Dass die Regierung Donald Trumps keine Hemmungen hat, in die inneren politischen Angelegenheiten anderer Nationen einzugreifen, ist bekannt. Zuletzt richtete das Außenministerium ein stattliches Sonderbudget ein, um ideologisch genehme Organisationen in Europa zu unterstützen, sofern diese, Zitat, für „nationale Souveränität“ und das „gemeinsame westliche Kulturerbe“ und gegen „Migration, Zensur und juristische Angriffe“ kämpfen. Bundeskanzler Friedrich Merz tritt in Bezug auf Trump meist nur leise in Erscheinung. Dieses Manöver ging jedoch sogar ihm zu weit, und er kritisierte öffentlich die kaum verbrämte Wahlkampfhilfe für rechtsextreme Parteien bei den anstehenden Wahlen.
Wäre es denkbar, dass Gelder von der US- Administration an die AfD und ihr Umfeld, an den Rassemblement National oder Reform UK fließen?
Dienstag, 28. Juli 2026
Eine Internationale der Nationalisten?
Dienstag, 9. Juni 2026
"Das Elend der Geopolitik"
Freitag, 10. April 2026
Wen oder was schützt der Datenschutz?
Im Schlepptau führe der Diskurs über den Datenschutz ein zutiefst bürgerliches Weltbild: Menschen erscheinen lediglich als Eigentümer, ihre Interaktion reduziert auf Tausch, vertraglich geregelt und vom Recht beschützt. Ihre individuelle Freiheit verteidigt der Datenschutz gegen den Staat – auch wenn sie in krassem Widerspruch zum Gemeinwohl steht.Ich finde die Kritik von Timo Daum richtig und wichtig. Auch dass er betont, dass "Überwachung" mit digitaltechnischen Mitteln vertretbar, weil nützlich und oft schlicht unvermeidbar ist, ist sehr verdienstvoll.
Antrieb des Datenschutzes als Ideologie ist eine diffuse Angst, deren Stärke umso größer ist, je undeutlicher die Drohung und die Bedroher bleiben. Geht die Gefahr vom staatlichen großen Bruder aus, von vielen unternehmerischen kleinen Brüdern oder horizontal von Mitmenschen, die etwas Intimes erfahren könnten und deren Urteil uns wichtig ist? Oder von allen gleichzeitig und gleichermaßen? In welchem Verhältnis stehen überhaupt der große Bruder und seine vielen kleinen Geschwister?
Gerade diese Unbestimmtheit macht den affirmativen Charakter aus. Der Datenschutz wird als Lösung für gesellschaftliche Probleme vorgestellt, die freilich jedem Einzelnen überlassen bleibt, der für "seine Daten" verantwortlich sein soll. Timo Daum zieht einen treffenden Vergleich mit dem CO2-Fußabdruck in der Umweltpolitik:
Umweltschädliche Produkte würden nur produziert, weil wir sie nachfragten und kauften, will man uns mit dieser durchschaubaren Strategie weismachen. Mit unserem Überwachungs-Fußabdruck ist es ähnlich: Man will uns glauben machen, wir hätten es selbst in der Hand, diesen möglichst klein zu halten – mit informierten Mikro-Entscheidungen, mit nachhaltigem Konsum digitaler Medien und dem Verzicht auf die eine oder andere digitale Bequemlichkeit: Wenn wir nur die Datendiät einhalten, dann gelingt der Überwachungs-Detox!
Ein Bilderbuchbeispiel für den diffusen Charakter von privacy advocacy ist die ARD-Dokumentation "Gefährliche Apps", die sich mit der Vermarktung von Smartphone-Daten beschäftigt.
