Dienstag, 9. November 2021
Fun fact # 50: Gesundheitsgefahren
Donnerstag, 7. Oktober 2021
Freitag, 24. September 2021
Können Viren aus einem Labor eine Pandemie auslösen?
Es gibt keine Indizien dafür, dass SARS-CoV-2 synthetisch erzeugt wurde, und auch keine, dass die ersten Patienten in Wuhan Kontakt zu biowissenschaftlichen oder medizinischen Labors hatten. Prinzipiell möglich ist es dennoch, dass Erreger aus einem Labor entweichen und Infektionsketten auslösen. Es wäre nicht das erste Mal:
Als im Jahr 1967 Affen aus Uganda für die Impfstoffproduktion nach Deutschland eingeführt wurden, brachten sie eine Zoonose mit. Der Ausbruch in Marburg kostet sieben Menschen das Leben, lange bevor das „Marburg-Virus“ Todesopfer in Afrika forderte. 1978 infizierte sich im englischen Birmingham eine Person mit einem Pockenvirus aus einem Labor und starb. 2010 verbreitete sich in Südengland die Maul- und Klauenseuche wegen einer defekten Abwasseranlage in einer Forschungseinrichtung. Das erste SARS-Coronavirus entkam 2003 und 2004 mindestens viermal aus Forschungseinrichtungen in China, Taiwan und Singapur. Weitere Beispiele ließen sich anfügen.Für die medizinische Forschung werden Erreger gesammelt, über weite Strecken transportiert und vermehrt. Da kann es nicht wundern, dass diese Forschung zu einem "überregionalen Vektor" für Krankheiten wird. Und je mehr Experimente mit hochgefährlichen Erregern stattfinden, umso größer ist naturgemäß die Wahrscheinlichkeit einer unbeabsichtigten Freisetzung. Lohnt sich das?
Ich habe die Debatte zum Anlass genommen, um die Situation in Deutschland zu betrachten. Ich wollte herausfinden: Findet hierzulande überhaupt sogenannte gain of function-Forschung statt, bei der Pathogene fitter gemacht werden als sie bereits sind? Wie gefährlich sind solche Experimente? Und wie sind die Labore gesichert?
Das Recherche-Ergebnis: schwer zu sagen. Die Situation ist nämlich wenig transparent.
Wie es um die Biosicherheit wirklich steht, ist beinahe unmöglich herauszufinden. Die Zahl der Störfälle und versehentlichen Infektionen wird nicht bundesweit erfasst und schon gar nicht veröffentlicht. Theoretisch müssen Unfälle und Störfälle gemeldet werden, aber nur bei der kommunalen Gewerbeaufsicht.Im Rahmen dieser Recherche habe ich übrigens im August auch das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales angeschrieben und als Antwort erhalten:
Eine Anfrage bei zehn Behörden in Regionen, wo sich Labore der Sicherheitsstufe 3 und 4 befinden, ergibt ein merkwürdiges Bild: Kaum eine kann sagen, wie häufig Störfälle und Unfälle waren. Bei vielen sind im vergangenen Jahrzehnt überhaupt keine Meldungen eingegangen, selbst dort, wo sich die biologische Forschung konzentriert. Sechs Meldungen seit 2006 betrafen technische Störungen, etwa automatische Türen oder Abluftfilter. Eine einzige Meldung aus dem Jahr 2009 betraf einen Arbeitsunfall, der eine Infektion auszulösen drohte.
Meldungen zu Unfällen und Betriebsstörungen sind nicht eingegangen. Entsprechende Vorkommnisse sind uns auch aus anderen Quellen (Polizei, Gesundheitsbehörden) nicht bekannt geworden.Nun wird bekannt, dass bereits Ende Juli in einem Labor des Virchow-Klinikums Q-Fieber ausgebrochen ist. Die Rede ist einmal von 20 Infizierten, dann wieder von 15. Ob es darunter sekundäre Infektionen - von Mensch zu Mensch - gab, und auf welcher Sicherheitsstufe gearbeitet wurde, ist ebenfalls unklar.
Dienstag, 31. August 2021
Sonntag, 22. August 2021
Klima Chaos Kapital
Wann bricht der Kapitalismus zusammen?
