Was treibt die selbsternannten Retter eigentlich an? Mit starkem rechtspopulistischem Einschlag kritisiert Julian Staib in der FAZ:
Statt einzusehen, dass es manchmal das Beste ist, ein Tier in Ruhe zu lassen, quälen die Aktivisten den Wal mit ihrem Aktionismus. Und statt sich den wirklich wichtigen Themen zu widmen, etwa dem desaströsen Zustand der Ostsee, werden enorme Ressourcen in eine Aktion gesteckt, die mehr Schaden als Nutzen erzeugt.Stichwort "Aktivismus" - die Umweltschützer machen angeblich alles nur schlimmer. In Wirklichkeit sind die Retter keine Umweltaktivisten oder Klimabewegte, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Sonern es sind Menschen, die das Sterben eines bestimmten Lebewesens nicht ertragen (oder die Aufmerksamkeit kommerziell ausnutzen, weil das Publikum dieses Sterben nicht erträgt).
Bekanntlich ist ein Tod eine Tragödie, während eine Million Toten nur Statistik sind. Die einsetzende Biodiversitätskrise ist verwoben mit Klimawandel und dem Eintrag von Schadstoffen und Nährstoffen, die im „Anthropozän“ eine neue zerstörerische Qualität erreicht haben. Aber das Massenaussterben zahlreicher Tier- und Pflanzengattungen überfordert die Empathie und Vorstellungskraft. Wirklich wirksame Umweltschutzmaßnahmen werden abgeblockt. Zynismus und Verzweiflung sind die Folge.
Von daher ließe sich wohlwollend annehmen, dass es sich beim Wirbel um Timmy um eine Ersatzhandlung handelt, eine Verschiebung: Wird dieser Wal gerettet, dann kann doch noch alles in Ordnung kommen! Viellicht ist es auch gar nicht so schlimm! Diese Fixierung trägt Elemente von Verleugnung in sich, von fingierter Selbstwirksamkeit wie der Einkauf von (vermeintlichen) Bioprodukten. Niemand kann davon ganz frei sein. Aber ich fürchte, es ist schlimmer.
Denn diese "Liebe zum Tier" ist missbräuchlich. Es ist bekannt, dass viele Pädophile glauben, zwischen ihnen und ihren Opfern gäbe es wirklich eine erotische Verbindung. "Aber wir lieben uns doch!" Seine Schutzbefohlenen sind ihm ausgeliefert, Objekt des Übergriffs und seiner Phantasien. Kennzeichnend für das gegenwärtige Naturverhältnis ist gerade, dass das Natürliche verfügbar sein soll, beliebig formbares Material durch Arbeit und Kontrolle. Dass dem Menschen ein Wille entgegensteht oder einfach nur seine Kräfte für eine Rettung nicht ausreichen, ist undenkbar und unerträglich. (Ich vermute, das meint Hartmut Rosa mit Unverfügbarkeit ...) Dass sich Missbraucher als Retter imaginieren, kommt ja ebenfalls nicht selten vor.
Das „Tier“ in der Imagination der Naturliebhaber ist bloße Projektionsfläche. John Berger, Philosoph und Landwirt, hat meiner Meinung nach das Mensch-Tier-Verhältnis am tiefsten ergründet: Wenn Mensch und Tier sich in die Augen blicken, fühlen sie Verbundenheit und einen unüberbrückbaren Abgrund. Gerade diese Erfahrung der Differenz ist notwendig und kaum noch möglich - was bedeutet die Kategorie wildes Tier noch im Anthropozän? Die Autonomie der Natur nicht anzuerkennen, nicht einmal die Autonomie des Sterbens, ist das eigenliche Problem des Mensch-Natur-Verhältnisses.
Nennen wir es Entfremdung. (Hilfsausdruck)


