Die Anekdote weist darauf hin, dass sich um Sex unterm Hakenkreuz unzählige Gerüchte und Mythen ranken. Der nationalsozialistische Zivilisationsbruch wirkt auch und gerade in sexuellen Phantasien und in der Pornographie fort. Aber ich frage mich, welche Bedeutung Sexualität wirklich für den historischen Faschismus hatte und für einen zukünftigen haben könnte – für seine Entstehung, seine Herrschaft und die Gewalt, die er entfesselt.
Die Historikerin Dagmar Herzog untersucht eben dieses Problem. Ich habe ihr jüngstes Buch „Der faschistische Körper“ für Andruck rezensiert und mich danach in diesem Blog zu einem langen rant hinreißen lassen, in dem ich unter anderem meine Zweifel zum Ausdruck brachte, ob ihre Version einer psychoanalytischen Faschismustheorie letztlich nützlich ist.
Nun habe ich – weil ich meine Rezensentenpflicht manchmal sogar übererfülle! - ihre Untersuchung „Politisierung der Lust – Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts “ (2009) gelesen und in „Eugenische Phantasmen – Eine deutsche Geschichte“ (2024) geblättert. Mein Eindruck: vieles richtig, manches falsch, das meiste halbrichtig.
Die Originalität von Herzogs Analyse besteht darin, dass die Nazis die Sexualität im deutschen Volk nicht unterdrückt, sondern ihr neue Freiräume verschafft hätten. Die faschistische „Anstachelung zur Lust“ (Herzog) ist sozusagen ihr akademischer Unique Selling Point. Immer wieder grenzt sie sich ab von älteren Analysen, die angeblich nur die repressive Seite gesehen hätten, wobei sie beispielsweise Gudrun Brockhaus' „Schauder und Idylle“ (1997) überhaupt nicht erwähnt. Dass es den Nazis um die Steigerung der Lust als solcher gegangen sei, scheint mir überzogen. Stattdessen war die Geburtenförderung (der als wertvoll erachteten Bevölkerungsteile) der zentrale Antrieb des Regimes, das möglichst viele Arbeitersoldaten für seine Welteroberungspläne benötigte, und zu diesem Zweck Arbeitersoldatengebärmaschinen.
Aber, wendet Herzog ein:
Wer jedoch die NS-Lobeshymnen auf die Freuden der Liebe als taktischen Zierrat für eine in Wahrheit allein auf Reproduktion ausgerichtete Strategie betrachtet, übersieht, dass die NS-Ratgeberliteratur elementare Wunschvorstellungen von persönlichem Glück aufgriff – dass also der Reiz des Nationalsozialismus (im Foucaultschen Sinne) eher in den positiven als in den negativen Wirkungen der Macht lag.Da ist etwas dran - aber was?
Die sozialistische Debatte über den Zusammenhang von Faschismus und Sexualität wurde durch die Repressionsthese von Wilhelm Reich angestoßen. Sexuelle Frustration sei für das Regime nützlich, argumentierte er, weil es die resultierende aggressive und destruktive Energie der Subjekte für eigene Zwecke einsetzen könne. „Make love not war!“, lautete später die Nutzanwendung der 68er-Bewegung, sexuelle Befreiung als antifaschistische Praxis.
Herbert Marcuse dagegen erkannte bereits 1942 die permissive Seite des Faschismus. Herzog zitiert:
Die Zerstörung der Familie, der Angriff auf patriarchalische und monogame Maßstäbe und alle vergleichbaren, allenthalben verkündeten Unterfangen spielen mit der latenten ›Unzufriedenheit‹ mit der Zivilisation, mit dem Protest gegen ihre Beschränkung und Frustration. Sie verweisen auf das Recht der ›Natur‹, die gesunden und diffamierten Triebe des Menschen ... Sie nehmen für sich in Anspruch, dem ›Natürlichen‹ wieder zu seinem Recht zu verhelfen. … Die Abschaffung der sexuellen Tabus macht dieses Reich der Befriedigung zur offiziell politischen Domäne ... Der Einzelne betrachtet seine private Befriedigung als patriotischen Dienst am Regime und erhält dafür seine Belohnung.Marcuse scheinen diese Tendenzen äußerst widersprüchlich. Er interpretiert sie (aus Perspektive der Subjekte) als Perversion und (aus Perspektive des Staates) als instrumentelle Lenkung - Aspekte, die bei Herzog bezeichnenderweise nicht auftauchen. Wie viel Lustgewinn dabei tatsächlich herauskommt, lässt er offen. ("The sexual relations are perverted into rewarded performances: controlled mating and breeding.") Aber tatsächlich sieht er eine Übereinstimmung zwischen einem Volk, das nach sexueller Erfüllung strebt, und einem Regime, das Legitimität und Kanonenfutter braucht - "Make love and war!"
