Anlass meines Textes war die Irritation darüber, dass in Hauers Beitrag über die sogenannte Covid-19-Leugnung medizinische Sachverhalte und konkrete gesundheitspolitische Entscheidungen überhaupt nicht vorkommen. Um es gleich zu sagen: An dieser unguten Tradition hält er unbeirrbar fest.
Beckers Ableitung, von meiner Kritik der Leugnung auf eine staatsautoritäre Haltung zu schließen, ist weder empirisch noch logisch tragfähig. Denn die Berufung auf den anerkannten medizinischen Kenntnisstand hinsichtlich Covid-19 impliziert keineswegs die Befürwortung eines spezifischen gesundheitspolitischen Paradigmas oder gar einzelner Regierungsmaßnahmen. Ebenso wenig impliziert die Anerkennung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstandes zum Klimawandel eine Befürwortung der vorherrschenden liberalen Klimapolitik, die die Krise seit Jahrzehnten vergeblich durch Emissionsmärkte und negative Preisanreize in den Griff bekommen will.„Logisch tragfähig“ wird die Rede von einer Leugnung bekanntlich nur, wenn wir von Fakten ausgehen, die bekannt sein und behauptet werden müssen – und mit den zahllosen Fakten über Covid-19 hatte es nun mal seine Bewandtnis. Die Anerkennung der „anerkannten Fakten“ ist gerade das Problem (mit dem Wissenschaftsglauben). Während der Pandemie wurde eine Fraktion der Forschenden ausgegrenzt – praktisch in den Krisenstäben, diskursiv in der Berichterstattung –, während eine andere Fraktion die Wissenschaftlichkeit für sich allein reklamierte (weshalb erstere immer noch und mit Recht sauer ist).
Schon letztes Frühjahr resümmierte Antje Schrupp in den Blättern für deutsche und internationale Politik:
Im Rückblick lässt sich sagen, dass Deutschland beim Umgang mit Corona nicht an den medizinischen, sondern an den politischen und sozialen Herausforderungen scheiterte ...Diese Vorstellung, Politisches und Medizinisches ließen sich trennscharf auseinanderhalten, ist in Deutschland weit verbreitet, von Linksradikalen über Linksliberale bis zu Konservativen - Ausdruck des gemeinsamen Vertrauens in die Expertokratie und Sozial-Technokratie.
Sicher, aus wissenschaftlichen Erklärungen lassen sich nicht unvermittelt gesellschaftliche Konsequenzen ableiten. Aber Maximilian Hauers Vergleich hinkt: Medizin und Epidemiologie sind etwas anderes als Klimaforschung; es geht bei der Pandemieaufarbeitung um angewandte Wissenschaft, nicht um naturwissenschaftliche Grundlagen. Der Treibhauseffekt und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf lassen sich deutlich leichter auseinanderhalten als die Fragen, die SARS-Cov-2 aufgeworfen hat - Fragen über Risikofaktoren, Risikogruppen, Immunitätsentwicklung, Zoonosen und so weiter. Welche Maßnahmen der Kontrolle und Behandlung Sinn machen, hängt von den Eigenschaften des Erregers ab, seiner Infektiösität, Pathogenität, von der Immunität in der Bevölkerung etc.
Klingt banal? Während der Pandemie sammelten sich die Befürworter von Zero Covid unter dem Hashtag "Team Wissenschaft". Bezeichnend, dass mittlerweile ihr Interesse an der Wissenschaft ganz erlahmt ist. Und die deutschen Linken, die sich in der damaligen Debatte exponiert haben, wollen über Anspruch und Wirklichkeit der Covid-19-Infektionskontrolle nicht mehr reden.
Stattdessen bieten die Autoren von Verdrängte Pandemie, darunter auch Maximilian Hauer, ideologiekritische und politökonomische Gemeinplätze an. (Rob Wallace und Wolfgang Hien, ebenfalls in diesem Band vertreten, sind Ausnahmen.) Aber eine Formel wie Agnolis "Staat des Kapitals", die Hauer anführt, oder ein Schlagwort wie Joachim Hirschs "Sicherheitsstaat", das Nowak bemüht, bedeuten ohne Konkretisierung überhaupt nichts. Wer nicht gänzlich gehirngewaschen ist, wird die staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie weder pauschal befürworten noch sie pauschal ablehnen, sondern sie nach ihrer Sinnhaftigkeit beurteilen.
Offene Türen rennt Maximilian Hauer bei mir ein mit dem Hinweis, dass die Regierungen mit den Kontrollmaßnahmen von Covid-19 gerade keinen übergeordneten Plan verfolgten (schon gar keinen, den ihnen die Unternehmen oder das Kapital eingeflüstert hätten, wie Peter Novak zu glauben schien). Mit Karl-Heinz Roth sehe ich vor allen Dingen Planlosigkeit, die aber – und das ist entscheidend – mit autoritären Gesten überspielt werden sollte. Autoritarismus und Chaos schließen sich keineswegs aus. Ich fürchte, wir werden bald weitere Beispiele dafür erleben.
