Mittwoch, 9. März 2011

Die Biologisierung des Sozialen – von unten


Wie greifen bei Krankheit Seele und Geist ineinander? Als ich mich vor einer Weile mit Depressionen und dem Placebo-Effekt beschäftigte, stieß ich auf das merkwürdige Phänomen, dass die Kranken selbst ihrem Leiden eine körperliche Gestalt geben möchten (und reichlich beleidigt auf meine Behauptungen reagierten). Es ist nicht nur der wissenschaftlich-medizinische Komplex, der Depression zur „genetisch verursachten“ Krankheit machen will. Viele der Depressiven wollen glauben, dass ihr Leiden das Ergebnis eines „gestörten Hirnstoffwechsels“ ist - das dann eben mit der Gabe entsprechender Substanzen (vor allem Serotoninwiederaufnahmehemmer) korrigiert werden kann.

Gestern habe ich die ausgezeichnete Sendung (PDF) von Horst Gross über „Umweltmedizin in der Krise“ gehört. Gross liefert eine Menge Beispiele für diese Art der Selbst-Pathologisierung, und das beste ist: Er weist zwar entschieden und kenntnisreich auf die seelischen Ursachen vieler Erkrankungen hin, aber er stellt die Betroffenen nicht als Simulanten dar.

Dennoch: Viele Krankheiten, die angeblich durch Umweltgifte verursacht werden – zum Beispiel das „aero-toxische“ oder das „Sick-Building-Syndroms“ und die „multiple Chemikaliensensitivität“ -, haben in Wirklichkeit seelische und soziale Ursachen.
Umweltkrank ohne Umweltursache? Geht das? Es klingt paradox, aber immer häufiger wird die Umweltmedizin mit dem Phänomen konfrontiert, dass Umweltkrankheiten nur als solche empfunden werden. Der Patient glaubt felsenfest an die Umweltursache, etwa einen bestimmten Schadstoff. Die Wissenschaft kann keinen Zusammenhang herstellen.
Horst Gross zitiert den Umweltmediziner Andreas Wiesmüller über Gesundheitsschäden durch Bürogebäude:
Bei den Messwerten die Raumluft, wo die Räume klimatisiert wurden, waren die Messwerte deutlich besser, als da wo ich das Fenster aufmachen konnte, zum Teil. Und was man festgestellt hat ist, dass aber die Leute, die sich in den klimatisierten Gebäuden aufhalten, mehr an dieser am Anfang genannten Befindlichkeitsstörungen litten. Es scheint hier so eine Akzeptanzfrage eine Rolle zu spielen. Und dass eben das Betriebsklima eine Rolle spielt. Also das Miteinander, das Verhältnis zwischen Untergegebenen und Vorgesetzten, Gestaltung, richtige ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes und sicherlich auch einige Dinge, die man selber mitbringt, wie zum Beispiel Allergien.
Gross berichtet auch von einer Studie des Robert–Koch–Instituts von 2005 über umweltmedizinische Ambulanzen, bei der herauskam,
dass nur bei einem Prozent der Hilfesuchenden ein nachweisbares Umweltproblem vorlag. Bei 80 Prozent fanden sich dagegen psychische Probleme, die eventuell im Zusammenhang mit den Beschwerden standen.
Mediziner und Kranke finden sich im Fall der Umweltmedizin in der seltsamen Situation, dass erstere auf die psychosozialen Ursachen hinweisen, von denen letztere nichts hören wollen. Die Kranken beharren auf einer organischen Ursache. So hat sich eine regelrechte Subkultur von Selbsthilfegruppen und Umweltmedizinern mit obskurantistischen Zügen entwickelt.

In den späten 60er Jahren erklärten manche Linke die Krankheit zur Waffe, zum Widerstand gegen die Vernutzung unseres Lebens, dem nur das Bewusstsein seiner selbst fehlt, um zur Revolte zu werden. Das Sozialistische Patientenkollektiv definierte Krankheit dialektisch "als Protest und Hemmung des Protests". Heute ist Erkrankung der individualisierende Rückzug aus der "Leistungsgesellschaft", um schuldlos den Anforderungen nicht zu genügen.

Mittwoch, 2. März 2011

Regierung als Casting-Show

Gründe, WEB.DE zu lieben (und übrigens auch GMX, die benutzen offenbar dieselbe Agentur):

Dienstag, 1. März 2011

Heute ist in der Frankfurter Rundschau ein kurzer Kommentar von mir zu den Prozessen gegen Berliner Buchhandlungen erschienen.
Bisher geht die Rechtsprechung ausdrücklich davon aus, dass Buchhandlungen ihr Sortiment nicht auf strafbare Inhalte kontrollieren müssen – ebenso wenig wie ein Internetanbieter die bei ihm gespeicherten Webseiten.
Solange eine Schrift nicht verboten ist, durfte ein Buchhändler bisher die Frage nach ihrer Strafbarkeit getrost der Justiz überlassen. Aus bürgerrechtlicher Sicht sprechen dafür auch gute Gründe, nicht zuletzt der, dass sich mit den politischen Verhältnissen auch die Definition ändert, was als zu ahndende Aufforderung zu Straftaten gilt – von „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ bis hin zu „Blockiert den Naziaufmarsch in Leipzig!“

Die Einleitung der Kollegen finde ich etwas mißverständlich. Da heißt es nämlich:
Die linken Buchläden Schwarze Risse, Infoladen M99 und OH21 in Berlin sind angeklagt, Zeitschriften zu verkaufen, die zu Straftaten anleiten. Das Prekäre daran: Großbuchhandlungen können für die von ihnen vertriebenen Titel nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Es würde die Sache nicht besser machen, wenn es auch die Buchhandelsketten treffen würde, finde ich.

