Montag, 24. Juni 2019

Machtworte


Noch ein Grund, web.de zu lieben: Sehnen sich die Nutzer nach Machtworten wie Masochisten nach der Peitsche? Nennen wir es Postdemokratie. Hilfsausdruck.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Und dann gibt es diese Momente, da liebe ich web.de. Im Jemen herrscht Krieg, im Sudan wird eine Demokratiebewegung blutig unterdrückt, die Spannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten eskalieren ... mein Email-Provider erinnert mich daran, was eigentlich wichtig ist ...

Dienstag, 4. Juni 2019

Montag, 27. Mai 2019

Beschämen in aller Öffentlichkeit

Noch ein Grund, web.de zu hassen: das unaufhörliche Debattieren über die Körper anderer Menschen. Gerne auch in der vermeintlich besorgten Variante, wie hier. "Um Gotes Willen Kind, wie siehst du denn aus!"

Freitag, 24. Mai 2019

Fifty shades of Forschungsfreiheit

„Forschung und Lehre sind frei“. So heißt es kurz und knapp im Grundgesetz. Gestern brachte Zeitfragen ein Radiofeature von mir über den Stand der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland – knapp 30 Minuten über Hochschul- und Forschungspolitik.

Ich habe mich mit diesem Stück sehr schwer getan, viel geschrieben und wieder verworfen, noch mehr als üblich. Das lag daran, dass der Begriff der Freiheit in „Forschungsfreiheit“ in vielen Farben schillert. Bin ich überhaupt für die Freiheit der Wissenschaft? Da muss ich lange nachdenken und komme schließlich zu einem entschiedenen „Das kommt darauf an“.

Der englische Kulturkritiker Matthew Arnold fasste das Problem einmal mit dem schönen Satz, die Freiheit sei ein gutes Pferd, aber nur, wenn man wisse, wohin man reiten will. Er meinte damit, dass die Anrufung von Freiheit immer dann ideologisch und fruchtlos wird, wenn nicht zugleich über Zwecke gesprochen wird – wozu die Freiheit eigentlich dienen soll.

Isaiah Berlin formuliert die nützliche Unterscheidung zwischen positiver und negativer Freiheit, der Freiheit von äußerem Zwang und der Freiheit zu tatsächlichem Handeln. Die negative Freiheit der Wissenschaft ist ein liberales Abwehrrecht:

Sie berechtigt zur Rücksichtslosigkeit: Bei ihrer Suche nach Erkenntnis müssen Forschende sich nicht um religiöse Gefühle oder Weltanschauungen kümmern. Kein Pfarrer oder Imam, kein Präsident oder Parteivorsitzender darf ihnen den Mund verbieten. Sie sind der Wahrheit verpflichtet. Sonst niemandem.
Klingt gut. Allerdings handelt es sich bei den „Trägern der Wissenschaftsfreiheit“ (um es im Verfassungssprech auszudrücken) längst nicht mehr um reiche Privatgelehrte wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt, die ihren Interessen folgen konnten, wo immer die hinführten. Wissenschaft wird heutzutage zu einem großen Teil von Lohnabhängigen betrieben, Angestellten im Wissenschaftsbetrieb. Arbeitsverhältnisse und Verdienst unterscheiden sich sehr, an der Spitze können spezialisierte Wissenschaftler selbst zu Unternehmern werden. Insgesamt aber geht die Entwicklung hin zur abhängigen beziehungsweise scheinselbständigen Beschäftigung.

Wissenschaft ist keine Angelegenheit von Eliten mehr. Die Suche nach Erkenntnis war schon immer kollektiv, aber heute vollzieht sie sich in einer Arbeitsteilung, die sich immer weiter ausdifferenziert, und sie wird von so vielen Menschen wie nie zuvor betrieben.

Wissenschaft ist institutionalisiert und wird hauptsächlich vom Staat finanziert. Ihre Freiheit (im emphatischen Sinn) ist aus diesem Grund gefährdeter als früher. Regierungen können in der Regel einfach die finanzielle Förderung einstellen, ausdrückliche Verbote und Zensur sind gar nicht notwendig.

