![]() |
Robert Kennedy Junior beim Krafttraining |
Die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog forscht zur Sexualität und Eugenik in der deutschen Geschichte. In ihrem neuen Buch „Der neue faschistische Körper“ bringt sie den Faschismusbegriff in Stellung, um den gegenwärtigen Erfolg der rechtsextremen Bewegungen zu erklären. Dabei geht sie aber nicht von den im engeren Sinne politischen und institutionellen Veränderungen aus, sondern von den Diskursen zu Körper und Sexualität. Ich habe das Buch für die Sendung Andruck besprochen.
„Gesunde Familien“ haben keinen kranken Nachwuchs. Familien-, Behinderten- und Sozialpolitik werden vermischt, das Biologische zum Gegenstand staatlicher Maßnahmen. Das Ziel dieser Bevölkerungspolitik ist eine Nation ohne Makel, in der dann angeblich auch weniger Sozialausgaben anfallen würden. So weit, so bekannt. Das Originelle an Dagmar Herzogs Erklärungsversuch besteht darin, dass sie eugenische Positionen auf sexuelle Bedürfnisse, Wünsche und Ängste zurückführen will.Mit ihrer Untersuchung zur faschistischen Körperpolitik ist Dagmar Herzog etwas Wichtigem auf der Spur. Der sexual- und körperpolitische Subtext der MAGA-Politik springt einen ja förmlich an, wenn wir die Selbstdarstellung des Kriegsministers oder des Gesundheitsminister betrachten. Leider fehlt es diesem Buch – eigentlich zwei verschriftlichte Vorträge – an begrifflicher und historischer Präzision. Dagmar Herzog betreibt „Faschismustheorie“ sozusagen induktiv, analysiert die damalige und heutige Propaganda und findet zahlreiche Parallelen zwischen den 20er Jahren des letzten und des gegenwärtigen Jahrhunderts. Die Kontinuität des eugenischen und sozialdarwinistischen Denkens, die sie beschreibt, lässt sich kaum bezweifeln. Fragwürdig scheinen mir aber zwei Aspekte (beziehungsweise Leerstellen) in ihrer Interpretation: die rein individualpsychologische Erklärung der Anziehungskraft des Faschismus und die Annahme, Faschismus sei etwas „Transhistorisches“.
Ihre Perspektive auf die rechten Vordenker und Aktivisten ist, mit Verlaub, typisch für eine metropolitane US-amerikanische oder auch bundesdeutsche Bildungsbürgerin. Sie fühlt sich von ihnen abgestoßen und angeekelt, sie erscheinen ihr bestimmt von irrationalen Regungen, aggressiven und libidinösen Impulsen. Über Geschmack müssen wir nicht streiten, aber dieses othering der Faschisten lässt die Körperpolitik und Sexualität des nicht-faschistischen Teils der Gesellschaft unter den Tisch fallen, lässt ihn als das Normale, Nicht-Gestörte und gleichsam Rationale erscheinen.
Zentral für die faschistische Körperpolitk ist die Ausgrenzung der Sexualität der Volksfremden, damals Juden, heute Muslime. Deren Sexualität gilt als andersartig, aggressiv und gefährlich. Die Grenze zwischen anziehenden und abstoßenden Körpern – und damit zwischen erwünschter oder verbotener Sexualität – verläuft entlang ethnischer Unterschiede.
Innerhalb des eigenen Volkes war der Nationalsozialsmus dann allerdings weniger prüde und sexualrepressiv als die Weimarer Repubik oder die Bundesrepublik der 1950er Jahre. Verhütungsmittel waren einigermaßen leicht zugänglich, ebenso Pornographie. Lustorientierte Sexualratgeber erschienen in hohen Auflagen. Diese richtige Beobachtung überfrachtet Dagmar Herzog aber gewaltig, wenn sie von einer nationalsozialistischen "Anstachelung zur Sexualität" spricht oder behauptet, ein „erotisiertes eugenisches Paradigma" sei "der Schlüsselfaktor für den Erfolg des Nationalsozialismus“ gewesen. Dafür gibt es keine Belege, um die beliebte Phrase zu bemühen.