Montag, 28. Februar 2011

Samstag, 26. Februar 2011

Fun fact # 1: Experten

Lord Browne, der ehemalige Chef von British Oil, dessen Rationalisierungskurs zu Umweltkatastrophen wie der im Golf von Mexiko beigetragen hat, ist heute Mitglied des Efficiency and Reform Board der britschen Regierung und entwickelt Vorschläge für eine "effizientere Verwaltung".

Donnerstag, 24. Februar 2011

Britische Regierung bereitet sich auf eine Streikwelle vor

Das berichtete der Independent vor zwei Tagen. Eine Arbeitsgruppe im Cabinet Office (ganz grob vergleichbar mit der Bundeskanzleramt) sucht nach "verwundbaren Stellen", sollte es wegen der geplanten Lohnkürzungen zu Arbeitskämpfen im öffentlichen Dienst kommen.
A special unit of civil servants has been set up in the Cabinet Office to "war game" areas of vulnerability in key services and infrastructure. They are also investigating how they can draft in private-sector "strike breakers" to cross picket lines. Services identified as vulnerable to strikes include transport, energy, prisons and the health service.
Ich will allerdings überhaupt nicht ausschließen, dass diese Enthüllung einer ungenannten Quelle von der Cameron-Regierung bewusst gestreut wird - zur Einschüchterung. Angeblich gibt es Überlegungen, die Gewerkschaftsrechte (die in England ohnehin nicht besonders groß sind) weiter einzuschränken. Die Botschaft an die unentschiedenen Gewerkschaften lautet LAO: "Überlegt euch gut, ob ihr euch mit uns anlegt".
The source said ministers had concluded that while some unions would be prepared to compromise with the Government, others – in particular the Rail, Maritime and Transport Workers (RMT), led by Bob Crow, and the Public and Commercial Services (PCS) union, led by Mark Serwotka – were spoiling for a fight.
Teams have been looking at examples of the ongoing strikes on the London underground network and British Airways to provide a model of how private-sector contractors could be brought in at short notice to limit the effectiveness of any mass strike action.
They are also considering how the "nuclear option" of legislation directly targeting the trade union movement could be employed. This could include a ban on union subscriptions being collected through the payroll and forcing any ballot for strike action to have the majority support of members – not just those who choose to vote.
Es wird spannend, was der Somer bringen wird, wenn die Arbeitslosigkeit, Verarmung und Inflation die Briten treffen werden.

Dienstag, 22. Februar 2011




Regie von Pieter Hugo, dem südafrikanischen Photographen

Heinsohn über "die drei Gruppen der jungen Männer"

Eine Revolutionstheorie ganz eigener Art - Gunnar Heinsohn über die Aufstände in Arabien und Nordafrika (irgendwie), "unsere Muslime, die studieren" und Migrationspolitik:



Beindruckend finde ich, wie Heinsohn mit der Selbstsicherheit eines deutschen Hochschuldozenten spricht (also in mehr oder weniger vollständigen Sätzen) und gleichzeitig wild konfabuliert:
Interviewerin: Jetzt ist es so, dass wir einerseits eine Fluchtwelle haben, auf der anderen Seite haben wir hier eine überalterte Gesellschaft. Liegt darin nicht auch eine Chance? Warum können wir nicht einfach sagen, wir nehmen die Menschen auf und bilden sie gut aus?

Heinsohn: Das ist eine der Hoffnungen bei uns im Land, dass man sagt: „Gut, wir nehmen die auf. Die sind jetzt vielleicht zum Teil nicht qualifiziert, aber dann gehen sie bei uns auf Sozialhilfe und dann werden sie bei uns erst mal Kinder haben und die Kinder kommen dann bei uns in die Krippen, und die erziehen wir so gut, dass sie dann in 20 Jahren die besten in Mathematik sind und China und Japan und Südkorea schlagen." Das ist eine Position. Das wird man in Europa auf jeden Fall versuchen. Die, die da dann herauslaufen müssen, weil sie sich in Blutvergießen nicht henein verstricken wollen, wenn die etwas können, dann ist Europa sehr gut beraten, die zu nehmen und keine Angst vor ihrer islamischen Religion zu haben. Ja? Weil die islamische Religion wird ja von den Menschen, die hier sind, nur als eine Schutzbehauptung verwendet. Wenn sie sonst nichts können, dann sagen sie: „Gut, jetzt bin ich diskriminiert, weil ich Muslim bin“ und machen das als Schutzbehauptung. Aber wenn sie etwas können, wir sehen das an unseren Muslimen, die studieren, die gehen genauso selten zur Moschee wie ein Deutscher in einer vergleichbaren Position zur Kirche.