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Dienstag, 3. September 2013

Kaltakquise, kühle Reaktion

Mittlerweile bin ich ja schon recht lange im journalistischen Geschäft: Das Fell wird dicker, die Ansprüche dünner. Aber manchmal passiert dann doch wieder etwas, was mir die Sprache verschlägt.
Lieber Herr Becker ...
schreibt die Redakteurin - na, das fängt doch schon mal gut an!
... ich finde Ihren Vorschlag interessant, bitte machen Sie uns einen Beitrag ...
Alles klar!
Da Sie noch nie für uns gearbeitet haben, bitte ich Sie um Verständnis, dass wir Ihren Beitrag erst als endgültig eingekauft betrachten, wenn er als Audio fix und fertig von uns abgenommen ist.
Stocken, staunen, noch mal lesen! Steht wirklich da.

Ich finde das gut! Die Bezahlung sollte viel öfter vom Erfolg abhängen! In diesem, meinem Fall hieße das dann wohl, eine Bezahlung gibt es, wenn das "fix und fertig" produzierte Radiostück Gefallen findet. Oder auch nicht. So wird die Arbeitszeit niemals langweilig, es bleibt spannend: Wird es nach einer Woche Recherche, Interviews, Produktion Geld geben? Oder doch nicht?

Nur einen Vorschlag hätt ich noch - warum dieses innovative Prinzip auf die freien Journalisten beschränken? Warum nicht den Lohn der Redakteure an die Zuhörer-Quote koppeln? Da ist noch Potenzial, um die Arbeitsbedingungen im Medienbereich tiefer in den Abgrund zu treiben.

Mittwoch, 14. Juli 2010

"Eine grundsätzliche Kritik am Entstehen und an der Auswertung der Datenschatten"


Auch in meinem Fall verbirgt sich hinter der Maske eines abgebrüht-zynischen Journalisten - I'm only in it for the money! - ein empfindsamer Schreiber, der verstanden werden will. Deshalb freut mich besonders, dass Dieter Kochheim sich mit meinem Buch "Datenschatten - Auf dem Weg in die Überwachungsgesellschaft?" auseinandergesetzt hat - meines Wissens die erste veröffentlichte Kritik, die über die Verlagsinfos hinausgeht! Dieter Kochheim ist Staatsanwalt, ein Experte für Computer- und Internet-Kriminalität und er betreibt die ausgezeichnete Internetseite "Cyberfahnder", die sich aus polizeilich-juristischer Perspektive mit eben diesen Themen beschäftigt.
Becker geht es um eine grundsätzliche Kritik am Entstehen und an der Auswertung der Datenschatten als geheimer Prozess und an der präsenten Überwachung überhaupt. Die Kehrseite davon artet leicht zur Maschinenstürmerei einerseits oder zur Hilflosigkeit andererseits aus.
Das Buch "Datenschatten" begreife ich selbst als "solidarische Kritik" an der neuen deutschen Datenschutz-und Bürgerrechtsbewegung. Gegen deren Privatheitsfetisch wende ich ein, dass bisher jede Gesellschaft eine "Überwachungsgesellschaft" war, weil in jeder Gewsellschaft kontrolliert wird, ob die sozialen Erwartungen auch eingehalten wurden. Die Kritik am Datenschatten, der durch die maschinengestütze Informatisierung des Alltags entsteht, greift viel zu kurz, behaupte ich und fühle mich deshalb so gar nicht als Maschinenstürmer. Hinter den Auseinandersetzungen um Überwachung stehen die interessanteren Konflikte ...

Donnerstag, 5. Februar 2009

Deutschland - England 1:1



Vor ziemlich langer Zeit habe ich, damals noch für die Jungle World, über den britischen Sozialstaat geschrieben ("Die besten Arbeitsämter Europas"). Dabei kam der, kaum überraschend, nicht besonders gut weg. Nun hat mir eine Leserin folgendes Bedenkenswerte geschrieben:
Parallel müssten Sie eine Studie über Deutschland verfassen. Wissen Sie wie sozial Deutschland ist? Mein Mann bekommt nach 40 Jahren schwerer Arbeit 870 Euro Rente, wenn ich durch meine Putzarbeit (mehr kann ich nicht wegen meiner Diabetes) nicht noch ein Zubrot dazu verdienen würde, sehe es zappenduster aus. Und doch sind wir gerade über dem Satz, um evtl. Zuschüsse zu erhalten. Mein Stundenlohn betragt 8,78 Euro und über die Arbeitsmoral brauchen wir uns nicht unterhalten. Ich kann nur sagen, die Brüder meines Mannes stehen viel besser da in England. Beihilfen für Heizung, Busfahren ab 60 Jahren frei, akzeptable Mietbeihilfen usw. Ein Haus mit 2 Schlafzimmern kostet ca. 385 Pfund. Da schauen Sie mal, ob Sie das hier als Rentner alles bekommen. Als Diabetiker und Bluthochdruckkranker zahle ich mich hier dumm und dämlich. Das haben unsere Verwandten in England alles frei. Ich kann Ihnen ein Lied singen über diesen Sozialstaat in Deutschland. Besch...... Aber immer wieder wird in der Presse und wie man sieht auch im Internet Hetze auf England gemacht. Sollen sie doch erst mal vor der eigenen Haustür kehren.
Ich habe nichts hinzufügen, außer dass antibritische Hetze mir selbstredend fern liegt.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Freiheit, die ich meine

Gestern erschien meine Buchkritik über Bini Adamczaks "Stalinismuskritik auf Höhe der Zeit" (gut platziert in der JUNGEN WELT), heute treffen die wütenden Leserbriefe von Betroffenen ein. Darunter einer, in dem es heißt:
Herr M. Becker ist der j.W. offensichtlich kein Unbekannter. Auf seiner Homepage stellt er sich als „freier“ Journalist dar! (Was immer auch frei und Freiheit bedeuten!)

Eine gute Frage! Eine behelfsmäßige Definition wäre vielleicht "Nicht Überzeugung gegen Honorar tauschen müssen".

Dienstag, 27. November 2007

Aufmerksame Leser

Nichts freut mich mehr, als gelegentlich zu erfahren, dass meine Arbeit auf Interesse stößt. Heute morgen bekam ich eine Leserzuschrift mit dem folgenden Text:

"Halt’s Maul, aber plötzlich, und weg mit Deinem Scheiß über uns!"

Reizend. Besonders gefällt mir dieses antiautoriäre "aber plötzlich"! Unterschrieben ist das mit "SPK / PF (H)", den Nachlassverwesern des Sozialistischen Patientenkollektivs. Wer wissen will, was die Kolleginnen und Kollegen so aufregt, der Text findet sich hier.