Montag, 27. April 2026

Timmy und das deutsche Volk

Lebt er noch? Er lebt noch.

Der Post über "Timmy und die Tierliebe im Anthropozän" ist (für meine bescheidenen Verhältnisse) geradezu viral gegangen. Allerdings habe ich jetzt erst mitbekommen, dass bei dem Streit um die Rettungsaktion nicht nur implizit und unbewusst die ökologische Krise verhandelt wird, wie ich dachte, sondern Neonazis explizit damit Propaganda machen. Das fügt der Tragikömodie, zu der meine Realität geworden ist, eine weitere Ebene der Komplexität hinzu, die ich langsam nicht mehr bewältigen kann. Oder bewältigen will.

Nur eine kurze ideologiekritische Bemerkung, der Vollständigkeit halber:

Mit starkem rechtspopulistischem Einschlag kritisierte Julian Staib vor ein paar Tagen in der FAZ:

Statt einzusehen, dass es manchmal das Beste ist, ein Tier in Ruhe zu lassen, quälen die Aktivisten den Wal mit ihrem Aktionismus. Und statt sich den wirklich wichtigen Themen zu widmen, etwa dem desaströsen Zustand der Ostsee, werden enorme Ressourcen in eine Aktion gesteckt, die mehr Schaden als Nutzen erzeugt.
Reizwort "Aktivismus". Überlasst das den Erwachsenen, mahnt der Kommentator staatstragend, den Experten in Behörden und Wissenschaft. Die wissen es besser als ihr.

In Wirklichkeit sind die selbsternannten Retter und ihre Unterstützer aber keine Umweltaktivisten oder Klimabewegte, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Es handelt sich um Menschen, die das Sterben dieses Tieres nicht ertragen (oder die Aufmerksamkeit kommerziell ausnutzen, weil das Publikum dieses Sterben nicht erträgt).

Ein Teil ist sogar ausdrücklich gegen umfassende ökologische Maßnahmen. Und nicht der Qual des Wals sorgt für Frustration über die Behörden, sondern ihre Überzeugung, in einem falschen (weil demokratischen) System zu leben, war vorher schon da. Der faschistische Flügel der Wal-Unterstützer - so weit ist es gekommen, dass ich so etwas unironisch hinschreiben muss - identifiziert das siechende Tier mit dem kranken deutschen Volk, das sich ebenfalls nach Rettung sehnt. Wie in einem KI-generierten Song, den anzuhören ich gerade das zweifelhafte Vergnügen hatte:

Das hier ist mehr als nur ein Wal
Das ist ein Bild von diesem Land
Zu viel Gerede, zu viel Macht
Und keiner, der Verantwortung hat
Bei Compact heißt es:
Rechte Helfer sind unerwünscht, also muss der gestrandete Wal Timmy sterben. Nun soll das Tier sogar geschlachtet werden - die Regierung tut nichts. Wer sind die Nutznießer?
Eine ökologische Transformation lehnt diese Fraktion bekanntlich ausdrücklich ab und dreht demagogisch den Spieß um. Das eigentliche - vielleichtt einzige - Problem sind die Ökos. Wenn großflächig Wälder brennen wie beispielsweise in Australien oder den USA, soll es an der falschen Praxis der Forstbehörden liegen. Wale sterben, weil Behörden sie schlachten will. Die oft bemühte Covid-19-Laborthese gehört in gewisser Weise ebenfalls zu diesem Motiv-Komplex. Dabei fließen libertäre und organizistisch-völkische Staatskritik zusammen. Das Ziel ist, sozioökologische Zusammenhänge im Empörungslärm zu ersticken.

Freitag, 24. April 2026

Free Timmy! Tierliebe im Anthropozän

So geht es dir, wenn du so richtig prominent bist und nicht rechtzeitig eine Patientenverfügung anfertigst: Dein Sterben wird behindert, aber nicht verhindert, zu einer sinnlosen Qual. Zum medialen Spektakel und zur Geschäftsgelegenheit. Im Minutentakt ausgeschlachtet, noch bevor du zur Leiche geworden bist.

