Montag, 23. Februar 2026

Perverse Nazis feiern Sex-Orgien mit Minderjährigen

Habe ich Ihre Aufmerksamkeit? Dachte ich mir doch. Das Thema Faschismus und Sexualität weckt unfehlbar eine ambivalente Faszination. Als ich vor zwei Jahrzehnten in England lebte, erklärte mir ein eingeborener WG-Mitbewohner sehr ernsthaft, dass Göring und Himmler Crossdresser gewesen seien. Ich reagierte skeptisch, aber er hatte das im Geschichtsunterricht in der Sekundarstufe gelernt.

Die Anekdote weist darauf hin, dass sich um Sex unterm Hakenkreuz unzählige Gerüchte und Mythen ranken. Der nationalsozialistische Zivilisationsbruch wirkt auch und gerade in sexuellen Phantasien und in der Pornographie fort. Aber ich frage mich, welche Bedeutung Sexualität wirklich für den historischen Faschismus hatte – für seine Entstehung, seine Herrschaft und die Gewalt, die er entfesselte.

Die Historikerin Dagmar Herzog untersucht eben dieses Problem. Ich habe ihr jüngstes Buch „Der faschistische Körper“ für Andruck rezensiert und mich danach in diesem Blog zu einem langen rant hinreißen lassen, in dem ich unter anderem meine Zweifel zum Ausdruck brachte, ob ihre Version einer psychoanalytischen Faschismustheorie letztlich nützlich ist.

Nun habe ich – weil ich meine Rezensentenpflicht manchmal sogar übererfülle! - ihre Untersuchung „Politisierung der Lust – Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts “ (2009) gelesen und in „Eugenische Phantasmen – Eine deutsche Geschichte“ (2024) geblättert. Mein Eindruck: vieles richtig, manches falsch, das meiste halbrichtig.

Die Originalität von Herzogs Analyse besteht darin, dass die Nazis die Sexualität im deutschen Volk nicht unterdrückt, sondern ihr neue Freiräume verschafft hätten. Die faschistische „Anstachelung zur Lust“ ist sozusagen der Unique Selling Point. Immer wieder grenzt sie sich ab von älteren Analysen, die angeblich nur die repressive Seite gesehen hätten, wobei sie beispielsweise Gudrun Brockhaus' „Schauder und Idylle“ (1997) überhaupt nicht erwähnt. Dass es den Nazis um die Steigerung der Lust als solcher gegangen sei, scheint mir überzogen. Stattdessen war die Geburtenförderung (der als wertvoll erachteten Bevölkerungsteile) der zentrale Antrieb des Regimes, das möglichst viele Arbeitersoldaten für seine Welteroberungspläne benötigte, und zu diesem Zweck Arbeitersoldatengebärmaschinen.

Aber, wendet Herzog ein:

Wer jedoch die NS-Lobeshymnen auf die Freuden der Liebe als taktischen Zierrat für eine in Wahrheit allein auf Reproduktion ausgerichtete Strategie betrachtet, übersieht, dass die NS-Ratgeberliteratur elementare Wunschvorstellungen von persönlichem Grück aufgriff – dass also der Reiz des Nationalsozialismus (im Foucaultschen Sinne) eher in den positiven als in den negativen Wirkungen der Macht lag.
Da ist etwas dran - aber was?

Die sozialistische Debatte über den Zusammenhang von Faschismus und Sexualität wurde durch die Repressionsthese von Wilhelm Reich angestoßen. Sexuelle Frustration sei für das Regime nützlich, weil es die resultierende aggressive und destruktive Energie der Subjekte für eigene Zwecke einsetzen könne. „Make love not war!“, lautete später die Nutzanwendung der 68er-Bewegung, sexuelle Befreiung als antifaschistische Praxis. Herbert Marcuse dagegen erkannte bereits 1942 die permissive Seite des Faschismus. Herzog zitiert:

Die Zerstörung der Familie, der Angriff auf patriarchalische und monogame Maßstäbe und alle vergleichbaren, allenthalben verkündeten Unterfangen spielen mit der latenten ›Unzufriedenheit‹ mit der Zivilisation, mit dem Protest gegen ihre Beschränkung und Frustration. Sie verweisen auf das Recht der ›Natur‹, die gesunden und diffamierten Triebe des Menschen ... Sie nehmen für sich in Anspruch, dem ›Natürlichen‹ wieder zu seinem Recht zu verhelfen. … Die Abschaffung der sexuellen Tabus macht dieses Reich der Befriedigung zur offiziell politischen Domäne ... Der Einzelne betrachtet seine private Befriedigung als patriotischen Dienst am Regime und erhält dafür seine Belohnung.
Marcuse scheinen diese Tendenzen äußerst widersprüchlich. Er interpretiert sie (aus Perspektive der Subjekte) als Perversion und (aus Perspektive des Staates) als instrumentelle Lenkung (Aspekte, die bei Herzog nicht auftauchen). Wie viel Lustgewinn dabei tatsächlich herauskommt, lässt er offen. Aber tatsächlich sieht er eine mögliche Übereinstimmung zwischen einem Volk, das nach sexueller erfüllung strebt, und einem Regime, das Legitimität und Kanonenfutter braucht - "Make love and war!"

An der Analyse Herzogs hat mich irritiert, dass sie auf die bevölkerungspolitische Dimension kaum eingeht, ohne die aber all das unverständlich bleiben muss. Was bedeutet das für heute? Der Zusammenhang zwischen Sexualität und familiärer Reproduktion hat sich seit dem 2. Weltkrieg gelockert. Die Bekämpfung von Homosexualität und Abtreibung ist den Faschisten von heute immer noch ein wesentliches Anliegen, sozusagen eine Kernaufgabe für die angestrebte Ertüchtigung des Volkes, aber da mögen sie zu Kompromissen bereit sein oder zu Kompromissen gezwungen werden.

Liberale Bevölkerungspolitik macht eher Angebote, sie vermeidet weitgehend das Verbot und setzt auf den "Anreiz" Faschistische Bevölkerungspolitik greift zu den brutalsten Mitteln. Sie begreift Soziales als Ausdruck von Biologie (vereinfacht ausgedrückt, zu ihren ideologischen Auffassungen von Natur und Wille wäre noch vieles zu sagen). Sie greift auf die Körper zu, insbesondere auf die Körper der ausgegrenzten Bevölkerungsteile, deren Sexualität und Reproduktion unterbunden werden soll. Die analytische Herausforderung für eine Faschismustheorie auf dere Höhe der Zeit besteht darin, das Agieren der staatlichen Apparate und die (sexuellen und reproduktiven) Bedürfnisse in der Bevölkerung zusammenzudenken und aufeinander zu beziehen.