Dieser Film zeigt, wie leicht ahnungslose Nutzer ins Visier von Stalkern, Kriminellen oder Geheimdiensten geraten können.Geradezu hysterisch titelt Netzpolitik, das Hauptquartier vom bundesdeutschen Datenschutz-Aktivismus:
Datenhandel -LebensgefahrFür die Subjektivität in bürgerlichen Gesellschaften ist gerade die Trennung unterschiedlicher Rollen wichtig, aber auch prekär, prekärer jedenfalls als in anderen Gesllschaftsformen. Was der Arbeitgeber wissen muss, soll der Lebensabschnittgefährte nicht erfahren. Was man beim Online-Händler bestellt, geht sowieso niemanden etwas an. Damit will ich nicht sagen, dass die erzwungene und unfreiwillige Transparenz immer harmlos wäre. Nur dass sich die Konsequenzen - und eben auch die zugrundeliegenden Probleme und Lösungen - deutlich unterscheiden, ob nun ein Babyfoto im Internet kursiert und zur Onaniervorlage für einen Pädophilen wird (um einen beliebten Topos aufzugreifen) oder eine berufliche Beförderung wegen eines betrunkenen Party-Fotos verweigert wird (um ein anderes Standardbeispiel anzuführen) oder aber ein politischer Dissident im Gefängnis landet (item). Daten bilden die Oberfläche von Machtbeziehungen, sie bilden sie (unvollkommen) ab und reproduzieren sie dadurch.
Besonders gut gefallen Bücher bekanntlich, wenn sie Standpunkte vertreten, die man selbst immer schon vertrat. So auch hier: Ich habe mich mit dem Thema bereits 2010 (!) in einem Buch mit dem Titel Datenschatten - Auf dem Weg in die Überwachungsgesellschaft? auseinandergesetzt und ein Jahr später in einer Rezension zusammenfassend geschrieben:
Das Thema Datenschutz lebt davon, daß es alle betreffen soll, auch den unbescholtenen Bürger (eine Gestalt, die überraschend häufig Aktivisten bemühen, die gar keine unbescholtenen Bürger sein wollen). Unermüdlich warnen Datenschützer vor den Gefahren des „Mißbrauchs“, aber die Bedrohung bleibt merkwürdig unbestimmt. Denn man bestreitet gar nicht, daß Staat und Unternehmen personenbezogenene Daten brauchen. „Selbstverständlich“ müsse die Polizei Informationen sammeln – nur allzu leicht soll es ihr nicht fallen.
Nun gibt es kein Recht auf Gesetzesverstöße, und die Pointe der Überwachung durch Behörden, Polizei und am Arbeitsplatz ist, daß sie und ihre (für Betroffene häufig unangenehmen) Folgen in der Regel ganz legal sind. Weil die legalistische Kritik des Datenschutzes ins Leere geht, bauscht er Phänomene wie unerwünschte Werbung oder kriminellen Datengebrauch über alle Maßen auf und macht beispielsweise aus dem altbewährten Kreditkartenbetrug den neuen schlimmen „Identitätsdiebstahl“.
Der beschränkte Horizont der Datenschützer führt andererseits dazu, daß sie die innovativen Möglichkeiten der Informationstechnik, die tatsächlich über die bürgerliche Gesellschaft hinausweisen, ignoriert oder verniedlicht (beispielsweise eine vernünftige gesamtgesellschaftliche Planung von Produktion und Ressourcenverbrauch und deren demokratische Kontrolle). Diesen Möglichkeiten stehen nämlich vor allem das Amts- und Geschäftsgeheimnis im Weg, und diese gelten dem Datenschutz als ebenso schützenswert wie das informationelle Selbstbestimmungsrecht der Bürger. Die Gesellschaftskritik von Datenschützern ist, kurz gesagt, konventionell und defensiv.
Montag, 23. Februar 2026
Perverse Nazis feiern Sex-Orgien mit Minderjährigen
Die Anekdote weist darauf hin, dass sich um Sex unterm Hakenkreuz unzählige Gerüchte und Mythen ranken. Der nationalsozialistische Zivilisationsbruch wirkt auch und gerade in sexuellen Phantasien und in der Pornographie fort. Aber ich frage mich, welche Bedeutung Sexualität wirklich für den historischen Faschismus hatte und für einen zukünftigen haben könnte – für seine Entstehung, seine Herrschaft und die Gewalt, die er entfesselt.