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| Beliebte "postapokalyptische" Ikonographe mit tröstlicher Botschaft: Das Leben geht weiter. |
Über mein Buch "Klima Chaos Kapital" ist eine lobende Besprechung in der Junge Welt erschienen. Das freut mich besonders, weil der Rezensent Christian Stache ein ausgewiesener Kenner der marxistisch-ökologischen Debatte ist. Kritisch merkt er allerdings meine "Wiederbelebung der Zusammenbruchstheorie" an:
Becker behauptet etwa: »Wir steuern auf einen chaotischen Zusammenbruch zu.« Dies begründet er unter anderem mit guten Argumenten gegen die verschiedenen Formen eines »grünen« Kapitalismus als potentiellem neuen Akkumulationsregime. Allerdings nimmt er dabei, politisch verständlich, das Adjektiv ernst. Nachhaltig wird der Kapitalismus tatsächlich nicht. Aber dem kollektiven Interesse der Kapitalistenklasse an der Überausbeutung der Natur steht die Notwendigkeit gegenüber, die Reproduktion der Produktionsbedingungen zu gewährleisten. Dass ein solcher "Kompromiss" zwischen Kapital und Natur ein neues Wachstumsmodell begründen könnte, ist zumindest nicht auszuschließen.Wie sieht es aus mit der Kompromissfähigkeit des Kapitals? Ein paar kurze Bemerkungen:
Zunächst, "Zusammenbruch" ist ein großes und missverständliches Wort. An einer Stelle im Buch spreche ich, vielleicht etwas präziser, von einem mittel- bis langfristigen Niedergang: „Die kapitalistische Entwicklung wird nicht an eine Grenze stoßen wie ein Auto gegen eine Mauer prallt." Aber die Klimakrise könnte (verstanden als sozial-ökonomisch-ökologisches Phänomen, nicht nur als steigende Temperaturen!) die Fahrgeschwindigkeit immer weiter senken, um im Bild zu bleiben, sozusagen wie ein Getriebeschaden der Akkumulation wirken.
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| Verlaufsformen des Zusammenbruchs, aus einer aktuellen Studie |
Bei der Recherche für das Buch wurde mir klar, wie bedeutend seit den 1980er Jahren die relative Steigerung der Mehrwertrate durch Globalisierung und Verbilligung (Nahrung, Energie, Migration, Arbeit) für die Stabilität des Weltsystems war. Die Prosperität in dieser Phase wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Dass die industrielle Rationalisierung auch die Arbeitskraft verbilligt, ist natürlich nichts Neues. In den Jahrzehnten nach der Öl- und Währungskrise 1973 war diese Verbilligung aber besonders wichtig, weil neue Basisinnovationen ausblieben und keine Leitsektoren entstanden, die eine vergleichbare Rolle wie die Innovationen in der Phase davor spielen konnten. Die Automobilindustrie und der petrochemische Komplex insgesamt wurden nicht abgelöst. Der Raubbau (insbesondere in der Landwirtschaft) wurde zu einem wesentlichen Treiber der Akkumulation. Überhaupt gibt es in Hinblick auf die Herstellungsverfahren und Rationalisierungsstrategien keine unterscheidbare "fordistische" und "postfordistische Phase".
Die Strategien der Verbilligung stoßen nun auf soziale, ökologische und ökonomische Widerstände. Die gegenwärtige ökologische Krise ist global in dem Sinn, dass grundlegende Kreisläufe des Erdsystems entgleiten. Wir befinden uns in einer ganz neuen historischen Situation (bekanntlich auch naturgeschichtlich, was zum Beispiel an der Treibhausgas-Konzentration und anderen "Anthropozän"-Parametern deutlich wird). Schon deshalb verbietet sich eine schematische Herangehensweise.
Der Kapitalismus überwand die Grenzen und Stockungen, auf die er im Laufe seiner Entwicklung stieß, in der Regel durch räumliche und zeitliche Verlagerung. Im Fall von ökologischen Hindernissen bedeutete dies konkret, anderswo neue oder alternative natürliche Senken und Quellen zu erschließen. Damit ging historisch eine räumliche Ausdehnung und die Integration immer größerer Stoff- und Energieströme einher. (Die Abkopplung bestimmter verheerter Regionen ist ein weiterer, allerdings viel seltenerer Aspekt.)
Im Fall der Klimakrise ist eine Verlagerung aber (voraussichtlich) nicht möglich. Jedenfalls gibt es dafür bisher keine plausiblen Ansätze. Diese Krise ist das Ergebnis der akkumulierten Treibhausgase der Vergangenheit: Die Externalitäten von früher werden zu einem Problem der Gegenwart. Aber der Kapitalismus als Weltsystem muss gleichzeitig Wachstum generieren – gesamtgesellschaftlich, nicht nur in einer bestimmten Branche – und die ökologische Krise kontrollieren. Stattdessen verteuern sich gegenwärtig Nahrung und bestimmte Rohstoffe und Vorprodukte auf dem Weltmarkt, absehbar auch Energie und Arbeit.