Kurz gesagt, die wissenschaftliche Praxis ist heute finanziell abhängig und instituionell eingebunden. Was bedeutet unter diesen Umständen positive Wissenschaftsfreiheit? Ich glaube, sie hat einen praktischen Kern, der über Normen und Traditionen hinausgeht, nämlich: Wissenschaft gibt sich ihre Gesetze selbst. Sie beurteilt ihre Leistungen, vor allem durch den peer review, die Begutachtung durch Gleichrangige. Anders wäre das auch gar nicht möglich, schließlich handelt es sich um spezialisiertes Wissen, das Laien und Fachfremde nicht verstehen würden. Wissenschaft entscheidet zudem selbst, was als relevanter wissenschaftlicher Beitrag zählt und was nicht (dies übrigens vielfach ungerecht und falsch, wie sich dann einige Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte später herausstellt). Kurz, allein Wissenschaft definiert, was (gute) Wissenschaft bedeutet.

Diese "Eigengesetzlichkeit" ist meiner Ansicht nach der eigentliche, der materialistische Kern der Autonomie der Wissenschaft gegenüber dem "System Politik" und dem "System Wirtschaft". In den bürgerlichen Gesellschaften bis zu den Weltkriegen im 20 Jahrhundert sah die Aufgaben- und Machtteilung vor, dass die Wissenschaft sich selbst regiert und Staat und Kapital die Früchte ernten. Seitdem sehen wir aber (zumindest in der anwendungsorientierten Forschung) ein zunehmende Verstaatlichung im Sinne von Instrumentalisierung und Lenkung.

Dieser säkulare Trend endete gerade nicht mit dem Keynesianismus, sondern setzt sich bis heute fort. Dass die praktische Freiheit der Wissenschaft im Neoliberalismus nicht zu-, sondern abnahm, wird verdeckt durch die besondere Art der Lenkung, für die Staat und Kapital die Instrumente des New Public Management einsetzen: die Zielvorgabe, die strafbewehrte Kennzahl, das prekäre Beschäftigungsverhältnis und die Freiberuflichkeit. Zugespitzt gesagt, die Autonomie der Wissenschaft im Neoliberalismus ist eine gelenkte Autonomie, eine "verantwortliche Autonomie" (um den industriesoziologischen Ausdruck zu verwenden). Der Wissenschaft wird nicht vorgegeben, wie sie ihre Ziele erreicht, aber durchaus, welche Ziele. Sie sucht sich aus, wie sie dient. Nicht ob.

So wenigstens funktionierte die Arbeitsteilung zwischen Politik und Wissenschaft in den liberalen Gesellschaften. Nun drängen autoritäre und nationalistische Kräfte an die Macht, die sich nicht mehr an die Spielregeln halten. Politiker haben immer ein instrumentelles Verhältnis zur "wissenschaftlichen Wahrheit" gehabt, sie nutzen sie wahlweise als Argumentationshilfe (wenn es schnell gehen muss) oder als Verzögerungstaktik (wenn sich nichts ändern soll, in der Art „Das werden wir wissenschaftlich untersuchen lassen und in fünf Jahren die Studienergebnisse sorgfältig prüfen ...“). Trump, Erdogan, Orban und all die anderen sind ein anderes Kaliber. Sie greifen die Definitionsmacht der Wissenschaft an, was als Fakt zu gelten hat und was nicht. Das ist tatsächlich brandgefährlich.

Deshalb bin ich solidarisch mit allen, die die Freiheit der Wissenschaft gegen Übergriffe durch Regierungspolitiker, Bürokraten oder den Mob verteidigen, auch solidarisch mit dem March for Science. Nur gehört meiner bescheidenen Meinung nach zur Verteidigung der Wissenschaft eben auch, vor der eigenen Tür zu kehren. Sich über Impfgegner, Homöpathen und Verschwörungstheoretiker lustig zu machen, ist zu billig. Gerade Wissenschaftler müssen die Fehlentwicklungen im System und ihre Ursachen schonungslos benennen, um der Desinformation und Propaganda, manchmal auch einfach dem Aberglauben und Wunschdenken keine Angriffsfläche zu bieten. Und so möchte ich auch mein Feature verstanden wissen:

Fragwürdige Qualitätsstandards, der Einfluss von Kapitalinteressen, prekäre Arbeitsverhältnisse – Probleme in der Forschung gibt es reichlich. Sie zu lösen wäre das einfachste und wirksamste Mittel gegen die grassierende Wissenschaftsskepsis.

Donnerstag, 16. Mai 2019

Wiglaf Droste ist tot

Ist der Zirkus noch so klein
Einer muss der Affe sein
"Phrasen aufspießen", das ist auch so eine. Als ich anfing zu lesen, waren da Tucholski und Brecht, auch Erich Kästner, später Karl Kraus (dessen Polemik mir mittlerweile nichts mehr sagt, anderes Thema). Wiglaf Droste passte in diese Reihe, denn er hat auch meine Wahrnehmung für das Geplapper und Gelaber geschärft. Er hat Phrasen nicht aufgespießt, sondern eher zerrieben. Mit Humor lassen sie sich auf Abstand halten. Wer die sprachliche Belästigung zurückweist, bewahrt ein wenig Würde in einer würdelosen Welt.