Die Historikerin Dagmar Herzog untersucht eben dieses Problem. Ich habe ihr jüngstes Buch „Der faschistische Körper“ für Andruck rezensiert und mich danach in diesem Blog zu einem langen rant hinreißen lassen, in dem ich unter anderem meine Zweifel zum Ausdruck brachte, ob ihre Version einer psychoanalytischen Faschismustheorie letztlich nützlich ist.
Nun habe ich – weil ich meine Rezensentenpflicht manchmal sogar übererfülle! - ihre Untersuchung „Politisierung der Lust – Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts “ (2009) gelesen und in „Eugenische Phantasmen – Eine deutsche Geschichte“ (2024) geblättert. Mein Eindruck: vieles richtig, manches falsch, das meiste halbrichtig.
Die Originalität von Herzogs Analyse besteht darin, dass die Nazis die Sexualität im deutschen Volk nicht unterdrückt, sondern ihr neue Freiräume verschafft hätten. Die faschistische „Anstachelung zur Lust“ (Herzog) ist sozusagen ihr akademischer Unique Selling Point. Immer wieder grenzt sie sich ab von älteren Analysen, die angeblich nur die repressive Seite gesehen hätten, wobei sie beispielsweise Gudrun Brockhaus' „Schauder und Idylle“ (1997) überhaupt nicht erwähnt. Dass es den Nazis um die Steigerung der Lust als solcher gegangen sei, scheint mir überzogen. Stattdessen war die Geburtenförderung (der als wertvoll erachteten Bevölkerungsteile) der zentrale Antrieb des Regimes, das möglichst viele Arbeitersoldaten für seine Welteroberungspläne benötigte, und zu diesem Zweck Arbeitersoldatengebärmaschinen.
Aber, wendet Herzog ein:
Wer jedoch die NS-Lobeshymnen auf die Freuden der Liebe als taktischen Zierrat für eine in Wahrheit allein auf Reproduktion ausgerichtete Strategie betrachtet, übersieht, dass die NS-Ratgeberliteratur elementare Wunschvorstellungen von persönlichem Glück aufgriff – dass also der Reiz des Nationalsozialismus (im Foucaultschen Sinne) eher in den positiven als in den negativen Wirkungen der Macht lag.Da ist etwas dran - aber was?
Dienstag, 16. September 2025
Das Laufband als Allegorie
Heute geht es darum, das postmoderne Sinnbild dieses Denkens zu hinterfragen: das ohnmächtige Auf-der-Stelle-Treten im Angesicht einer globalen Katastrophe, die sich immer deutlicher ankündigt, eine Simulation, stimuliert durch die Trugbilder des eigenen Dahinschwebens, befreit von den Unwägbarkeiten einer allzu vorhersehbaren Realität. Hier geht es weder vorwärts noch rückwärts; der Mensch auf dem Laufband versucht die Schuld des Lebens zu sühnen oder den Moment des Todes hinauszuschieben – zwei fixe Ideen, die ihn quälen An seinen Posten gebannt überwacht er die eigene Leistung, angetrieben von Dopamin; wenn es um das Hochgefühl geht, das das Cardio-Training ihm beschert, ist er zugleich Dealer und Süchtiger. Er müht sich ab und ist dabei sein eigener Chef, er betätigt sich als time keeper der eigenen Ausdauer und ist schlussendlich ein Proletarier, der nichts zu verlieren hat als seine überschüssigen Pfunde. Neben den anderen Gestalten, die alle auf derselben Startlinie feststecken, arbeitet er daran, die Arbeitskraft wiederherzustellen, die daran arbeitet, die Arbeitskraft wiederherzustellen, die daran arbeitet … … und immer so fort gemäß einem bekannten kapitalistischen Teufelskreis.
Dienstag, 2. September 2025
Gehorsame Deutsche?