Handelt es sich bei der Stratosphäre als Senke für unsere Treibhausgase um eine überwindbare Schranke oder um eine unüberwindliche Grenze der kapitalistischen Entwicklung? Das muss sich erst noch herausstellen.
Ob der Kapitalismus zusammenbrechen und wie dieser Prozess aussehen wird, welche gesellschaftlichen Formen ihn ersetzen, ist gegenwärtig "nicht seriös prognostizierbar". Allgemein gesprochen hängt dies ab von Anpassungspotentialen aufsehr unterschiedlichen Ebenen. Es geht darum, inwiefern das Kapital notwendige "Produktionsbedingungen" (James O'Connor) aufrechterhalten oder bisherige ersetzen kann, wie die Arbeitskraft sich reproduzieren kann und welche "politischen Formen" Herrschaft annehmen wird. Belastungsgrenzen des Erdsystems (Rockström) sind erreicht, aber die Folgen sind natürlich sozial und politisch vermittelt. Die Vermittlung der ganz unterschiedlichen Ebenen macht Vorhersagen schwer, zumal sie allesamt interdependent sind. Ist es ein Problem fürs Kapital, wenn es keinen Dorsch mehr aus der Nordsee gibt? Sind Hitzesommer in den Städten ein Problem? Steigende Lebensmittelpreise oder Stromkosten? Die kommende Agrarkrise und die zu erwartenden Migrationsströme? Schwer zu sagen. Das kommt eben darauf an, wie die verschiedenen Klassen und Nationen auf solche Phänomene technisch, sozial und politisch reagieren werden.
Immerhin lässt sich ausschließen, dass ein "grüner Kapitalismus" (= Kapitalakkumulation durch Umweltschutz) eine neue Prosperitätsphase herbeiführen kann, in der die Metropolen-Staaten und vielleicht sogar Teile der Peripherie mitgenommen werden. Für ein "ökokapitalistisches Wachstumsmodell" gibt es bisher keine Anzeichen. Im Gegenteil, voraussichtlich wird das Reproduktionsniveau (weniger geschwollen: der Lebensstandard) großer Teile der Weltbevölkerung stagnieren oder sogar zurückgehen, mit unabsehbaren politischen Folgen. Eine sinkende gesellschaftliche Arbeitsteilung und ein "Zivilisationsprozess im Rückwärtsgang" sind langfristig durchaus möglich. Wir erleben gerade, wie verwundbar unsere Infrastrukturen durch Extremwetterlagen sind.
Vielleicht erhalten sich Inseln mit moderner Staatlichkeit und industrieller Produktion eine Weile. Die Vorstellung von "urbanen Inseln im Meer des Chaos", beliebt in und bekannt aus dystopischen Romanen und Filmen, krankt allerdings daran, dass die Produktion und Reproduktion der Bevölkerung in den Metropolen vielfach auf internationalen, oft interkontinentalen Lieferketten beruht. Die Rationalisierung über den Weltmarkt seit den 1970er Jahren hat einen Sperrklinken-Effekt ausgelöst: Den Input wieder zu regionalisieren, ist für Unternehmen in einigen Fällen unmöglich, in anderen verursacht es hohe Kosten. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die sogenannte Chipkrise (Halbleiter), wegen der die Automobilproduktion in Deutschland stockt und die unter anderem auf den Wassermangel in Taiwan zurückgeht.
Auf dieser Ebene muss die Frage nach dem Zusammenbruch gestellt werden: konkret und empirisch. Die Möglichkeit des Zusammenbruchs dogmatisch auszuschließen (weil politisch nicht opportun, psychisch unbequem oder was auch immer), scheint mir nicht materialistisch und intellektuell unredlich.
"Dem kollektiven Interesse der Kapitalistenklasse an der Überausbeutung der Natur steht die Notwendigkeit gegenüber, die Reproduktion der Produktionsbedingungen zu gewährleisten" schreibt Christian Stache in seiner Rezension. Damit traut er dem kapitalistische System und der Bourgeoisie zu viel Rationalität zu. Selbst das wohlverstandene Eigeninteresse muss sich erst durchsetzen. Gerade im Fall der Klimakrise stehen dem besonders große Hindernisse entgegen.