Was treibt die selbsternannten Retter eigentlich an? Ich glaube, dass bei dieser traurigen Farce unbewusst die ökologische Krise und die richtige Reaktion darauf verhandelt wird. Die Frage, um die es eigentlich geht (oder um die es wenigstens gehen sollte), lautet: Wie weit reicht die menschliche Naturbeherrschung in der ökologischen Krise?

Dienstag, 21. April 2026

Montag, 20. April 2026

Wer keine Hoffnung mehr hat, ist tot, heißt es. Ich halte mich aufrecht, so gut es geht. Aber etwas kann mir die letzte Kraft rauben: constructive journalism oder gar mood-enhancing journalism.
"Die drei guten Nachrichten der Woche" ... Der erste vermeintliche Hoffnungsschimmer sind "Zwillinge bei den Berggorillas" (während links und rechts ganze Arten aussterben ...). Der zweite ist eine neues technisches Verfahren, um Mikroplastik auszufiltern (was viel Wasser und Strom verbraucht, während immer mehr Plastik zu immer mehr kurzlebigen Gebrauchsgegegenständen verarbeitet wird ...). Der dritte: "Optimismus schützt vor Demenz".

Können wir einfach über etwas anderes reden?

Montag, 13. April 2026

Boulevard schamlos: War wohl nichts mit dem Wunsch nach ein bisschen Ruhe, Frau Farooq! Ob die Journalisten eigentlich merken, was sie da tun?

Freitag, 10. April 2026

Wen oder was schützt der Datenschutz?

In der Sendung Andruck habe ich Timo Daums neues Buch Lob der Überwachung besprochen. Er kritisiert Datenschutz und die Verteidigung der Privatsphäre (mehr oder weniger) materialistisch - nicht nur die technische und rechtliche Praxis, sondern auch die zugrundeliegende Theorie:
Im Schlepptau führe der Diskurs über den Datenschutz ein zutiefst bürgerliches Weltbild: Menschen erscheinen lediglich als Eigentümer, ihre Interaktion reduziert auf Tausch, vertraglich geregelt und vom Recht beschützt. Ihre individuelle Freiheit verteidigt der Datenschutz gegen den Staat – auch wenn sie in krassem Widerspruch zum Gemeinwohl steht.
Ich finde die Kritik von Timo Daum richtig und wichtig. Auch dass er betont, dass "Überwachung" mit digitaltechnischen Mitteln vertretbar, weil nützlich und oft schlicht unvermeidbar ist, ist sehr verdienstvoll.

Antrieb des Datenschutzes als Ideologie ist eine diffuse Angst, deren Stärke umso größer ist, je undeutlicher die Drohung und die Bedroher bleiben. Geht die Gefahr vom staatlichen großen Bruder aus, von vielen unternehmerischen kleinen Brüdern oder horizontal von Mitmenschen, die etwas Intimes erfahren könnten und deren Urteil uns wichtig ist? Oder von allen gleichzeitig und gleichermaßen? In welchem Verhältnis stehen überhaupt der große Bruder und seine vielen kleinen Geschwister?

Gerade diese Unbestimmtheit macht den affirmativen Charakter aus. Der Datenschutz wird als Lösung für gesellschaftliche Probleme vorgestellt, die freilich jedem Einzelnen überlassen bleibt, der für "seine Daten" verantwortlich sein soll. Timo Daum zieht einen treffenden Vergleich mit dem CO2-Fußabdruck in der Umweltpolitik:

Umweltschädliche Produkte würden nur produziert, weil wir sie nachfragten und kauften, will man uns mit dieser durchschaubaren Strategie weismachen. Mit unserem Überwachungs-Fußabdruck ist es ähnlich: Man will uns glauben machen, wir hätten es selbst in der Hand, diesen möglichst klein zu halten – mit informierten Mikro-Entscheidungen, mit nachhaltigem Konsum digitaler Medien und dem Verzicht auf die eine oder andere digitale Bequemlichkeit: Wenn wir nur die Datendiät einhalten, dann gelingt der Überwachungs-Detox!