Martin Wagner konstatiert ein Missverhältnis zwischen dem Verschwinden des Gehorsams als
expliziter Kategorie des öffentlichen Diskurses und dem hartnäckigen Nachleben seiner alltäglichen Erfahrung. Vom Straßenverkehr über die Schule bis zum Steuerwesen und der Realität des Arbeitsplatzes werden wir regelmäßig mit Situationen konfrontiert, in denen uns Gehorsam abverlangt wird – wobei die Verwendung des Wortes hier doch heute in der Regel seltsam verstörend wirken würde.Gehorchen? Ich?!? Das Wort klingt archaisch, wenn alle tun, was sie sollen, dies aber aus tiefster Überzeugung. Reale Unterordnung, kritisiert der Autor zu Recht, werde in allen gesellschaftlichen Bereichen tabuisiert, eskamotiert oder beschönigt. Das ist ein wichtiger Hinweis angesichts des Erfolgs einer rechtspopulistischen Politik, die libertären Pathos mit autoritärer Ausgrenzung verbindet.
Ich habe das Buch für die Sendung Andruck beim Deutschlandfunk besprochen.
Dienstag, 17. Dezember 2024
Wen interessiert, was entlang der Lieferkette geschieht?
Lange wurde darum gerungen, nun soll es noch dieses Jahr ausgesetzt werden. Wenn der Widerstand gegen das Lieferkettengesetz Erfolg hat, kehrt in den Einkaufsabteilungen zunächst wieder der gewohnte Zustand ein: Was die Lieferanten treiben, ob sie Umweltschutzauflagen ignorieren oder Gewerkschaften bekämpfen, das muss die Unternehmen nicht wirklich interessieren.
Dienstag, 19. März 2024
Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.Das berühmte Marx-Zitat führt zum Kern der ökologischen Frage: Es ist die Arbeit, die die Energie- und Stoffströme in Bewegung setzt und, möglicherweise, in die falsche Richtung lenkt. Keine gesellschaftstheorische Erklärung der Umweltzerstörung kommt daran vorbei. Sollte man meinen. In Wirklichkeit spielt sie in der Debatte nur eine untergeordnete Rolle.
Der Soziologe Simon Schaupp rückt sie dagegen ins Zentrum. Mit seinem Buch "Stoffwechselpolitik" erhellt er das Spannungsfeld Arbeit - Kapital - Natur. Ich habe es für die Sendung Andruck beim Deutschlandfunk besprochen.
Die Natur ist nicht nur das passive Material der Arbeitsgeschichte. Pflanzen und Tiere, Bakterien und Viren, Ökosysteme und Landschaften, all das ist für Simon Schaupp nicht einfach Material, das nach Belieben umgeformt werden kann. Die Versuche, sie nutzbar zu machen, haben oft unerwünschte, noch öfter unerwartete Folgen. Aktuell macht die Klimakrise unabweisbar, dass wir die Natur eben nicht einfach unserem Willen unterwerfen können.
Samstag, 9. Juli 2022
Können Psychologen und Sozialarbeiter Polizisten ersetzen?
In den USA hat die massenhafte Empörung über Polizeigewalt - Stichwort Black lives matter - eine Reformdebatte angestoßen. Wofür die Polizei eigentlich zuständig ist und was sie leistet, ist mit Recht umstritten. Davon inspiriert legen die Kriminologen Tobias Singelnstein und Benjamin Derin nun eine Untersuchung über die Situation hierzulande vor. Ich habe ihr Buch für Andruck / Deutuschlandfunk besprochen und, wie üblich mit gewissen Einschränkungen, empfohlen.
Singelnstein und Derin warnen vor einer Verselbständigung der Polizei. Sie sei mächtiger geworden:
Je zentraler die innere Sicherheit in der politischen Auseinandersetzung, umso mehr wächst der Einfluss der Polizei, argumentieren die Autoren. Wenn Abgeordnete sich mit Initiativen für „Gesetz und Ordnung“ profilieren wollen, brauchen sie ein harmonisches Verhältnis zu den Sicherheitsbehörden. Außerdem liefern die Behörden die statistischen Zahlen über die Kriminalitätsentwicklung, mit denen Erfolg und Misserfolg der Amtsträger:innen gemessen wird. Kurz, die Konfrontation mit der Polizei ist politisch gefährlich.Aber Machtgewinn ist nur die eine Seite der Medaille:
Die Kehrseite davon sei, dass immer mehr Aufgaben an die Behörde herangetragen werden. Sie soll Ordnung schaffen, Streit schlichten, Gewalt verhindern oder auch einfach nur Obdachlose und Ruhestörer vertreiben.Etwas kurz kommt in dieser Analyse ein anderer Umstand; vielleicht, weil er nicht recht zu der politischen Stoßrichtung der beiden liberalen Kriminologen passt. Die Polizei hat viel ihrer Autorität eingebüßt. Die Beamten merken es an Respektlosigkeit, Widerspruch, an passivem und manchmal auch aktivem Widerstand.
