 Nutzer kommt bei Facebook ein Moderator, schätze ich. Dieser weltweite Durchschnitt verbirgt aber gewaltige Unterschiede. Ein erstaunlich großer Teil der Moderatoren in Europa kontrolliert den deutschsprachigen Markt. Exakte Zahlen dazu veröffentlicht Facebook nicht; Gerüchten zufolge sind es 80 Prozent. Das liegt wahrscheinlich an den gesetzlichen Vorgaben: Schließlich drohen hierzulande bis zu fünf Millionen Euro Bußgeld. Selbst ein Unternehmen wie Facebook, das letztes Jahr gut 14 Milliarden Euro Gewinn machte, bezahlt solche Summen nicht aus der Portokasse.

Für die Kontrolle in den weniger lukrativen und weniger riskanten Märkten in Asien, Afrika oder dem Nahen Osten setzt das Unternehmen kaum Ressourcen ein. Dies hat buchstäblich fatale Folgen. Denn in Ländern wie Libyen, Mexiko, Pakistan oder Indonesien werden ethnische und religiöse Minderheiten und politische Gegner mithilfe von Facebook und Whatsapp drangsaliert und verfolgt.

In Nigeria, sagen Bürgerrechtsaktivisten, liegt die Quote sogar bei nur einem Moderator pro sechs Millionen Nutzern. Bei ihrer Inhaltskontrolle handeln die Plattformen also durchaus opportunistisch. Wo sie es müssen, arrangieren sie sich mit den lokalen Machthabern und zensieren die jeweilige Opposition. (Dies gilt beispielsweise für Twitter und Facebook in der Türkei, ein Fallbeispiel das sich jemand einmal genauer anschauen sollte ...) Anderswo aber kümmern sie sich kaum um ihre Netzwerke, weshalb die dortigen Machthaber oft zu brachialen Mitteln wie Internetsperren greifen. Im Jahr 2018 gab es übrigens laut der Kampagne #keepiton weltweit 188 Internet-Shutdowns.

Dienstag, 29. Januar 2019

Fun fact # 35: Gesundheitliche Vorsorge

In einer Rezession sinkt die Sterblichkeit. Obwohl die Gesundheit von bestimmten Individuen unter den Folgen des wirtschaftlichen Abschwungs leidet - zum Beispiel durch psychische Erkrankungen wegen ungewollter Arbeitslosigkeit -, ist die Bilanz positiv.

Als Ursachen für die geringere Sterblichkeit werden weniger Arbeits- und Verkehrsunfälle und eine verbesserte Luftqualität genannt.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Der globale Zensor

Ein weltweites Netzwerk wie Facebook, mit seinen mehr als 2,2 Milliarden Nutzern, ist notwendigerweise auch ein globaler Zensor. Wie sortieren die Internetmedien ihre Beiträge? Welche Beiträge sortieren sie aus - und warum?

Über die Inhaltskontrolle der Internetmedien zirkuliert eine Unzahl von Gerüchten und Verschwörungstheorien. Leider kommt Medienkritik heute vor allem von rechts. Sie hat ein beklagenswertes Niveau, das über das ewige cui bono? nicht hinauskommt. Natürlich müssen wir Interessen analysieren, um zu erklären, warum Facebook manches löscht und anderes stehen läßt. Aber die rechte Medienkritik personalisiert und vereinfacht so sehr, bis eine Karikatur der Machtverhältnisse entsteht, oder, besser noch, ein Zerrbild. Da sagt der Soros der Merkel, was sie zu tun hat, und die Merkel sagt es dem Zuckerberg. Oder umgekehrt. "Die stecken alle unter einer Decke!" ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt dieser Kritik. Ihre Auswahl der angeblichen Schurken - der "Strippenzieher" - ist beliebig.

In Wirklichkeit ist die Inhaltskontrolle der Sozialen Medien viel komplizierter („War ja klar ...“), aber auch in gewisser Weise einfacher („Echt jetzt?“). Die Sozialen Medien sind nämlich in erster Linie eine kommerzielle Veranstaltung, anders gesagt: Es geht ihnen um Profit.

Gleichzeitig sind sie in erster Linie eine US-amerikanische Veranstaltung, weshalb der dortige Staat und die dortigen Interessensgruppen den maßgeblichen Einfluss haben. Im Zweifelsfall stehen den Konzernen die Entscheidungsträger in ihrer Heimat am nächsten. Aber kommerzielle und politische (auch "geostrategische") Interessen prallen durchaus aufeinander.