Das individualpsychologische Erklärungsmuster Dagmar Herzogs führt in eine analytische Sackgasse, denn die Bevölkerungspolitik war damals (und ist wieder) Bestandteil der zwischenstaatlichen Machtpolitik. In diesem Rahmen dient Sexualität der Vermehrung und "Verbesserung" des Nachwuchses, gerade im Hinblick auf kommende Eroberungsfeldzüge. Innerhalb dieser Zielstellung zeigte sich der deutsche Nationalsozialismus flexibel und liberal, was heterosexuelle, damit potentiell reproduktive Beziehungen anging. Einige Nazifunktionäre begrüßten auch unehelichen "arischen" Nachwuchs, aber diese Linie war in der NSDAP nicht mehrheitsfähig. Ehe und Eherecht dienten vielmehr der NS-Biopolitik durchgängig als Hebel, als Zugriffmöglichkeit auf die familiäre Reproduktion. Die vergleichsweise liberale Haltung zur Sexualität (der Jugend) erklärt sich andererseits aus den Traditionen der bündischen Jugendbewegung und insbesondere aus der Konkurrenz zwischen Nationalsozialismus und den Kirchen um Einfluss auf Sitte und Moral der Deutschen. Keiner dieser (zeitgebundenen) Aspekte taucht in "Der neue faschistische Körper" auf.
Der Faschismus radikalisiert das kapitalistische Leistungsprinzip und dehnt es auf die Körper und die Nachkommenschaft aus: Schwache Menschen haben defizitäre Körper und zeugen defizitäre Kinder. In Hinblick auf die kapitalistische Arbeit ist das natürlich Humbug. Mens sana in corpore infirmo und umgekehrt – auch manche ungesunde Körper tragen viel zur Akkumulation bei, zumal sie ja in sehr unterschiedlichen Disziplinen gegeneinander antreten: Auf der Baustelle werden andere Fähigkeiten verlangt als im Büro oder in der Großküche. Die Inklusion von Behinderten in die Bildung und die Arbeit kann sich durchaus lohnen.
Aber dieses Kalkül geht nur auf, wenn ausreichende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. In einer Phase der wirtschaftlichen Stagnation und der Austerität ist es nicht verwunderlich, sondern geradezu zwangsläufig, dass wieder (mehr) von überflüssigen Esser die Rede ist. Liberale wie Dagmar Herzog geißeln die Faschisten als „böse“, getrieben von einer „Lust an der Gemeinheit“ und blenden die Gemeinheit der kapitalistischen Rationalität aus. Nebenbei, dies führt geradewegs in die politische Sackgasse, die konkreten Verteilungskonflikte bei der Inklusion in den Schulklassen lediglich moralistisch auf die Ideologie böser Menschen zurückzuführen. Mit dieser Poltik hat der progressive Neoliberalismus (Nancy Fraser) die antifaschistischen Widerstandskräfte geschwächt.
Im heutigen Faschismus fließen Völkisches und Libertäres zusammen. Beide begreifen Konkurrenz ideologisch als universellen, zu bejahenden Tatbestand. Der Wettbewerb soll stark machen, die Überlegenen belohnen, damit gesellschaftlich nützlich sein. Eine gewisse Spannung besteht darin, dass Völkische dies eher auf konkurrierende Gemeinschaften beziehen, Libertäre eher auf konkurrierende Individuen. Aber dabei handelt es sich um Abstufungen und Schwerpunktsetzungen innerhalb des gleichen Schemas. Innere und äußere Konkurrenz schließen sich ja auch keineswegs aus, denn stark hierarchisierte Gemeinschaften können gegen andere Gemeinschaften kämpfen. Dem Kampf ums Dasein zwischen den Nationen entspricht dann der Kampf ums Lebensrecht innerhalb der Nation.