Diese Konflikte tauchen in diesem Buch kaum auf, und wenn, dann nur als Folge von Kommunikationsproblemen oder einem überholten Selbstbild als Gesetzeshüter, der Gehorsam verlangt. Im polizeilichen Alltag ist aber nicht nur die handgreifliche körperliche Gewalt umstritten – der überflüssige Tritt oder Schlag –, sondern die staatliche Zwangsmaßnahme als solche, unabhängig von ihrer mehr oder weniger brutalen Form. Die linksliberale Polizei- und Justizkritik akzeptiert diesen Tatbestand höchstens widerwillig. Sie hofft nämlich, die Rechtsdurchsetzung in der bürgerlichen Gesellschaft ließe sich in einen herrschaftsfreien Diskurs auflösen. Aber Polizisten können nicht zu Sozialarbeitern in Uniform werden und Konfliktlotsen "den starken Arm der Eigentumsordnung" nicht ersetzen.
Mittwoch, 2. März 2022
Die Cholera in Hamburg: ein seuchengeschichtliches Lehrstück
Ob ein Krankheitserreger sich epidemisch verbreitet, welche Formen die Krankheit annimmt, ob und mit welchen Mitteln sie bekämpft wird – all das ist untrennbar mit den sozialen und politischen Gegebenheiten verwoben.
Dienstag, 28. Dezember 2021
Die Roboter kommen nicht
Sonntag, 27. Juni 2021
Unvernünftig sind immer die anderen
Andreas Speit verortet die Querdenken-Bewegung in der Tradition der Lebensreform. Diese politische und kulturelle Strömung wendet sich gegen Modernisierung, Rationalisierung und die Entfremdung, die mit ihnen einhergeht. Die Lebensreformerinnen versuchen sie zu überwinden durch einen anderen Umgang mit der natürlichen Umwelt und ihrem eigenen Körper und Seelenleben.Der Autor zeigt, wie wichtig alternativ-medizinische, impfkritische und esoterische Motive für die Bewegung waren. Leider geht er auf die Eigenheiten und Widersprüche dieser „Lebensreform 2.0“ nicht ein. Inwiefern ist dieses Denken überhaupt alternativ, was unterscheidet es von den gängigen Auffassungen? Unter dem Schlagwort „Irrationalismus“ zwingt der Autor darüber hinaus Klimaschützer, Tierrechtler und Homöopathen zusammen. Aber weil er die inhaltliche Konfrontation vermeidet, führt der Appell, doch bitte vernünftig zu sein, nicht besonders weit. Unvernünftig sind bekanntlich immer die anderen. Es bleibt der intellektuelle Konformismus, die Mehrheitsmeinung und der wissenschaftliche Konsens, die bewährte Hierarchie - allesamt schlechte Ratgeber.
Speits prinzipielle Kritik ist wohlgemerkt völlig berechtigt: Die anfangs eher spontane und diffuse Bewegung gegen die Maßnahmen wegen der Pandemie entwickelte sich immer stärker und immer eindeutiger nach rechts. Sie verbündete sich schließlich mit faschistischen und antisemitischen Gruppen.