Er fehlt bereits.

Dienstag, 7. Mai 2019

Wie Arbeitgeber ihre Beschäftigten beherrschen

Warum taucht die alltägliche Kontrolle und Gängelung der Lohnabhängigen im öffentlichen Diskurs und in der wissenschaftlichen Debatte überhaupt nicht auf? Diese Frage will die Sozialphilosophin Elizabeth Anderson in ihrem neuen Buch "Private Regierung" beantworten und kritisiert einige Grundannahmen der Neoklassik.
Warum erkennen wir einen solch allgegenwärtigen Teil unserer sozialen Verhältnisse nicht als das, was er ist? Stattdessen reden wir so, als ob Arbeitnehmer von ihren Vorgesetzten nicht beherrscht werden. Warum sprechen wir, als ob sie bei der Arbeit frei sind und die einzigen Gefahren für unsere individuelle Freiheit vom Staat ausgehen?

Es wird noch immer unentwegt die gleiche Rechtfertigung für die Marktgesellschaft vorgebracht – dass sie die persönliche Unabhängigkeit der Arbeiter vor willkürlicher Autorität schützen würde – die sich in Hinblick auf ihre ursprüngliche Ambition längst als gescheitert erwiesen hat. Wie Patienten, die eine ihrer Körperhälften nicht wahrnehmen können, kann eine große Klasse dem Liberalismus zuneigender Denker und Politiker eine Hälfte der Ökonomie nicht wahrnehmen: jene Hälfte, die sich jenseits des Marktes abspielt, nachdem der Arbeitsvertrag geschlossen wurde.

Die Sendung "Andruck" / Deutschlandfunk brachte vorgestern meine Besprechung. Eine ausführlichere und genauere Rezension ist diesen Monat in der Konkret erschienen, die stelle ich demnächst ins Netz.

Samstag, 27. April 2019

Im Dutzend billiger


Wenn wir das mit der Zahl der Toten multiplizieren, sind die Opfer noch öfter gestorben. Diese Schlagzeile bleibt stundenlang unkorrigiert.

Dienstag, 23. April 2019

Freitag, 12. April 2019

Donnerstag, 4. April 2019

Risse im Weltmarkt

Was lernen wir aus dem Fall Huawei? "Risse im Weltmarkt" , der dritte und letzte Teil meiner kleinen Serie, ist bei Telepolis erschienen.
"Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes", verkündete John Barlow von der Electronic Frontier Foundation in seiner berühmt-berüchtigten "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace". "Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr", heißt es dort, und: "Das Cyberspace liegt nicht innerhalb eurer Grenzen." Was für ein Pathos! John Barlow stellte nicht weniger in Aussicht als die Abschaffung des Territoriums und die Überwindung des Nationalen. Zwei Jahrzehnte später klingt sein Manifest naiv und gleichzeitig utopisch in einem guten Sinn: Wäre es denn nicht wünschenswert, es gäbe einen Raum für den globalen Austausch, in dem die Herrschenden nichts zu sagen hätten? Der überdrehte Internet-Enthusiasmus war eng verwoben mit einer unangefochtenen amerikanischen Vorherrschaft und der Globalisierung. Nun kehrt das Territorium mit Macht zurück, und zwar im geopolitischen Sinn: als Raum der Machtausübung und Einflusssphäre.
Besucher, die diesen Artikel gelesen haben, lasen auch:

Teil 1: Cyberattacken, Handelskrieg und der Wunsch nach "technologische Souveränität"

Teil 2: Handelskrieger mit dem Rücken zur Wand

Montag, 1. April 2019

Donnerstag, 21. März 2019

Handelskrieger mit dem Rücken zur Wand

Der Ausdruck "Putin-Versteher" wird ja in gewissen Kreisen als Schimpfwort benutzt. Im zweiten Teil meiner Huawei-Serie versuche ich mich als Trump-, Xi Jinping- und sogar als Merkel-Versteher!
Zieht Präsident Trump Deutschland hinein in den Handelsstreit mit China - sind wir gar ein "Frontstaat im globalen Wirtschaftskrieg", wie die Wirtschaftswoche kürzlich schlagzeilte? Die Lage ist komplizierter: Deutschland verfolgt durchaus eigene Interessen und sieht sich durch den chinesischen Aufstieg herausgefordert.