Die Fehler von damals müssen auf den Tisch
Debatten entarten unweigerlich, wenn sie ad personam geführt werden, ich weiß. Aber in der Fraktion, die gegenwärtig den "Pandemierevisionismus" geißelt, sind wenige zu schüchtern, um anderen Leuten Faschismus, Sozialdarwinismus und sonst etwas Strukturelles nachzuweisen, Stoßrichtung: "Du willst Oma über die Klinge springen lassen, du gibst es bloß nicht zu!" Dies mit einer beeindruckenden Kluft zwischen medizinischer Expertise und Selbstsicherheit im Urteil. Never ceases to amaze me, aber eigentlich überhaupt nicht verwunderlich: Je mehr jemand über Infektionskontrolle weiß, umso abgewogener und differenzierter werden in der Regel die Urteile und Ratschläge. Am Schwadronieren sollt ihr die Ideologen erkennen.
Mein Problem mit dem Fokus auf den Pandemierevisionsmus ist, dass so die notwendige Aufarbeitung vermieden und ein Lernprozess verhindert wird. Ja, es gab und gibt Revisionismus und Querdenkerei (wie sie nicht-inflationär zu definieren sind, wäre die nächste Frage ...). Aber das kann doch nicht alles sein, was der Linken zur Pandemie einfällt! Um aus Fehlern zu lernen, müssen sie auf den Tisch. Es geht um absurde Modellierungen, sinnlose Verhaltensregeln und schädliche NPI, ein ineffizientes Testregime, auch um die Denunziation von abweichenden Positionen und das Hineinregieren in Gremien wie die Ständige Impfkommission. Andere Maßnahmen waren sinnvoll und effektiv. Jedenfalls stellen sich wissenschaftliche, politische und auch wissenschaftspolitische Fragen, darunter die drängende, wie Forschende und Mediziner unabhängig von staatlicher und kommerzieller Einflussnahme arbeiten können.
Vom Moralismus hin zu einer sozialistischen (sozialisierenden) Gesundheitspolitik
Es ist symptomatisch - ein Zeichen für Siechtum -, dass der gesellschaftlichen Linken zu Covid-19 nichts einfällt außer den „Kampf ums historische Narrativ“ (Maximilian Hauer) weiterzuführen. Die Realität der damaligen Infektionskontrolle taucht nicht auf oder höchstens ideologisch vorsortiert. Da werden in "Verdrängte Pandemie" wissenschaftliche Veröffentlichungen angeführt, die scheinbar exakt bestätigen, was man immer schon glaubte. Um solche zu finden, muss man zwar lange suchen, und sie entsprechen keineswegs dem Gesamtbild (der "Studienlage"). Aber was soll's - "Rosinen picken" ist offenbar nur ein Problem, wenn es die anderen machen! Ein Leugner ist ein Leugner ist ein Leugner.
Der Moralismus - oft "ideologiekritisch" bemäntelt - schließt die Auseinandersetzung mit als böse gekennzeichneten Positionen von vorherein aus. Aber ich will bessere Modellierungen, eine bessere Gesundheitskommunikation, bessere Impfungen, insgesamt eine bessere Gesundheitsversorgung. Im Sinne von Brechts schöner Keuner-Geschichte:
Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen. "Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen", sagte Herr Wirr, "ich will keine Zeitungen." Herr Keuner sagte: "Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: ich will andere Zeitungen."Keuner lehnt pseudorevolutionäre und maximalistische Positionen als wirkungslos ab. Auf das verdrängte Pandemie-Versagen bezogen scheint mir das gerade Gegenteil der Fall zu sein: Für die Zero-Covid-Fraktion gibt es nur Zeitungen, wie sie sind und die verteidigt werden müssen, übertragen: das gegebene System der Krankenversorgung.
Brecht lässt Keuner über Verbesserungsmöglichkeiten der Welt nachdenken:
Herr Wirr hielt den Menschen für hoch und die Zeitungen für unverbesserbar, Herr Keuner hingegen hielt den Menschen für niedrig und die Zeitungen für verbesserbar. "Alles kann besser werden", sagte Herr Keuner, "außer dem Menschen."Das ist natürlich eine Variation auf Brechts Lebensthema: Die Verhältnisse müssen sich ändern, sonst kann eine Verbesserung des Menschen nicht gelingen. Moral und Moralismus lehnt er scharf ab, als wirkungslos und schädlich (obwohl er andererseits immer wieder das Dilemma und das Leiden daran, nicht gut sein zu können, vorführt). Wie weit hat sich die Linke von einer solchen Haltung entfernt! Ihr gilt der Menschen und sein Egoismus als das Hauptproblem, seine Erregbarkein und Leichtgläubigkeit. So kreisen die Interventionen in Theorie wie Praxis weiter um die Querdenkerei, die Leugner und Verführer, statt eigene Positionen und eine wirklichkeitstaugliche Kritik zu entwickeln.