Interessant sind Speits Beobachtungen zur politischen Emotion, sozusagen zum Eros der Bewegung. Das verquere Denken speist sich aus Angst. Obwohl die Querdenker dem Staat vorwerfen, er schüchtere die Bevölkerung ein mit übertriebenen Katastrophenszenarien, um unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen, er betreibe also „Angstpolitik“ – ein nicht ganz unberechtigter Vorwurf –, setzt die Bewegung selbst propagandistisch auf Verängstigung, mit teils grotesken Warnungen vor geheimen Machenschaften fremder Mächten, einer totalitären „Gesundheitsdiktatur“ oder eben auch den üblen Gefahren, die von Atemschutzmasken ausgehen.
Diese Bewegungen werden nicht nur von Verunsicherung motiviert, sie nutzen Verunsicherung als Strategie. Auch die selbsternannten Rebellen mobilisieren Unterstützung, indem sie verängstigen und wieder beruhigen und abermals verängstigen. Die Gefühlspolitik dieser Bewegung verspricht, gemeinsam die Angst zu überwinden. Dazu gehören insbesondere alternative Formen, um die eigene Gesundheit zu schützen (was umso wichtiger ist, als sich nur wenige ein eigenes Beatmungsgerät und Intensiv-Pfleger leisen können). Leider müssen zu diesem Zweck bestimmte unbequeme Tatsachen ausgeblendet werden.
Verqueres Denken, scheint mir, ist dadurch gekennzeichnet, dass unbequeme Tatsachen abgeblockt und geleugnet werden, vielleicht: geleugnet werden müssen. Zu diesem Zweck betreiben die Propagandisten mehr oder weniger großen intellektuellen Aufwand. Es handelt sich um eine Reaktion auf eine Krise, deren Ursachen aber ganz unterschiedlich aufgefasst werden. In diesem Feld wird die entscheidende Auseinandersetzung stattfinden: Welche Ursachen hat unser Elend? Was eigentlich ist unser Problem?
Die reaktionärste aller Antworten darauf lautet, es seien eben die falschen Leute an der Macht.
Dienstag, 4. Februar 2020
Meine Besprechung wurde gestern bei Andruck / Deutschlandfunk gesendet.
Dienstag, 7. Mai 2019
Wie Arbeitgeber ihre Beschäftigten beherrschen
Warum erkennen wir einen solch allgegenwärtigen Teil unserer sozialen Verhältnisse nicht als das, was er ist? Stattdessen reden wir so, als ob Arbeitnehmer von ihren Vorgesetzten nicht beherrscht werden. Warum sprechen wir, als ob sie bei der Arbeit frei sind und die einzigen Gefahren für unsere individuelle Freiheit vom Staat ausgehen?Die Sendung "Andruck" / Deutschlandfunk brachte vorgestern meine Besprechung. Eine ausführlichere und genauere Rezension ist diesen Monat in der Konkret erschienen, die stelle ich demnächst ins Netz.Es wird noch immer unentwegt die gleiche Rechtfertigung für die Marktgesellschaft vorgebracht – dass sie die persönliche Unabhängigkeit der Arbeiter vor willkürlicher Autorität schützen würde – die sich in Hinblick auf ihre ursprüngliche Ambition längst als gescheitert erwiesen hat. Wie Patienten, die eine ihrer Körperhälften nicht wahrnehmen können, kann eine große Klasse dem Liberalismus zuneigender Denker und Politiker eine Hälfte der Ökonomie nicht wahrnehmen: jene Hälfte, die sich jenseits des Marktes abspielt, nachdem der Arbeitsvertrag geschlossen wurde.
Dienstag, 15. Januar 2019
Ist der Rechtspopulismus ein Rätsel?
![]() |
| "Kosmopoliten gegen Traditionalisten" - so erklärt sich Die Zeit den Schwenk nach rechts. |
Wer wählt die AfD und warum?Ich bespreche das neue Buch von Philip Manow "Die Politische Ökonomie des Populismus" für Andruck / Deutschlandfunk. Die Rezension ist eine Empfehlung mit Einschränkung, so wie das in dieser Sendung üblich ist.