Freitag, 15. März 2019

Cyberattacken, Handelskrieg und der Wunsch nach "technologischer Souveränität"

Wer hat Angst vor Huawei? Bei Telepolis ist gerade ein neuer Text von mir über das Tauziehen um den chinesischen Mobilfunkausrüster erschienen. Ich gehe auch auf das deutsche Lavieren in dieser Angelegenheit ein und die Bemühungen der Regierung, eine Anti-Spionage-Vereinbarung mit der Volksrepublik abzuschließen.
Die Bundesregierung steckt in der Zwickmühle. Eine bilaterale Einigung mit den Chinesen wäre eine Provokation gegenüber den USA. Die Amerikaner haben deutlich gemacht, dass sie sich auf Kompromisse nicht einlassen wollen (zum Beispiel Huawei aus den Kernnetzen oder den Metropolen herauszuhalten). Insofern kann die Regierung sich nur aussuchen, wem sie nicht auf die Füße tritt.
Ein zweiter Teil erscheint in den nächsten Tagen. Er soll die ziemlich verworrene Interessenslage in allen drei Machtblöcken behandeln. Die politischen und ökonomischen Ambitionen der Chinesen fordern die Vereinigten Staaten und auch Deutschland heraus. China will aufholen (aber noch ist die Aufholphase nicht vorbei, auch wenn in der Presse oft das Gegenteil behauptet wird!), in der Robotik, Computertechnik, im Maschinenbau und in der Biomedizin.

Bei zeitgemäßer Propaganda müssen sie allerdings noch üben:

Donnerstag, 7. März 2019

Nichts Neues vom "Autonomen Fahren"

"Ich hab's euch ja gesagt!" gehört unbedingt in die Kiste der verbotenen Sätze, direkt neben "Ich liebe dich, aber ..." und "Okay, das ist halt deine Meinung!" Ich bitte um Nachsicht, dass ich es mir in diesem Fall wirklich nicht verkneifen kann, darauf hinzuweisen, dass - Vorsicht, gleich kommt's! - ich bereits vor Jahren geschrieben habe:

Ob dieses sogenannte Autonome Fahren sich jemals durchsetzen wird, ist überhaupt noch nicht klar.

Ich zitiere mich mal kurz selbst, "Automatisierung und Ausbeutung" (2017), Seite 94:

Das Beratungsunternehmen McKinsey beispielsweise prognostiziert, dass bis zum Jahr 2025 jeder dritter Lastwagen automatisiert fahren wird. Mit dieser Aussage lehnen sich die Experten gefährlich weit aus dem Fenster. Ich will eine Vollautomation der Individualverkehrs nicht für alle Zeiten ausschließen, aber im Moment setze ich mich bestimmt noch nicht auf die Rückbank. Die selbstfahrenden Autos sind Assistenzsysteme, die in schwierigen und unklaren Situationen den Fahrer warnen und ihm die Steuerung überlassen. Für eine Vollautomation wäre es notwendig, dass die Systeme auf unerwartete Ereignisse – ein Reh läuft quer über die Straße, ein Falschfahrer kommt entgegen – zuverlässig reagieren. Automatisierter Verkehr verlangt eine formalisierte, berechenbare Umgebung – mithin das genaue Gegenteil von Stadtverkehr.
Digitaltechnische Automation beruht immer noch auf Standardisierung, auf Berechenbarkeit eben. Obwohl die Algorithmen, die missverständlich schlau genannt werden, das Feld des Berechenbaren erweitern, stößt die Automatisierung im Straßenverkehr an Grenzen. Erstens lassen sich Verfahren auf der Basis von Künstlichen Neuronalen Netzen nur begrenzt nachvollziehen und sind entsprechend unzuverlässig. Dieses Problem lässt sich zudem nicht mit noch mehr Daten lösen, das Erfolgsgeheimnis des jüngsten KI-Welle versagt. Big Data oder auch Even Bigger Data macht keinen Unterschied, weil die Algorithmen im besten Fall Muster erkennen, aber ansonsten dumm wie Brot sind.

Zweitens wächst der Aufwand an Rechenkapazität, Energieverbrauch und daher Kosten so stark, dass letztendlich der rumänische Lastwagenfahrer vielleicht flexibler und billiger sein könnte.

