Mittwoch, 18. März 2026

Von Zero Covid zu Zero Wissenschaft

Auf meine Kritik an der Rede vom Pandemie-Revisionismus hat Maximilian Hauer im ND geantwortet, aber sich vor allem mit Peter Nowaks Intervention beschäftigt. Eine weitere Replik auf die Replik mag die Zeitung nicht veröffentlichen, da bleibt mir (vorerst) nur dieser Blog.

Anlass meines Textes war die Irritation darüber, dass in Hauers Beitrag über die Covid-19-Leugnung medizinische Sachverhalte und konkrete gesundheitspolitische Entscheidungen überhaupt nicht vorkommen. Um es gleich zu sagen: an dieser unguten Tradition hält er fest.

Beckers Ableitung, von meiner Kritik der Leugnung auf eine staatsautoritäre Haltung zu schließen, ist weder empirisch noch logisch tragfähig. Denn die Berufung auf den anerkannten medizinischen Kenntnisstand hinsichtlich Covid-19 impliziert keineswegs die Befürwortung eines spezifischen gesundheitspolitischen Paradigmas oder gar einzelner Regierungsmaßnahmen. Ebenso wenig impliziert die Anerkennung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstandes zum Klimawandel eine Befürwortung der vorherrschenden liberalen Klimapolitik, die die Krise seit Jahrzehnten vergeblich durch Emissionsmärkte und negative Preisanreize in den Griff bekommen will.
„Logisch tragfähig“ wird die Rede von Leugnung nur, wenn wir von Fakten ausgehen, die bekannt sein und behauptet werden müssen – und mit den zahllosen Fakten über Covid-19 hatte es nun mal seine Bewandtnis. Die Anerkennung der „anerkannten Fakten“ ist gerade das Problem (mit dem Wissenschaftsglauben). Während der Pandemie wurde eine Fraktion der Forschenden ausgegrenzt – praktisch in den Krisenstäben, diskursiv in der Berichterstattung –, während eine andere Fraktion die Wissenschaftlichkeit für sich reklamierte (weshalb erstere immer noch und mit Recht sauer ist).

Sicher, aus wissenschaftlichen Erklärungen lassen sich nicht unvermittelt gesellschaftliche Konsequenzen ableiten. Aber Hauers Vergleich hinkt: Medizin und Epidemiologie sind etwas anderes als Klimaforschung, es geht bei der Pandemieaufarbeitung um angewandte Wissenschaft, nicht um naturwissenschaftliche Grundlagen. Der Treibhauseffekt und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf lassen sich deutlich leichter auseinanderhalten als die Fragen, die SARS-Cov-2 aufgeworfen hat - Fragen über Risikofaktoren, Risikogruppen, Immunitätsentwicklung und so weiter. Denn welche Maßnahmen der Kontrolle und Behandlung Sinn machen, hängt von den Eigenschaften des Erregers ab, seiner Infektiösität, Pathogenität, von der Immunität in der Bevölkerung etc.

Um aus Fehlern zu lernen, müssen sie auf den Tisch. Es geht um absurde Modellierungen, sinnlose Verhaltensregeln und schädliche NPI, ein ineffizientes Testregime, auch um die Denunziation von abweichenden Positionen und das Hineinregieren in wissenschaftliche Gremien wie die Ständige Impfkommission. Es stellen sich wissenschaftliche, politische und auch wissenschaftspolitische Fragen, darunter die drängende, wie Forschende unabhängig von staatlicher und kommerzieller Einflussnahme arbeiten können.

Während der Pandemie sammelten sich die Befürworter von Zero Covid unter dem Hashtag "Team Wissenschaft". Bezeichnend, dass mittlerweile ihr Interesse an der Wissenschaft ganz erlahmt ist. Und die deutschen Linken, die sich in der damaligen Debatte exponiert haben, haben heute zur Infektionskontrolle nichts zu sagen. Stattdessen bieten sie ideologiekritische und politökonomische Gemeinplätze an. Mein Problem damit ist, dass ich bessere Modellierungen will, bessere Gesundheitsämter, bessere Impfungen, insgesamt eine bessere Infektionskontrolle und letztlich eine bessere Gesundheitspolitik.

Offene Türen rennt Maximilian Hauer bei mir mit dem Hinweis ein, dass die Regierungen mit den Kontrollmaßnahmen von Covid-19 gerade keinen übergeordneten Plan verfolgten (schon gar keinen, den ihnen die Unternehmen oder das Kapital eingeflüstert hätten, wie Peter Novak zu glauben schien). Mit Karl-Heinz Roth sehe ich vor allen Dingen Planlosigkeit, die aber – und das ist entscheidend – mit autoritären Gesten überspielt werden sollte. Autoritatismus und Chaos schließen sich keineswegs aus. Ich fürchte, wir werden bald weitere Beispiele dafür erleben.

Debatten entarten unweigerlich, wenn sie ad personam geführt werden, ich weiß. Aber in der Fraktion, die gegenwärtig den Pandemierevisionismus geißelt, sind wenige zu schüchtern, um anderen Leuten Faschismus, Sozialdarwinismus und sonst etwas Strukturelles nachzuweisen, Stoßrichtung: "Du willst Oma über die Klinge springen lassen, du gibst es bloß nicht zu!" Dies mit einer beeindruckenden Kluft zwischen medizinischer Expertise und Selbstsicherheit im Urteil. Never ceases to amaze me, aber eigentlich überhaupt nicht verwunderlich: Je mehr jemand über Infektionskontrolle weiß, umso abgewogener und differenzierter werden in der Regel die Urteile und Ratschläge. Am Schwadronieren sollt ihr die Ideologen erkennen.

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