Die Stärke von Manows Position wird am deutlichsten, wenn wir sie mit der Gegenposition kontrastieren - dem sozusagen kulturalistischen Ansatz. Sind es einfach kulturelle Verschiebungen, die dazu führen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung alles Fremde und Unbekannte ablehnt? Der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld beispielsweise spricht von einer bloß kulturellen Bedrohung, die der AfD die Wähler zutreibe. Handfeste ökonomische Interessen spielen angeblich keine Rolle. Im Herbst des vergangenen Jahres veröffentlichte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ein Papier von Martin Schröder mit dem bezeichnenden Titel: „AfD-Wähler sind nicht abgehängt, sondern ausländerfeindlich.“
Donnerstag, 2. November 2017
"Bildung! Bildung! Bildung!"
Politisch unangenehm, aber durchaus folgerichtig: Bildung lässt sich weder vermessen noch kontrollieren, weder aufspalten noch portionsweise verteilen, kurz: nicht effizient organisieren.Vielen Lehrern und Universitätsdozenten wird der Autor aus dem Herzen sprechen. Dass das pädagogische Feld am besten bestellt ist, wenn wir sie von weiteren Innovationen und Reformen verschonen, dieser Verdacht hat einiges für sich. Er kennzeichnet die gegenwärtige Bildungspolitik überzeugend als innerweltliche Religion – mit allem, was dazu gehört: Erlösungshoffnungen, Priesterschaft und Ritus, in diesem Fall: Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme, pädagogisches Expertentum und Kennzahlen.
Kritisch anmerken möchte ich noch, dass Liessmann leider nur gegen die Verflachung der Bildung streitet, nicht für ihre Verallgemeinerung. Dass er Verflachung und Vermassung gleichsetzt macht den elitären Charakter seiner Kritik aus.
Montag, 21. November 2016
Freiwilliger Gehorsam
Die öffentliche Debatte über Erziehung verläuft im Zickzack – hin und her zwischen der Forderung nach einer harten Hand und der nach mehr Selbstbestimmung. Das vorliegende Buch "Autorität und Verantwortung" gehört nicht in dieses Genre, und Verhaeghe suggeriert auch nicht, es käme nur auf die richtigen Erziehungsmethoden an. Autorität ist für ihn ein gesellschaftliches Verhältnis. "Die Autorität, die Eltern über ihre Kinder haben, wird ihnen von der Gesellschaft gegeben. Wenn das nicht der Fall ist, dann sprechen wir von Macht, bis hin zu Gewalt und Misshandlung. Autorität bedeutet freiwilliger Gehorsam. Menschen halten sich an Regeln, ohne dazu gezwungen zu werden."
Dienstag, 15. Dezember 2015
Politische Rhetorik in der Postdemokratie
Für den Autor ist politische Rhetorik wesentlich performativ. Sie ist ein Sprechhandeln, dessen eigentlicher Sinn nicht im referierten Inhalt liegt. Sie zielt vielmehr auf bestimmte Effekte – zum Beispiel auf den "Effekt Kompetenz". Im Prinzip funktioniert die Meinungssteuerung denkbar einfach: Politiker ermitteln Werthaltungen in der Bevölkerung, um diese dann möglichst glaubhaft zu verkörpern.
Mittwoch, 16. September 2015
Kriegslieder
Klassische Konzerte inmitten von Trümmern, Tod und Zerstörung standen symbolisch für ungebrochenen Kampfeswillen – und für die eigene Identität als Kulturnation, die man dem Gegner absprach. Alle Kriegsparteien reklamierten schließlich für sich, die Zivilisation gegen die Barbarei zu verteidigen.
Dienstag, 17. September 2013
"Wild, jung, produktiv"
Berlin steht für die unmögliche Versöhnung von Hedonismus und Leistungswillen, Dissidenz und Establishment. Dieses Berlin ist eine Utopie im Sinne von Traumtänzerei, ein Ort, an dem wilde Leute kreative effiziente Sachen machen und der Neoliberalismus deutscher Prägung niemals mit seinen Widersprüchen konfrontiert werden wird. So paßt am Ende wieder fast alles fast nahtlos zusammen. Alle Sonderwege sind durchschritten, Berlin hat seinen Platz in Deutschland hat seinen Platz in der Welt gefunden.