Kann nicht sein? Bei den Buchpräsentationen können viele Besucher meine Skepsis nicht nachvollziehen, kein Wunder, schließlich weiß jeder Zeitungsleser, dass KI alles verändern wird. Aber wenigstens einer, der sich beim Autonomen Fahren viel besser auskennt als ich, sieht es ähnlich. Thomas Sedran, der Vorstandsvorsitzende der VW-Nutzfahrzeugsparte wird von der FAZ zitiert mit

Angesichts hoher Kosten und langer Entwicklungszeiträume sei es schwierig, ein komplett autonomes Auto für jedermann anzubieten. Die Komplexität der damit verbundenen Probleme verglich er mit denen einer bemannten Mission zum Mars.
Daimler und BMW haben angekündigt, gemeinsam bessere Assistenzsysteme entwickeln zu wollen und die sogenannten Autonomiestufen 3 und 4 anzugehen.
Dabei hilft das Auto dem Fahrer nicht nur, sondern überwacht den Verkehr, steuert, beschleunigt und bremst in vielen Fahrsituationen selbst.
Die Daimler- und BMW-Entwickler seien überzeugt, heißt es in dem Artikel,
dass Autos dem Fahrer künftig immer komplexere Aufgaben abnehmen. Zuerst werde das im Premiumsegment geschehen.
Eine Zusatzleistung im oberen Preissegment, bevor der Fahrer wieder auf Handbetrieb umschaltet und sich auf der linken Autobahnspur austobt. Wahrscheinlich hat der jüngste KI-Hype seinen Höhepunkt überschritten. Er wäre nur lästig und nicht der Rede (und Schreibe) wert, wenn diese futuristischen Verheißungen nicht den wirklich wichtigen Fragen im Weg stehen würden. Welche Sorte von Verkehr und für wen wollen wir eigentlich haben? Welches der drängenden Probleme soll das Autonome Fahren eigentlich lösen?

Freitag, 1. März 2019

Fun fact # 36: Kindheit

Not so funny after all: Immer mehr Kinder und Heranwachsende werden als psychisch gestört diagnostiziert. Ihr Anteil an der Bevölkerung bis zu einem Alter von 18 Jahren stieg von 23 Prozent im Jahr 2009 auf 28 Prozent im Jahr 2017. Besonders häufig sind die Diagnosen Depressionen, Verhaltens- und Entwicklungsstörung und ADHS.

Quelle

Mittwoch, 27. Februar 2019

Der Fall Huawei - Auftakt zum Cyber-Handelskrieg?

Huawei-Werbung in Neuseeland
Gestern brachte der Deutschlandfunk meinen "Hintergrund"-Beitrag "Zwischen Cybersicherheit und Handelspolitik" zum Tauziehen um den chinesischen Mobilfunkausrüster Huawei. Ich stelle dar, was dran ist an den Vorwürfen gegen das Unternehmen (und was nicht) und warum es der Bundesregierung so schwer fällt, sich zu entscheiden, ob sie dem amerikanischen Drängen auf einen Ausschluss von Huawei nachgeben soll.

In einer lesenswerten Analyse hat Daniel Voelsen von der Stiftung Wissenschaft und Politik diese Gemengelage sortiert. Deutschland hat seiner (und meiner) Meinung nach drei Möglichkeiten: "Fortführung der bisherigen Politik" (Huawei darf mitmachen, Konsequenz: ein Affront gegen die amerikanischen "Falken"), "Schulterschluss mit den USA" (höhere Kosten, langsamerer Einführungen von 5G und damit eine Verzögerung zentraler Digitalisierungsprojekte) und schließlich "eine rein europäische Lösung" (dito, ein Affront gegenüber beiden Großmächten). Daniel Voelsen schließt:

Bei der Kontroverse um 5G gehe es neben technischen Sicherheitserwägungen im engeren Sinne auch um wirtschaftliche und geopolitische Fragen von erheb­licher Reichweite.
Die Sache ist immer noch sehr in Bewegung, will sagen: diverse Interessensgruppen versuchen weiterhin, sich durchzusetzen. Da sind Transatlantiker, Mobilfunkprovider, deutsche Unternehmen, die unbedingt einen schnellen Breitbandausbau wollen, Unternehmen, die ohne den chinesischen Markt morgen dicht machen müssen, und solche, denen chinesische Konkurrenten zunehmend Marktanteile streitig machen. Es stimmt keineswegs, dass Amerika Deutschland hineinzieht in einen Handelskrieg gegen China: starke Kräfte auch in Detschland wollen die asiatische Großmacht eindämmen. Dieser Widerspruch von Konkurrenz und Abhängigkeit spiegelt sich in der Huawei-Debatte und der Riss geht quer durch alle Parteien (bemerkenswerterweise versuchen gerade die Grünen, die mit dem Argument Cybersicherheit die Regierung vor sich herzutreiben!), quer durch die Ministerien und die Wirtschaftsverbände. Da wage ich lieber keine Prognose, wer sich schließlich durchsetzen wird.

