Donnerstag, 4. April 2019

Risse im Weltmarkt

Was lernen wir aus dem Fall Huawei? "Risse im Weltmarkt" , der dritte und letzte Teil meiner kleinen Serie, ist bei Telepolis erschienen.
"Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes", verkündete John Barlow von der Electronic Frontier Foundation in seiner berühmt-berüchtigten "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace". "Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr", heißt es dort, und: "Das Cyberspace liegt nicht innerhalb eurer Grenzen." Was für ein Pathos! John Barlow stellte nicht weniger in Aussicht als die Abschaffung des Territoriums und die Überwindung des Nationalen. Zwei Jahrzehnte später klingt sein Manifest naiv und gleichzeitig utopisch in einem guten Sinn: Wäre es denn nicht wünschenswert, es gäbe einen Raum für den globalen Austausch, in dem die Herrschenden nichts zu sagen hätten? Der überdrehte Internet-Enthusiasmus war eng verwoben mit einer unangefochtenen amerikanischen Vorherrschaft und der Globalisierung. Nun kehrt das Territorium mit Macht zurück, und zwar im geopolitischen Sinn: als Raum der Machtausübung und Einflusssphäre.
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Teil 1: Cyberattacken, Handelskrieg und der Wunsch nach "technologische Souveränität"

Teil 2: Handelskrieger mit dem Rücken zur Wand

Montag, 1. April 2019

Donnerstag, 21. März 2019

Handelskrieger mit dem Rücken zur Wand

Der Ausdruck "Putin-Versteher" wird ja in gewissen Kreisen als Schimpfwort benutzt. Im zweiten Teil meiner Huawei-Serie versuche ich mich als Trump-, Xi Jinping- und sogar als Merkel-Versteher!
Zieht Präsident Trump Deutschland hinein in den Handelsstreit mit China - sind wir gar ein "Frontstaat im globalen Wirtschaftskrieg", wie die Wirtschaftswoche kürzlich schlagzeilte? Die Lage ist komplizierter: Deutschland verfolgt durchaus eigene Interessen und sieht sich durch den chinesischen Aufstieg herausgefordert.

Freitag, 15. März 2019

Cyberattacken, Handelskrieg und der Wunsch nach "technologischer Souveränität"

Wer hat Angst vor Huawei? Bei Telepolis ist gerade ein neuer Text von mir über das Tauziehen um den chinesischen Mobilfunkausrüster erschienen. Ich gehe auch auf das deutsche Lavieren in dieser Angelegenheit ein und die Bemühungen der Regierung, eine Anti-Spionage-Vereinbarung mit der Volksrepublik abzuschließen.
Die Bundesregierung steckt in der Zwickmühle. Eine bilaterale Einigung mit den Chinesen wäre eine Provokation gegenüber den USA. Die Amerikaner haben deutlich gemacht, dass sie sich auf Kompromisse nicht einlassen wollen (zum Beispiel Huawei aus den Kernnetzen oder den Metropolen herauszuhalten). Insofern kann die Regierung sich nur aussuchen, wem sie nicht auf die Füße tritt.
Ein zweiter Teil erscheint in den nächsten Tagen. Er soll die ziemlich verworrene Interessenslage in allen drei Machtblöcken behandeln. Die politischen und ökonomischen Ambitionen der Chinesen fordern die Vereinigten Staaten und auch Deutschland heraus. China will aufholen (aber noch ist die Aufholphase nicht vorbei, auch wenn in der Presse oft das Gegenteil behauptet wird!), in der Robotik, Computertechnik, im Maschinenbau und in der Biomedizin.

Bei zeitgemäßer Propaganda müssen sie allerdings noch üben:

Donnerstag, 7. März 2019

Nichts Neues vom "Autonomen Fahren"

"Ich hab's euch ja gesagt!" gehört unbedingt in die Kiste der verbotenen Sätze, direkt neben "Ich liebe dich, aber ..." und "Okay, das ist halt deine Meinung!" Ich bitte um Nachsicht, dass ich es mir in diesem Fall wirklich nicht verkneifen kann, darauf hinzuweisen, dass - Vorsicht, gleich kommt's! - ich bereits vor Jahren geschrieben habe:

Ob dieses sogenannte Autonome Fahren sich jemals durchsetzen wird, ist überhaupt noch nicht klar.

