Montag, 26. März 2018

Überlegungen zum achtsamen Selbst

Gerade eben ist bei Telepolis der dritte und letzte Teil meiner Artikel-Serie zur Digitalisierung und Automatisierung der Psychotherapie erschienen.
Die neuen technischen Methoden werden den Charakter und die Ziele von Psychotherapie verändern - und damit unser Menschenbild. Ihre "Automatisierung" ist bedeutet letztlich, die Selbstbedienung auszuweiten. Die Patienten bleiben allein, die Arbeit am eigenen Selbst ist ein einsames Geschäft. Ein psychotherapeutischer Chatbot wie Woebot soll zwar kumpelhaft wirken, aber natürlich wäre es tragisch und grotesk, wenn ein Nutzer dies ernst nähme - so wie jemand, der sich in einen Sprachassistenten wie Siri oder Alexa verliebt. Immerhin, auch das soll schon vorgekommen sein.

Teil 1: Auf dem Weg zum Psychotherapie-Bot

Teil 2: Neue Technologie für die Psychotherapie

Teil 3: Selbstbedienung mit Digitaltechnik

Interview mit Charlotte Jurk: "Das eigene Selbst als Lebensaufgabe macht einsam"

Besonders interessierte mich im letzten Teil dieser Serie das Leitbild der Achtsamkeit. Als Verhaltensstrategie ist diese nämlich weit widersprüchlicher und prekärer, als es den Anschein hat.

Wie lässt sich das achtsame Selbst beschreiben? Es sucht nicht unbedingt die Schuld bei sich selbst, dennoch macht es sich zur unaufhörlichen Aufgabe, an seinem Umgang mit den Umwelteinflüssen zu arbeiten, die auf es einwirken. Die Symptome, die der achtsame Mensch an sich feststellt, gelten ihm als Ausdruck einer zugrundeliegenden Krankheit, nicht etwa als adäquate Reaktion auf die Einflüsse von außen, was ja prinzipiell genauso plausibel wäre. Ich nennen das die ätiologische Interpretation des Leidens.

Der achtsame Mensch ist mit seinem spontanen Verhalten unzufrieden und sucht nach effizienteren Methoden der Verhaltensänderung, und dabei betrachtet er sich selbst mit (pseudo-)wissenschaftlichen Begriffen. Keine Werbung für eine Psycho-App kommt aus ohne den Hinweis auf wissenschaftliche Studien, die angeblich die Wirksamkeit belegen! Es geht um Wissenschaftlichkeit. Ziel ist nicht eine Selbstfindung oder Persönlichkeitsentwicklung in einem romatischen, innerlichen Sinne, keine Individualität (jedenfalls nicht für die Masse, Ausnahmen mag es hier geben). Achtsamkeit beinhaltet in der Regel eine Normalisierung, so wie Jürgen Link es beschrieben hat. Das achtsame Subjekt stellt sich die Frage: "Ist das (noch) normal?"

Das Leitbild des achtsamen Menschen ist also weit weniger souverän, als es auf den ersten Blick scheint, nicht nur in dieser Hinsicht. Wie der Name schon sagt, nimmt er sich in Acht. Er ist sich sozusagen selbst verdächtig. Insofern ist dieses Subjekt permanent gefährdet und labil. Er schützt sich, indem er gefährliche Situationen und schlechte Einflüsse meidet. Dieser psychische Schutz hat allerdings einen Haken - nämlich den, den alle Bemühungen um gesundheitliche Vorbeugung mit sich bringen: Die Angst vor zukünftigen Erkrankungen wird gleichzeitig beruhigt und erneuert. Als Gefahr bleibt sie immer präsent; Achtsamkeit ist eine Reaktion auf Bedrohung. Zugespitzt gesagt, wenn das achtsame Selbst gesund ist, dann nur deshalb, weil es sich in letzter Zeit achtsam genug verhalten hat.

Eben darum muss das achtsame Subjekt unerhört fleißig sein. Die seelische Gesundheit wird zu einer Aufgabe, die erarbeitet wird. Dies schließt nicht aus, auf die Hilfe und Unterstützung von Familie und Freunden zu hoffen. Aber diese Hilfe wird weniger geschenkt als vielmehr organisiert. Hier kommt wieder die Wissenschaftlichkeit ins Spiel. Nicht zufällig verbreitet sich mittlerweile für das eigene Beziehungsgeflecht der Ausdruck "Netzwerk": Wenn der achtsame Mensch Unterstützung einfordert, dann oft in einer Form, die seiner "objektiven Diagnose" entspricht. Das achtsame Subjekt überlässt es den Nahestehenden nicht, ihm irgendwie zu helfen. Es muss in Erfahrung bringen, welche Hilfe angemessen und wirksam ist.

Zusammengefasst: Die Achtsamkeit als Lebensform kreist um die Motive "Gefahr", "Wissenschaftlichkeit" und "Fleiß". Die bedeutende Rolle von Aktivität erschließt sich wahrscheinlich daraus, dass gerade sie fragwürdig geworden ist. Das achtsamen Selbst ist fortwährend bedroht durch das depressive Aufgeben und das neurotische Sichgehenlassen.

In diesem Zusammenhang von Optimierung zu sprechen, lädt meiner Meinung nach zu Mißverständnissen ein. Denn den meisten Nuzerinnen und Nutzer geht es nicht darum, ein Optimum "herauszuholen", sondern ihr Leben aufrechtzuhalten. Ihr Problem ist nicht, dass sie sich nicht zufrieden geben können mit dem, was sie haben, sondern sie verspüren einen echten Leidensdruck.