Dienstag, 12. Februar 2019

Der Fall Huawei: Cybersicherheit und / oder Handelskrieg?

Der amerikanische Außenminister reist gerade durch Osteuropa und warnt vor dem chinesischen Konzern Huawei. In immer mehr Ländern wird das Unternehmen ausgeschlossen, auch die deutsche Regierung unternimt offenbar Schritte in diese Richtung. Aber geht es wirklich um die Angst vor Spionage und Sabotage übers Internet? Ziehen die USA Deutschland in ihren Handelskrieg mit China - oder zieht Deutschland vielleicht von ganz alleine in den Krieg?

Mein Radiobeitrag für Impuls / SWR 2 "Mobilfunk 5G: Droht mit Huawei Einfluss aus China?" kann hier angehört werden.

Montag, 11. Februar 2019

1 zu 147 000

Heute entscheidet Facebook, was Meinungsfreiheit bedeutet.
Das sagte die Bundesjustizministerin Katarina Barley vor einigen Wochen zu mir. Wie weit darf der Staat sich einmischen in das Zirkulieren von Nachrichten und Meinungen? Darf er beispielsweise die Plattformen zwingen, bestimmte Publikationen algorithmisch zu bevorzugen, um Verschwörungstheorien und Falschmeldungen zurückzudrängen?

Um diese Fragen dreht sich mein Feature "Selbstkontrolle im Netz", das vor einigen Tagen beim SWR ausgestrahlt wurde. Meine These: Die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation kommt in der Gestalt einer Privatisierung. Aber anders als viele netzpolitische Aktivisten glauben, ist die privatrechtliche Organisation kein Schutz vor staatlicher Überwachung und Lenkung.

Die Plattformen, die den Marktplatz der Meinungen zur Verfügung stellen, verfolgen natürlich kommerzielle Interessen. Weil sie ihre Kosten niedrig halten wollen, wickeln sie ihre Inhaltskontrolle nach Möglichkeit mit Künstlicher Intelligenz und Arbeit für Niedriglohn ab. Für das Feature konnte ich mit einigen Moderatoren sprechen, die bei Arvato Facebook-Posts kontrollieren - unter erbarmungswürdigen Bedingungen.
Das Fazit:

Ob Facebook, YouTube, Microsoft oder Google, alle Internetkonzerne lagern die Überprüfung der Inhalte aus. Content-Moderation bedeutet: Niedriglohn und permanente Überwachung, befristete Verträge und ein ständiger Austausch von Mitarbeitern.

Menschliche Arbeitskraft, um Beiträge zu überprüfen, passt nicht zum Geschäftsmodell dieser Unternehmen. Sie begreifen sich als „Plattformen“, „Online-Marktplätze“ oder auch „Portale“: als Technologieunternehmen, die Kommunikationskanäle zur Verfügung stellen, aber für die Botschaften, die dann über diese Kanäle verbreitet werden, nicht verantwortlich sind. Ihr rasantes Wachstum beruht eben darauf, dass sie immer größere Datenmengen bei gleichbleibenden Kosten verarbeiten – und so immer größere Erträge erzielen.


Die Regeln der Inhaltskontrolle - was wird gelöscht, was darf bleiben - sind extrem schematisch, weil sie schnell und ohne langes Nachdenken umgesetzt werden sollen. In einem hervorragenden Artikel von Max Fisher in der New York Times heißt es dazu:

How can Facebook monitor billions of posts per day in over 100 languages, all without disturbing the endless expansion that is core to its business? The company’s solution: a network of workers using a maze of PowerPoint slides spelling out what’s forbidden. The Facebook employees who meet to set the guidelines try to distill highly complex issues into simple yes-or-no rules. Then the company outsources much of the actual post-by-post moderation to companies that enlist largely unskilled workers, many hired out of call centers.
Auf etwa 147 000 Nutzer kommt bei Facebook ein Moderator, schätze ich. Dieser weltweite Durchschnitt verbirgt aber gewaltige Unterschiede. Ein erstaunlich großer Teil der Moderatoren in Europa kontrolliert den deutschsprachigen Markt. Exakte Zahlen dazu veröffentlicht Facebook nicht; Gerüchten zufolge sind es 80 Prozent. Das liegt wahrscheinlich an den gesetzlichen Vorgaben: Schließlich drohen hierzulande bis zu fünf Millionen Euro Bußgeld. Selbst ein Unternehmen wie Facebook, das letztes Jahr gut 14 Milliarden Euro Gewinn machte, bezahlt solche Summen nicht aus der Portokasse.