Mein Feature „Wie Facebook und Co. Inhalte aussortieren“, das heue vom WDR gesendet wurde, beschreibt die unterschiedlichen Ebenen der Inhaltskontrolle. Den brutalen Arbeitsalltags der Löschteams. Die redaktionelle Überprüfung durch Faktenchecker, ausgelagert an Organisationen wie Correctiv. Schließlich die Rolle von Sicherheitsbehörden und Organisationen wie dem Atlantic Council.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Gründe, web.de zu hassen, gibt es viele. Aber manchmal spüre ich auch eine Art Hassliebe in mir. Weil, in ihrer Plumpheit bringt diese Schlagzeilerei oft die Sogwirkung der veröffentlichten Meinung genau auf den Punkt. Wie diese hier:

Falls Zweifel bestanden, dass es bei den Brexit-Verhandlungen darum geht, das verräterische Albion ordentlich zu bestrafen: Abweichler aus den eigenen (europäischen) Reihen haben zu schweigen.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Kleine Ergänzung zur "Ökonomie des Populismus": Zündfunk Generator bringt ein ausführliches Interview mit Philip Manow, in dem Stärken und Schwächen des Buches schön deutlich werden.

Dienstag, 15. Januar 2019

Anmerkungen zu Krisengeschichte, proletarischer Erfahrung und Automatisierung

In der aktuellen Ausgabe der OXI schreibe ich über die Kardinalfehler der aktuellen Automatisierungsdebatte. Einer davon: die angeblich so smarten, autonomen, intelligenten, kognitiven Geräte denken nicht.
Das Verhältnis von Autonomie und Fremdbestimmung, zwischen Lohnarbeit und Gerät ist komplex. Es darf nicht nach einer Seite hin vereindeutigt werden, wie es etwa Marx mit seiner unglücklichen Formulierung vom Arbeiter als einem »bloßen Anhängsel der Maschinerie« tat. Die Lohnarbeiter wenden Maschinen an, die gleichzeitig sie anwenden sollen. Sie müssen sie kontrollieren können – sonst ist ihre Arbeit überflüssig –, aber gleichzeitig werden sie (über die datenproduzierende Maschine) vom Management kontrolliert. Die Lohnarbeit ist das denkende Werkzeug, der autonome Diener des Kapitals, so wie es die Automaten versprechen. Roboter wären tatsächlich die besseren Arbeiter, wenn sie nur nicht so furchtbar dumm wären.
Die Anwendung des eigenen Verstandes im Arbeitsprozess gehört durchaus zur proletarischen Erfahrung. Allerdings auch das Gegenteil, weil Arbeiterinnen und Arbeitern brutal klar gemacht wird, wo, wann und zu welchem Zweck er oder sie zu denken hat. Diesen Widerspruch zu ertragen, ist vielleicht das schwerste. Nennen wir's Entfremdung (Hilfsausdruck)

Das Heft lohnt sich insgesamt, schon wegen des wirklich schönen Layouts. Solltet ihr allerdings euch das wirklich nicht leisten können, empfehle ich die ungekürzte Version auf meiner Webseite.

Ist der Rechtspopulismus ein Rätsel?

"Kosmopoliten gegen Traditionalisten" - so erklärt sich Die Zeit den Schwenk nach rechts.
Wer wählt die AfD und warum?
Ich bespreche das neue Buch von Philip Manow "Die Politische Ökonomie des Populismus" für Andruck / Deutschlandfunk. Die Rezension ist eine Empfehlung mit Einschränkung, so wie das in dieser Sendung üblich ist.

Die Stärke von Manows Position wird am deutlichsten, wenn wir sie mit der Gegenposition kontrastieren - dem sozusagen kulturalistischen Ansatz. Sind es einfach kulturelle Verschiebungen, die dazu führen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung alles Fremde und Unbekannte ablehnt? Der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld beispielsweise spricht von einer bloß kulturellen Bedrohung, die der AfD die Wähler zutreibe. Handfeste ökonomische Interessen spielen angeblich keine Rolle. Im Herbst des vergangenen Jahres veröffentlichte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ein Papier von Martin Schröder mit dem bezeichnenden Titel: „AfD-Wähler sind nicht abgehängt, sondern ausländerfeindlich.“

Sonntag, 13. Januar 2019

Fun fact # 34: Migrationsgegner

In letzten Jahr wurden über 256 000 Menschen aus den USA abgeschoben. Die Zahl lag im Jahr 2012 mit 409 849 Abschiebungen deutlich höher. Insgesamt wurden während der Präsidentschaft Barack Obamas zwischen 2009 und 2015 etwa 2,5 Millionen Migrantinnen und Migranten abgeschoben - mehr als unter jedem anderen Präsidenten in der Geschichte der USA.

Quelle

Freitag, 4. Januar 2019

Gebt uns eure Daten, wir passen darauf auf

Keineswegs pikant, sondern ziemlich deftig ist das folgende Detail der Affäre um den jüngsten „Hackerangriff“: Der Twitter-Account, der die Daten schon seit Dezember verbreitet, wurde bereits vor Tagen der internen Inhaltskontrolle von Twitter gemeldet. Die erste Reaktion: keine Sperrung, sondern die Antwort, der Account verstoße nicht gegen die Nutzungsbedingungen.