In Herzogs "Politisierung der Lust" findet sich unter anderem die Behauptung, es habe eine geheime schriftliche Anweisung an die Führerinnen im BDM gegeben, auf den gemeinsamen Fahrten mit der Hitlerjugend Geschlechtsverkehr nicht zu unterbinden. Trotz einigen Anstregungen ist es mir nicht gelungen, in der angegebenen Quelle diesen Befehl zu finden. Ich vermute, es handelt sich um ein Missverständnis oder eine Fehlinterpretation, die ja wunderbar zu ihrer Argumentation passt - der Nationalsozialismus als Teenie-Orgie.
Eigentlich irritiert mich an der Analyse Herzogs aber nicht so sehr, dass sie ihre Quellen tendenziös interpretiert, sondern dass sie auf die bevölkerungspolitische Dimension - die Perspektive "von oben" - kaum eingeht, sondern den Faschismus indivdualpsychologisch aus Bedürfnissen in der breiten Massse herleitet. Die analytische Herausforderung für eine Faschismustheorie auf der Höhe der Zeit besteht darin, das Agieren der herrschenden Klasse und der staatlichen Apparate und die (sexuellen und reproduktiven) Bedürfnisse in der Bevölkerung "zusammenzudenken", um diese ausgeleierte Phrase zu verwenden - sie aufeinander zu beziehen, ihr Zusammenspiel zu begreifen.
Aber inwiefern hat die gegenwärtige faschistische Gefahr überhaupt mit Sexualität im engeren Sinne zu tun? Der Zusammenhang zwischen Sex und familiärer Reproduktion hat sich seit dem 2. Weltkrieg gelockert. Auch deshalb konnte die sexuelle Unterdrückung zurückgedrängt werden, fast in allen Klassen und fast in allen Ländern. Zu einem größeren Problem als früher wurden allerdings die repressive Entsublimierung (die Marcuse hellsichtig bereits Anfang der 1940er Jahre ausmachte) und auch die sexuelle Erschöpfung und die identitäre Überformung von Sexualität, die sie zum innersten Wesenskern der Persönlichkeit erklärt.
Dass sexuelle Frustration schlecht gelaunt macht, ist gut belegt. Darüber hinaus, scheint mir, ist sexuelle Befriedigung an sich nicht fortschrittlich, höchstens der Anspruch, dass jede und jeder (und jede*r) nach eigenem Gusto und selbstbestimmt nach ihr streben können soll. Wenn es ihm, ihr oder ihnen denn ein Bedürfnis ist ... Im eigentlichen Sinne politisch ist Sexualität erst, wenn sie zur Grundlage von Identitäten, familiären Rollen und bürgerlichen und reproduktiven Rechten gemacht wird. Kurz, weder ihre Unterdrückung noch ihre Förderung scheinen mir besonders wichtig zu sein.
Die Bekämpfung von Homosexualität und Abtreibung ist Faschisten allerdings immer noch ein wesentliches Anliegen, eine Kernaufgabe für die angestrebte Ertüchtigung des Volkes. Aber da mögen sie zu Kompromissen bereit sein oder zu Kompromissen gezwungen werden. Immerhin gab es in der AfD lange einen "Bundesarbeitskreis Homosexuelle" (der allerdings bezeichnenderweise unterm öffentlichen Radar flog) und JD Vance verteidigt auf Nachfrage Peter Thiel, homosexueller Sozialdarwinist und mindestens Viertelfaschist, als "normal schwul".
Nicht nur die Sexualität, auch die familiäre Reproduktion hat sich verändert. In den nächsten Tagen will ich hier einen weiteren Kommentar zur liberalen und zur faschistischen Bevölkerungspolitik und zur damaligen und heutigen Eugenik veröffentlichen.