Für die Kontrolle in den weniger lukrativen und weniger riskanten Märkten in Asien, Afrika oder dem Nahen Osten setzt das Unternehmen kaum Ressourcen ein. Dies hat buchstäblich fatale Folgen. Denn in Ländern wie Libyen, Mexiko, Pakistan oder Indonesien werden ethnische und religiöse Minderheiten und politische Gegner mithilfe von Facebook und Whatsapp drangsaliert und verfolgt.

In Nigeria, sagen Bürgerrechtsaktivisten, liegt die Quote sogar bei nur einem Moderator pro sechs Millionen Nutzern. Bei ihrer Inhaltskontrolle handeln die Plattformen also durchaus opportunistisch. Wo sie es müssen, arrangieren sie sich mit den lokalen Machthabern und zensieren die jeweilige Opposition. (Dies gilt beispielsweise für Twitter und Facebook in der Türkei, ein Fallbeispiel das sich jemand einmal genauer anschauen sollte ...) Anderswo aber kümmern sie sich kaum um ihre Netzwerke, weshalb die dortigen Machthaber oft zu brachialen Mitteln wie Internetsperren greifen. Im Jahr 2018 gab es übrigens laut der Kampagne #keepiton weltweit 188 Internet-Shutdowns.

Dienstag, 29. Januar 2019

Fun fact # 35: Gesundheitliche Vorsorge

In einer Rezession sinkt die Sterblichkeit. Obwohl die Gesundheit von bestimmten Individuen unter den Folgen des wirtschaftlichen Abschwungs leidet - zum Beispiel durch psychische Erkrankungen wegen ungewollter Arbeitslosigkeit -, ist die Bilanz positiv.

Als Ursachen für die geringere Sterblichkeit werden weniger Arbeits- und Verkehrsunfälle und eine verbesserte Luftqualität genannt.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Der globale Zensor

Ein weltweites Netzwerk wie Facebook, mit seinen mehr als 2,2 Milliarden Nutzern, ist notwendigerweise auch ein globaler Zensor. Wie sortieren die Internetmedien ihre Beiträge? Welche Beiträge sortieren sie aus - und warum?

Über die Inhaltskontrolle der Internetmedien zirkuliert eine Unzahl von Gerüchten und Verschwörungstheorien. Leider kommt Medienkritik heute vor allem von rechts. Sie hat ein beklagenswertes Niveau, das über das ewige cui bono? nicht hinauskommt. Natürlich müssen wir Interessen analysieren, um zu erklären, warum Facebook manches löscht und anderes stehen läßt. Aber die rechte Medienkritik personalisiert und vereinfacht so sehr, bis eine Karikatur der Machtverhältnisse entsteht, oder, besser noch, ein Zerrbild. Da sagt der Soros der Merkel, was sie zu tun hat, und die Merkel sagt es dem Zuckerberg. Oder umgekehrt. "Die stecken alle unter einer Decke!" ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt dieser Kritik. Ihre Auswahl der angeblichen Schurken - der "Strippenzieher" - ist beliebig.

In Wirklichkeit ist die Inhaltskontrolle der Sozialen Medien viel komplizierter („War ja klar ...“), aber auch in gewisser Weise einfacher („Echt jetzt?“). Die Sozialen Medien sind nämlich in erster Linie eine kommerzielle Veranstaltung, anders gesagt: Es geht ihnen um Profit.

Gleichzeitig sind sie in erster Linie eine US-amerikanische Veranstaltung, weshalb der dortige Staat und die dortigen Interessensgruppen den maßgeblichen Einfluss haben. Im Zweifelsfall stehen den Konzernen die Entscheidungsträger in ihrer Heimat am nächsten. Aber kommerzielle und politische (auch "geostrategische") Interessen prallen durchaus aufeinander.

Mein Feature „Wie Facebook und Co. Inhalte aussortieren“, das heue vom WDR gesendet wurde, beschreibt die unterschiedlichen Ebenen der Inhaltskontrolle. Den brutalen Arbeitsalltags der Löschteams. Die redaktionelle Überprüfung durch Faktenchecker, ausgelagert an Organisationen wie Correctiv. Schließlich die Rolle von Sicherheitsbehörden und Organisationen wie dem Atlantic Council.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Gründe, web.de zu hassen, gibt es viele. Aber manchmal spüre ich auch eine Art Hassliebe in mir. Weil, in ihrer Plumpheit bringt diese Schlagzeilerei oft die Sogwirkung der veröffentlichten Meinung genau auf den Punkt. Wie diese hier:

Falls Zweifel bestanden, dass es bei den Brexit-Verhandlungen darum geht, das verräterische Albion ordentlich zu bestrafen: Abweichler aus den eigenen (europäischen) Reihen haben zu schweigen.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Kleine Ergänzung zur "Ökonomie des Populismus": Zündfunk Generator bringt ein ausführliches Interview mit Philip Manow, in dem Stärken und Schwächen des Buches schön deutlich werden.