Ich zitiere mich mal kurz selbst, "Automatisierung und Ausbeutung" (2017), Seite 94:

Das Beratungsunternehmen McKinsey beispielsweise prognostiziert, dass bis zum Jahr 2025 jeder dritter Lastwagen automatisiert fahren wird. Mit dieser Aussage lehnen sich die Experten gefährlich weit aus dem Fenster. Ich will eine Vollautomation der Individualverkehrs nicht für alle Zeiten ausschließen, aber im Moment setze ich mich bestimmt noch nicht auf die Rückbank. Die selbstfahrenden Autos sind Assistenzsysteme, die in schwierigen und unklaren Situationen den Fahrer warnen und ihm die Steuerung überlassen. Für eine Vollautomation wäre es notwendig, dass die Systeme auf unerwartete Ereignisse – ein Reh läuft quer über die Straße, ein Falschfahrer kommt entgegen – zuverlässig reagieren. Automatisierter Verkehr verlangt eine formalisierte, berechenbare Umgebung – mithin das genaue Gegenteil von Stadtverkehr.
Digitaltechnische Automation beruht immer noch auf Standardisierung, auf Berechenbarkeit eben. Obwohl die Algorithmen, die missverständlich schlau genannt werden, das Feld des Berechenbaren erweitern, stößt die Automatisierung im Straßenverkehr an Grenzen. Erstens lassen sich Verfahren auf der Basis von Künstlichen Neuronalen Netzen nur begrenzt nachvollziehen und sind entsprechend unzuverlässig. Dieses Problem lässt sich zudem nicht mit noch mehr Daten lösen, das Erfolgsgeheimnis des jüngsten KI-Welle versagt. Big Data oder auch Even Bigger Data macht keinen Unterschied, weil die Algorithmen im besten Fall Muster erkennen, aber ansonsten dumm wie Brot sind.

Zweitens wächst der Aufwand an Rechenkapazität, Energieverbrauch und daher Kosten so stark, dass letztendlich der rumänische Lastwagenfahrer vielleicht flexibler und billiger sein könnte.

Kann nicht sein? Bei den Buchpräsentationen können viele Besucher meine Skepsis nicht nachvollziehen, kein Wunder, schließlich weiß jeder Zeitungsleser, dass KI alles verändern wird. Aber wenigstens einer, der sich beim Autonomen Fahren viel besser auskennt als ich, sieht es ähnlich. Thomas Sedran, der Vorstandsvorsitzende der VW-Nutzfahrzeugsparte, wird von der FAZ zitiert mit

Angesichts hoher Kosten und langer Entwicklungszeiträume sei es schwierig, ein komplett autonomes Auto für jedermann anzubieten. Die Komplexität der damit verbundenen Probleme verglich er mit denen einer bemannten Mission zum Mars.
Daimler und BMW haben angekündigt, gemeinsam bessere Assistenzsysteme entwickeln zu wollen und die sogenannten Autonomiestufen 3 und 4 anzugehen.
Dabei hilft das Auto dem Fahrer nicht nur, sondern überwacht den Verkehr, steuert, beschleunigt und bremst in vielen Fahrsituationen selbst.
Die Daimler- und BMW-Entwickler seien überzeugt, heißt es in dem Artikel,
dass Autos dem Fahrer künftig immer komplexere Aufgaben abnehmen. Zuerst werde das im Premiumsegment geschehen.
Eine Zusatzleistung im oberen Preissegment, bevor der Fahrer wieder auf Handbetrieb umschaltet und sich auf der linken Autobahnspur austobt. Wahrscheinlich hat der jüngste KI-Hype seinen Höhepunkt überschritten. Er wäre nur lästig und nicht der Rede (und Schreibe) wert, wenn diese futuristischen Verheißungen nicht den wirklich wichtigen Fragen im Weg stehen würden. Welche Sorte von Verkehr und für wen wollen wir eigentlich haben? Welches der drängenden Probleme soll das Autonome Fahren eigentlich lösen?

Freitag, 1. März 2019

Fun fact # 36: Kindheit

Not so funny after all: Immer mehr Kinder und Heranwachsende werden als psychisch gestört diagnostiziert. Ihr Anteil an der Bevölkerung bis zu einem Alter von 18 Jahren stieg von 23 Prozent im Jahr 2009 auf 28 Prozent im Jahr 2017. Besonders häufig sind die Diagnosen Depressionen, Verhaltens- und Entwicklungsstörung und ADHS.

