Donnerstag, 15. März 2018
Montag, 12. März 2018
Verhaltenstherapie, the only game in town
Intense emotion and distorted thinking is something that we all as humans have. There should be something there that is reliable and effective. I would rather learn some skills that be handed some pills.Woebot soll Fähigkeiten vermitteln. Die Verhaltenstherapie interessiert sich nicht für Psychodynamik, nicht für Persönlichkeitsformung. Innere Prozesse sind ihr egal, sie behandelt die Psyche als black box. Sie interessiert sich aber keinen Deut mehr für die äußeren Lebensumstände der psychisch Kranken. Noch einmal die Woebot-Entwicklerin:
It’s not events themselves that upset us, but our interpretation of those events. Imagine somebody loses their job. Somebody might think: 'Oh, I am such a loser, I will never get another job.' That is actually what is upsetting them, not the job lose itself. When we feel intense emotion, there is bias in those thoughts.Soweit der aktuelle Stand der psychologischen Wissenschaft an der Eliteuniversität Stanford.
Die Patienten sollen nicht ihre Umwelt verändern und nicht ihre Persönlichkeit erforschen. Was bleibt dann übrig? Ihre angeblich falsche Wahrnehmung, die "distortions and errors in our thinking", wie in dem Radiobeitrag formuliert wird!
In der Behandlungspraxis bedeutet Verhaltenstherapie „üben, üben, üben“. Verhaltensänderung wird nur als Lernprozess aufgefasst; daher die kognitive Schlagseite dieses Ansatzes. Der Behaviorismus - die theoretische Grundlage der Verhaltenstherapie - beherrscht die Entwicklung entsprechender Software völlig. Auch, aber nicht nur, weil er die psychologische Lehre und Forschung dominiert. Andere Ansätze beruhen auf zwischenmenschlichen Dynamiken, etwa die psychoanalytische Übertragung oder die Arbeitsbeziehung zwischen Therapeut und Patient, die tiefenpsychlogische Prozesse anstoßen soll - in jedem Fall auf intersubjektiven Prozessen, die mit Computerprogrammen nicht umzusetzen sind. Daher ist in der digitalisierten Psychotherapie der Behaviorismus buchstäblich das einzige Angebot, the only game in town.
Zwischenmenschliche Dynamik ist eben etwas anderes als Mensch-Maschine-Interaktion, und zwar unabhängig davon, wie ausgefeilt die Schnittstellen sind. Solange es den Menschen bewusst ist, dass sie mit einer Software interagieren, werden die angesprochenenen Effekte ausbleiben. Die Software wirkt höchstens normativ, sie vermittelt den Nutzern, was gesellschaftlich erwünscht und angeblich wissenschaftlich gesichert ist. Banal, aber entscheidend: der Chatbot ist kein Mensch, deshalb keine intersubjektive Wirkung.
Die Computerprogramme sind Expertensysteme, deren klar definierte Entscheidungsbäume der Komplexität und Individualität der Menschen nicht gerecht werden. Im Bereich der psychischen Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen herrschen die Grautöne vor, die Übergänge. Ob statistische Big Data-Analysen erfolgreicher sein werden? Bisher jedenfalls scheint es mir unverantwortlich, verwirrte und belastete Menschen mit electronic mental health abzuspeisen.
Donnerstag, 8. März 2018
Das eigene Selbst als Lebensaufgabe
Frage: Laut einer Umfrage der Barmer-Krankenkasse leidet heute jeder vierte junge Erwachse (18-24 Jahre) unter einer psychischen Erkrankung. Auch die Zahl der Psychotherapien steigt seit Jahren. Bedeutet das nicht, dass immer mehr Menschen einen echten Leidensdruck spüren und sich deshalb an die Ärzte wenden? Oder bilden die sich das nur ein?Carlotte Jurk: Natürlich gibt es diesen Leidensdruck. Aber wir müssen das massenhafte individuelle Leiden gesellschaftlich betrachten, um es richtig zu verstehen. Unsere Gesellschaft wurde gänzlich auf Konkurrenz ausgerichtet. Wir sind ständig aufgefordert, selbstbewusst und durchsetzungsfähig sein, um uns gegen unsere Konkurrenten zu behaupten. Wenn dann die Psyche schwächelt, scheint das existenzbedrohend. Unser Gesundheitswesen suggeriert zudem, Leiden sei überflüssig. Den Menschen wird ein entsprechendes Anspruchsdenken regelrecht antrainiert. Aber indem wir das Leiden zu einer medizinischen Angelegenheit machen, geben wir es an die anderen ab. Darum fällt es uns immer schwerer, Leiden auszuhalten. Aber - und das ist meine große Sorge - wenn wir unsere Schwäche immer nur als negativ und bedrohlich erlebt wird, dann erfahren wir ihre Überwindung niemals als eigene Leistung.
Dienstag, 6. März 2018
Donnerstag, 1. März 2018
War's der Russe?
Wenn sich das bewahrheitet, ist das eine Form von Kriegsführung gegen Deutschland.Meint Dieter Janacek, ein Bundestagsabgeordneter der Grünen und der Vorsitzende des Digital-Ausschusses. Angesichts der Tatsache, dass die US-amerikanische Militärdoktrin auf solche Aktionen
einen Vergeltungsangriff mit Nuklearwaffen einschließt
sollten wir alle einmal tief durchatmen und ganz langsam bis hundert zählen.