Dienstag, 15. Januar 2019

Anmerkungen zu Krisengeschichte, proletarischer Erfahrung und Automatisierung

In der aktuellen Ausgabe der OXI schreibe ich über die Kardinalfehler der aktuellen Automatisierungsdebatte. Einer davon: die angeblich so smarten, autonomen, intelligenten, kognitiven Geräte denken nicht.
Das Verhältnis von Autonomie und Fremdbestimmung, zwischen Lohnarbeit und Gerät ist komplex. Es darf nicht nach einer Seite hin vereindeutigt werden, wie es etwa Marx mit seiner unglücklichen Formulierung vom Arbeiter als einem »bloßen Anhängsel der Maschinerie« tat. Die Lohnarbeiter wenden Maschinen an, die gleichzeitig sie anwenden sollen. Sie müssen sie kontrollieren können – sonst ist ihre Arbeit überflüssig –, aber gleichzeitig werden sie (über die datenproduzierende Maschine) vom Management kontrolliert. Die Lohnarbeit ist das denkende Werkzeug, der autonome Diener des Kapitals, so wie es die Automaten versprechen. Roboter wären tatsächlich die besseren Arbeiter, wenn sie nur nicht so furchtbar dumm wären.
Die Anwendung des eigenen Verstandes im Arbeitsprozess gehört durchaus zur proletarischen Erfahrung. Allerdings auch das Gegenteil, weil Arbeiterinnen und Arbeitern brutal klar gemacht wird, wo, wann und zu welchem Zweck er oder sie zu denken hat. Diesen Widerspruch zu ertragen, ist vielleicht das schwerste. Nennen wir's Entfremdung (Hilfsausdruck)

Das Heft lohnt sich insgesamt, schon wegen des wirklich schönen Layouts. Solltet ihr allerdings euch das wirklich nicht leisten können, empfehle ich die ungekürzte Version auf meiner Webseite.

Ist der Rechtspopulismus ein Rätsel?

"Kosmopoliten gegen Traditionalisten" - so erklärt sich Die Zeit den Schwenk nach rechts.
Wer wählt die AfD und warum?
Ich bespreche das neue Buch von Philip Manow "Die Politische Ökonomie des Populismus" für Andruck / Deutschlandfunk. Die Rezension ist eine Empfehlung mit Einschränkung, so wie das in dieser Sendung üblich ist.

Die Stärke von Manows Position wird am deutlichsten, wenn wir sie mit der Gegenposition kontrastieren - dem sozusagen kulturalistischen Ansatz. Sind es einfach kulturelle Verschiebungen, die dazu führen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung alles Fremde und Unbekannte ablehnt? Der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld beispielsweise spricht von einer bloß kulturellen Bedrohung, die der AfD die Wähler zutreibe. Handfeste ökonomische Interessen spielen angeblich keine Rolle. Im Herbst des vergangenen Jahres veröffentlichte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ein Papier von Martin Schröder mit dem bezeichnenden Titel: „AfD-Wähler sind nicht abgehängt, sondern ausländerfeindlich.“

Sonntag, 13. Januar 2019

Fun fact # 34: Migrationsgegner

In letzten Jahr wurden über 256 000 Menschen aus den USA abgeschoben. Die Zahl lag im Jahr 2012 mit 409 849 Abschiebungen deutlich höher. Insgesamt wurden während der Präsidentschaft Barack Obamas zwischen 2009 und 2015 etwa 2,5 Millionen Migrantinnen und Migranten abgeschoben - mehr als unter jedem anderen Präsidenten in der Geschichte der USA.

Quelle

Freitag, 4. Januar 2019

Gebt uns eure Daten, wir passen darauf auf

Keineswegs pikant, sondern ziemlich deftig ist das folgende Detail der Affäre um den jüngsten „Hackerangriff“: Der Twitter-Account, der die Daten schon seit Dezember verbreitet, wurde bereits vor Tagen der internen Inhaltskontrolle von Twitter gemeldet. Die erste Reaktion: keine Sperrung, sondern die Antwort, der Account verstoße nicht gegen die Nutzungsbedingungen.