Quelle

Mittwoch, 27. Februar 2019

Der Fall Huawei - Auftakt zum Cyber-Handelskrieg?

Huawei-Werbung in Neuseeland
Gestern brachte der Deutschlandfunk meinen "Hintergrund"-Beitrag "Zwischen Cybersicherheit und Handelspolitik" zum Tauziehen um den chinesischen Mobilfunkausrüster Huawei. Ich stelle dar, was dran ist an den Vorwürfen gegen das Unternehmen (und was nicht) und warum es der Bundesregierung so schwer fällt, sich zu entscheiden, ob sie dem amerikanischen Drängen auf einen Ausschluss von Huawei nachgeben soll.

In einer lesenswerten Analyse hat Daniel Voelsen von der Stiftung Wissenschaft und Politik diese Gemengelage sortiert. Deutschland hat seiner (und meiner) Meinung nach drei Möglichkeiten: "Fortführung der bisherigen Politik" (Huawei darf mitmachen, Konsequenz: ein Affront gegen die amerikanischen "Falken"), "Schulterschluss mit den USA" (höhere Kosten, langsamerer Einführungen von 5G und damit eine Verzögerung zentraler Digitalisierungsprojekte) und schließlich "eine rein europäische Lösung" (dito, ein Affront gegenüber beiden Großmächten). Daniel Voelsen schließt:

Bei der Kontroverse um 5G gehe es neben technischen Sicherheitserwägungen im engeren Sinne auch um wirtschaftliche und geopolitische Fragen von erheb­licher Reichweite.
Die Sache ist immer noch sehr in Bewegung, will sagen: diverse Interessensgruppen versuchen weiterhin, sich durchzusetzen. Da sind Transatlantiker, Mobilfunkprovider, deutsche Unternehmen, die unbedingt einen schnellen Breitbandausbau wollen, Unternehmen, die ohne den chinesischen Markt morgen dicht machen müssen, und solche, denen chinesische Konkurrenten zunehmend Marktanteile streitig machen. Es stimmt keineswegs, dass Amerika Deutschland hineinzieht in einen Handelskrieg gegen China: starke Kräfte auch in Detschland wollen die asiatische Großmacht eindämmen. Dieser Widerspruch von Konkurrenz und Abhängigkeit spiegelt sich in der Huawei-Debatte und der Riss geht quer durch alle Parteien (bemerkenswerterweise versuchen gerade die Grünen, die mit dem Argument Cybersicherheit die Regierung vor sich herzutreiben!), quer durch die Ministerien und die Wirtschaftsverbände. Da wage ich lieber keine Prognose, wer sich schließlich durchsetzen wird.

Dienstag, 12. Februar 2019

Der Fall Huawei: Cybersicherheit und / oder Handelskrieg?

Der amerikanische Außenminister reist gerade durch Osteuropa und warnt vor dem chinesischen Konzern Huawei. In immer mehr Ländern wird das Unternehmen ausgeschlossen, auch die deutsche Regierung unternimt offenbar Schritte in diese Richtung. Aber geht es wirklich um die Angst vor Spionage und Sabotage übers Internet? Ziehen die USA Deutschland in ihren Handelskrieg mit China - oder zieht Deutschland vielleicht von ganz alleine in den Krieg?

Mein Radiobeitrag für Impuls / SWR 2 "Mobilfunk 5G: Droht mit Huawei Einfluss aus China?" kann hier angehört werden.

Montag, 11. Februar 2019

1 zu 147 000

Heute entscheidet Facebook, was Meinungsfreiheit bedeutet.
Das sagte die Bundesjustizministerin Katarina Barley vor einigen Wochen zu mir. Wie weit darf der Staat sich einmischen in das Zirkulieren von Nachrichten und Meinungen? Darf er beispielsweise die Plattformen zwingen, bestimmte Publikationen algorithmisch zu bevorzugen, um Verschwörungstheorien und Falschmeldungen zurückzudrängen?

Um diese Fragen dreht sich mein Feature "Selbstkontrolle im Netz", das vor einigen Tagen beim SWR ausgestrahlt wurde. Meine These: Die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation kommt in der Gestalt einer Privatisierung. Aber anders als viele netzpolitische Aktivisten glauben, ist die privatrechtliche Organisation kein Schutz vor staatlicher Überwachung und Lenkung.