Ein Bilderbuchbeispiel für den diffusen Charakter von privacy advocacy ist die ARD-Dokumentation "Gefährliche Apps", die sich mit der Vermarktung von Smartphone-Daten beschäftigt.

Dieser Film zeigt, wie leicht ahnungslose Nutzer ins Visier von Stalkern, Kriminellen oder Geheimdiensten geraten können.
Geradezu hysterisch titelt Netzpolitik, das Hauptquartier vom bundesdeutschen Datenschutz-Aktivismus:
Datenhandel -Lebensgefahr
Für die Subjektivität in bürgerlichen Gesellschaften ist gerade die Trennung unterschiedlicher Rollen wichtig, aber auch prekär, prekärer jedenfalls als in anderen Gesllschaftsformen. Was der Arbeitgeber wissen muss, soll der Lebensabschnittgefährte nicht erfahren. Was man beim Online-Händler bestellt, geht sowieso niemanden etwas an. Damit will ich nicht sagen, dass die erzwungene und unfreiwillige Transparenz immer harmlos wäre. Nur dass sich die Konsequenzen - und eben auch die zugrundeliegenden Probleme und Lösungen - deutlich unterscheiden, ob nun ein Babyfoto im Internet kursiert und zur Onaniervorlage für einen Pädophilen wird (um einen beliebten Topos aufzugreifen) oder eine berufliche Beförderung wegen eines betrunkenen Party-Fotos verweigert wird (um ein anderes Standardbeispiel anzuführen) oder aber ein politischer Dissident im Gefängnis landet (item). Daten bilden die Oberfläche von Machtbeziehungen, sie bilden sie (unvollkommen) ab und reproduzieren sie dadurch.

Besonders gut gefallen Bücher bekanntlich, wenn sie Standpunkte vertreten, die man selbst immer schon vertrat. So auch hier: Ich habe mich mit dem Thema bereits 2010 (!) in einem Buch mit dem Titel Datenschatten - Auf dem Weg in die Überwachungsgesellschaft? auseinandergesetzt und ein Jahr später in einer Rezension zusammenfassend geschrieben:

Das Thema Datenschutz lebt davon, daß es alle betreffen soll, auch den unbescholtenen Bürger (eine Gestalt, die überraschend häufig Aktivisten bemühen, die gar keine unbescholtenen Bürger sein wollen). Unermüdlich warnen Datenschützer vor den Gefahren des „Mißbrauchs“, aber die Bedrohung bleibt merkwürdig unbestimmt. Denn man bestreitet gar nicht, daß Staat und Unternehmen personenbezogenene Daten brauchen. „Selbstverständlich“ müsse die Polizei Informationen sammeln – nur allzu leicht soll es ihr nicht fallen.
Nun gibt es kein Recht auf Gesetzesverstöße, und die Pointe der Überwachung durch Behörden, Polizei und am Arbeitsplatz ist, daß sie und ihre (für Betroffene häufig unangenehmen) Folgen in der Regel ganz legal sind. Weil die legalistische Kritik des Datenschutzes ins Leere geht, bauscht er Phänomene wie unerwünschte Werbung oder kriminellen Datengebrauch über alle Maßen auf und macht beispielsweise aus dem altbewährten Kreditkartenbetrug den neuen schlimmen „Identitätsdiebstahl“.
Der beschränkte Horizont der Datenschützer führt andererseits dazu, daß sie die innovativen Möglichkeiten der Informationstechnik, die tatsächlich über die bürgerliche Gesellschaft hinausweisen, ignoriert oder verniedlicht (beispielsweise eine vernünftige gesamtgesellschaftliche Planung von Produktion und Ressourcenverbrauch und deren demokratische Kontrolle). Diesen Möglichkeiten stehen nämlich vor allem das Amts- und Geschäftsgeheimnis im Weg, und diese gelten dem Datenschutz als ebenso schützenswert wie das informationelle Selbstbestimmungsrecht der Bürger. Die Gesellschaftskritik von Datenschützern ist, kurz gesagt, konventionell und defensiv.

Donnerstag, 9. April 2026