Bei den "Cyberattacken" und "Hackerangriffen", über die Journalisten und Politiker gerade schwadronieren, handelt es sich immer noch um Spionage. Spionage ist so alt wie die Macht und die Herrschaft. Für Kriegserklärungen musste das Spionieren bisher noch nicht herhalten. Das wäre auch durchaus heuchlerisch, weil ausnahmslos alle Staaten (und Möchtegern-Staaten) dieses Geschäft betreiben, dieses Land mit dem notorisch guten Gewissen eingeschlossen. Wie sehr der russische Staat die Spionage übers Netz lenkt, ist unklar. Mir scheint eine Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsbehörden und "APT28" zwar plausibel – ich bin alles andere als ein Experte! – aber wir wissen eben einfach nicht (und die Zusammenarbeit kann natürlich sehr unterschiedliche Formen annehmen).
Das gegenwärtige kriegstreiberische Gerede ist gefährlich. Denn wenn der Cyberkrieg bereits entbrannt ist, sind "Gegenschläge" und "Vorwärtsverteidigung" gerechtfertigt, und die Auseinandersetzung muss nicht aufs Internet beschränkt bleiben. Deshalb möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass durchaus unklar ist, wer den ersten Schuss in diesem angeblichen Krieg abgegeben hat. Die sehr wenigen belegten Fälle von Sabotage mit Malware – also das, was den Cyberwar angeblich ausmacht - gingen wahrscheinlich von Israel und den USA aus. Der amerikanische Nachrichtendienst NSA greift mit Sicherheit weltweit die meisten Informationen ab. Der deutsche Bundesnachrichtendienst gibt Millionen aus, um IT-Sicherheitslücken zu kaufen (zero day exploits)– was macht er eigentlich mit ihnen?
Montag, 19. Februar 2018
Lass uns nicht von "Digitalisierung" reden
Seit „Automatisierung und Ausbeutung“ erschienen ist, habe ich mein Buch ein paar Mal vorgestellt – in Museen und Buchhandlungen, Kneipen und öffentlichen Büchereien. Das Publikum dort repräsentierte einigermaßen die deutsche Gesamtbevölkerung, denke ich, von "noch ziemlich jung" bis "reifere Jugend", von ganz links bis halbrechts ("unpolitisch"), Provinz und Großstadt, akademisch Fortgeschrittene bis Facharbeiter. Die anschließenden Diskussionen mit und Fragen aus dem Publikum haben mir einen guten Eindruck vermittelt, was die Menschen hierzulande mit der „Digitalisierung“ verbinden (whatever that may be ... dazu gleich mehr!). Die Besucher meiner Veranstaltungen treibt um:
- die Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz
- besonders die Frage, ob dadurch die Arbeitslosigkeit steigen wird
- die Geschäftsmodelle, die durch die fortschreitende Vernetzung über das mobile Internet und das Internet der Dinge möglich werden
- und zwar vor allem der digitale Niedriglohnsektor namens Gig Economy und Crowdwork
- schließlich die Rolle der "Datenhändler" wie Google, Amazon oder Facebook
Leider kursieren viele Gerüchte und Missverständnisse über all diese Entwicklungen.
Donnerstag, 15. Februar 2018
Dienstag, 13. Februar 2018
Schöne neue Welt der digitalen Psychotherapie
Schöne neue Welt der Psychotherapie – effizient, zielgerichtet, automatisch – das heißt: mit minimalem Personaleinsatz.So beschreibe ich es in meinem Radiofeature über die Digitalisierung der psychologischen und psychiatrischen Behandlungen, letzte Woche ausgestrahlt vom WDR. Und ich berichte auch von meinem Selbstversuch mit Woebot, einem Chatbot, der von einer Gruppe an der Universität Stanford ganz ernsthaft zur verhaltenstherapeutischen Depressionsbehandlung bei Jugendlichen propagiert wird. Bisher versteht die Software allerdings ziemlich wenig, weshalb sich zwischen mir und der strohdummen KI beispielsweise folgender authentischer Dialog entspann:
Woebot: Ping! Hey Matthias! Hast du einen Moment, darüber nachzudenken, was heute gut gelaufen ist?Oder dieses Gespräch, das nebenbei die völlig überdrehte Fröhlichkeit der Software verdeutlicht:Me: Das habe ich doch gerade erst getan.
Woebot: Super! Noch etwas? Ein positives Ereignis, klein oder groß?
Myself: Also, ich war arbeiten.
Woebot: Phantastisch! Fällt dir noch etwas ein?
Woebot: Hey Matthias! Siehst du die Dialogfelder am unteren Bildschirmrand?Da stellen sich natürlich Fragen über Fragen, als erste natürlich: Ist es überhaupt verantwortbar und ethisch zu vertreten, eine solche Software für die Selbstbehandlung hilfsbedürftiger Menschen auf den Markt zu bringen?Me: Ja.
Woebot Das läuft ja super! Wir machen große Fortschritte. Bevor wir anfangen, muss ich dir einige Dinge über mich erzählen. Ich benutze die kognitive Verhaltenstherapie.
Myself: Ja, das weiß ich.
Woebot: Die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie ist wissenschaftlich belegt. Sie ist kurz und praktisch.
I: Okay, ich höre Dir zu.
Woebot: Nein, dafür musst du zu einem richtigen Therapeuten gehen.