Die Plattformen, die den Marktplatz der Meinungen zur Verfügung stellen, verfolgen natürlich kommerzielle Interessen. Weil sie ihre Kosten niedrig halten wollen, wickeln sie ihre Inhaltskontrolle nach Möglichkeit mit Künstlicher Intelligenz und Arbeit für Niedriglohn ab. Für das Feature konnte ich mit einigen Moderatoren sprechen, die bei Arvato Facebook-Posts kontrollieren - unter erbarmungswürdigen Bedingungen.
Das Fazit:

Ob Facebook, YouTube, Microsoft oder Google, alle Internetkonzerne lagern die Überprüfung der Inhalte aus. Content-Moderation bedeutet: Niedriglohn und permanente Überwachung, befristete Verträge und ein ständiger Austausch von Mitarbeitern.

Menschliche Arbeitskraft, um Beiträge zu überprüfen, passt nicht zum Geschäftsmodell dieser Unternehmen. Sie begreifen sich als „Plattformen“, „Online-Marktplätze“ oder auch „Portale“: als Technologieunternehmen, die Kommunikationskanäle zur Verfügung stellen, aber für die Botschaften, die dann über diese Kanäle verbreitet werden, nicht verantwortlich sind. Ihr rasantes Wachstum beruht eben darauf, dass sie immer größere Datenmengen bei gleichbleibenden Kosten verarbeiten – und so immer größere Erträge erzielen.


Die Regeln der Inhaltskontrolle - was wird gelöscht, was darf bleiben - sind extrem schematisch, weil sie schnell und ohne langes Nachdenken umgesetzt werden sollen. In einem hervorragenden Artikel von Max Fisher in der New York Times heißt es dazu:

How can Facebook monitor billions of posts per day in over 100 languages, all without disturbing the endless expansion that is core to its business? The company’s solution: a network of workers using a maze of PowerPoint slides spelling out what’s forbidden. The Facebook employees who meet to set the guidelines try to distill highly complex issues into simple yes-or-no rules. Then the company outsources much of the actual post-by-post moderation to companies that enlist largely unskilled workers, many hired out of call centers.
Auf etwa 147 000 Nutzer kommt bei Facebook ein Moderator, schätze ich. Dieser weltweite Durchschnitt verbirgt aber gewaltige Unterschiede. Ein erstaunlich großer Teil der Moderatoren in Europa kontrolliert den deutschsprachigen Markt. Exakte Zahlen dazu veröffentlicht Facebook nicht; Gerüchten zufolge sind es 80 Prozent. Das liegt wahrscheinlich an den gesetzlichen Vorgaben: Schließlich drohen hierzulande bis zu fünf Millionen Euro Bußgeld. Selbst ein Unternehmen wie Facebook, das letztes Jahr gut 14 Milliarden Euro Gewinn machte, bezahlt solche Summen nicht aus der Portokasse.

Für die Kontrolle in den weniger lukrativen und weniger riskanten Märkten in Asien, Afrika oder dem Nahen Osten setzt das Unternehmen kaum Ressourcen ein. Dies hat buchstäblich fatale Folgen. Denn in Ländern wie Libyen, Mexiko, Pakistan oder Indonesien werden ethnische und religiöse Minderheiten und politische Gegner mithilfe von Facebook und Whatsapp drangsaliert und verfolgt.

In Nigeria, sagen Bürgerrechtsaktivisten, liegt die Quote sogar bei nur einem Moderator pro sechs Millionen Nutzern. Bei ihrer Inhaltskontrolle handeln die Plattformen also durchaus opportunistisch. Wo sie es müssen, arrangieren sie sich mit den lokalen Machthabern und zensieren die jeweilige Opposition. (Dies gilt beispielsweise für Twitter und Facebook in der Türkei, ein Fallbeispiel das sich jemand einmal genauer anschauen sollte ...) Anderswo aber kümmern sie sich kaum um ihre Netzwerke, weshalb die dortigen Machthaber oft zu brachialen Mitteln wie Internetsperren greifen. Im Jahr 2018 gab es übrigens laut der Kampagne #keepiton weltweit 188 Internet-Shutdowns.