Faschistische Bevölkerungspolitik betreibt "positive und negative Eugenik": Sie vermehrt das angeblich wertvolle Leben und verhindert und vernichtet das vermeintlich wertlose. Sie beruht auf unwissenschaftlichen oder wissenschaftlich widerlegten Vorstellungen, insbesondere was die Aufteilung der Gattung in Rassen angeht, ihre Theorien über Vererbung, Ansteckung und Degeneration. Nun hat sich aber ideologisch und wissenschaftlich seit dem Sieg der Alliierten über Hitler doch manches verändert. Dazu gehört: Homosexualität wurde im Nationalsozialismus hart bestraft, heute bekennen sich führende Vertreter rechtsextremer Parteien öffentlich dazu (wohlgemerkt zu "normaler Homosexualität"). Sexualität insgesamt wird weniger unterdrückt, ihre Verbindung mit der Fortpflanzung hat sich deutlich gelockert. Die negative Eugenik wiederum hat ihre Form gewechselt, denn mittlerweile beruht sie zu einem großen Teil auf vorgeburtlichen Untersuchungen und Abtreibungen.
Gemeinsam ist dem alten und dem neuen Faschismus eine nationalistische Bevölkerungspolitik, die biopolitische Vermehrung von tauglichem Leben und die rassistische Hierarchisierung von Bevölkerungsgruppen. Frauen, die angeblich höherwertigen Gruppen angehören, sollen nicht abtreiben. Sexuelle Beziehungen zwischen der eigenen und fremden Gruppen werden bekämpft. Die Autorin verweist auf solche Kontinuitäten, aber sie kann sie nicht erklären.
![]() |
| Zusammengefasste jährliche Geburtenziffer im NS: Viele Deutschen bekommen wieder Lust auf Nachwuchs |
Das große Rätsel ist, wann und warum kapitalistische Bevölkerungspolitik gelingt. In einem zusammenfassenden Text in der Konkret habe ich 2015 die Aufgabenstellung so beschrieben:
Eine lediglich „passive Proletarisierung“ (Claus Offe) - die Zerstörung von alternativen Einkommens- und Lebensmöglichkeiten - genügt mittelfristig nicht, um eine kapitalistische Gesellschaft zu erhalten. Man muss Arbeiterinnen dazu bringen, neue Arbeiter zu gebären. Man muss Eltern dazu bringen, ihren Kindern ein Minimum an Pflege und Zuneigung zukommen zu lassen. Man muss sie dazu bringen, häufig stumpfsinnige, auch fragwürdige Tätigkeiten für ein wenig Schmerzensgeld auszuführen. Und einiges mehr, nur um schließlich eine „physisch und qualifikatorisch intakte Arbeitskraft“ (Offe) zur Verfügung zu haben. So lautet die Aufgabenstellung jeder bisherigen Bevölkerungspolitik. Mit ihren Transferzahlungen und Infrastrukturen muss sie, kurz gesagt, dafür sorgen, dass Arbeitskräfte sich reproduzieren können - vulgo arbeiten, überleben und Kinder machen -, aber gleichzeitig das Proletariat als Proletariat erhalten, das heißt: Sowohl den Zwang (Eigentumslosigkeit) als auch die Befähigung und den Willen zur Lohnarbeit reproduzieren.Die "Reproduktion des Proletariats als Proletariat" ist einer meiner Evergreens, diese Platte lege ich bei jeder Gelegenheit auf, never gets old. Diese Aufgabe stellt sich allen kapitalistischen Gesellschaften, auch den faschistischen. Die bürgerliche Gesellschaft funktioniert anders als ein Kasernenhof, selbst die deutsche. Der Staat kann also die familiäre Reproduktion nicht befehlen, er kann nur anreizen. Wie ein Gärtner lenkt er die Fruchbarkeit der Bevölkerung, jätet vielleicht aus, was er für schädlich hält. Anders als bei Pflanzen verläuft die Vermehrung von Menschen aber nicht natürlich oder spontan. Kinder zu bekommen und zu behalten ist kein natürliches Bedürfnis, kein Instinktverhalten, höchstens ein soziobiologischer Drang, der sich in unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausprägt und der natürlich auch unterschiedliche ökonomische Voraussetzungen und Folgen hat. In der Bevölkerungspolitik treffen die Lenkung von oben und die Bedürfnisse unten konflikthaft aufeinander.