Montag, 19. Juli 2021
Fun fact # 49: Mangelernährung
Laut UN waren 9,9 Prozent aller Menschen im vergangenen Jahr unterernährt, verglichen mit 8,4 Prozent im Jahr 2019. Dieser Anstieg wurde durch Krieg, Klimawandel und Wirtschaftskrise ausgelöst.
Montag, 12. Juli 2021
Wie die "Laborunfall-These" mein Wochenende ruinierte
So jedenfalls ging es mir:
Ich verbringe den Samstag und Sonntag auf dem Sofa liegend, unterbrochen von kurzen Abstechern in die Küche und ins Bad. Ich suche und lese so lange, bis ich ausreichend Belege für meine ursprüngliche Überzeugung gefunden habe: Die kognitive Dissonanz wird bereinigt. Im Internet geht das, dennoch bleibt ein ungutes Gefühl zurück.Mein Fazit: Wir müssen eine eigene Haltung entwickeln, auch bei wissenschaftlich äußerst komplexen Fragen. Wir können uns niemandem anvertrauen.Je länger ich das Internet durchsuche, umso häufiger fällt mir auf, dass Daten und Namen sich unterscheiden. Wie bei der Replikation eines Virus nimmt die Zahl der Mutationen der Fakten mit der Zeit zu, durch Abschreiben, Ergänzen und Weglassen. Dabei unterscheiden sich etablierte und alternative Medien kaum.Je länger ich das Internet durchsuche, umso häufiger fällt mir auf, dass Daten und Namen sich unterscheiden. Wie bei der Replikation eines Virus nimmt die Zahl der Mutationen der Fakten mit der Zeit zu, durch Abschreiben, Ergänzen und Weglassen. Dabei unterscheiden sich etablierte und alternative Medien kaum.
Überhaupt ähneln sich beide Seiten in dieser Kontroverse mehr, als ihnen lieb sein dürfte. Sie reklamieren die Rationalität für sich, die sogenannte Wissenschaftlichkeit, Skepsis und Methode, Quantifizierung. Aber sie berichten nur, was zur jeweiligen Ausgangshypothese passt und argumentieren tendenziös. "Seht, ich habe Ockhams Rasiermesser!", schreiben die einen. "Nein, ich!", antworten die anderen. "Das ist doch nur eine Klobürste."
Während ein Twitter-Rudel unter dem Hashtag DRASTIC eifrig und ziemlich wahllos angebliche Indizien für einen Laborunfall zusammenträgt, betreibt die Mainstream-Presse einen "Nanny-Journalismus": in einfacher Sprache, begütigend und beruhigend, aber sachlich immer wieder falsch. Journalisten und Wissenschaftler filtern Informationen aus, die ihnen geeignet scheinen, die Masse auf dumme Gedanken zu bringen. Das penetrante Mantra der Verschwörungstheoretiker "Wem nützt es?" - letztlich das einzige Wahrheitskriterium, das sie kennen - wird zum Maßstab der Berichterstattung.
Montags ist dann der vorherige Zustand wieder erreicht - "Die Laborunfall-These ist höchstwahrscheinlich falsch!" - aber mein Vertrauen in die biologische Fachwelt hat gelitten.
Ohne inhaltliche Auseinandersetzung bleibt nur die Mehrheitsmeinung und der allgemeine wissenschaftliche Konsens, die bewährte Hierarchie und der intellektuelle Konformismus. Das sind schlechte Ratgeber. Oder aber, auf der Gegenseite, der Verweis auf die vermuteten Interessen eines Diskutanten - ebenfalls wenig hilfreich.Weil wir nicht alle zu Universalgelehrten werden können, brauchen wir eine Wissenschaft, die möglichst unabhängig von staatlichen und kommerziellen Interessen agiert. Die glaubwürdig ist, weil nachvollziehbar nützlich. Sich "der Wissenschaft" anzuvertrauen, kann jedenfalls nicht die Lösung sein, wenn es hart auf hart kommt. Aufklärung ist ein kollektiver Prozess, zu dem alle individuell beitragen müssen. Im gegenwärtigen Nebel der Desinformation und in einem Klima der Feindbestimmung ist das ein mühseliges und zeitraubendes Geschäft.
Montag, 28. Juni 2021
Der Deutschlandfunk berichtet (vorsichtig)
Ob ein Zusammenhang bestehen könnte, ist noch unklar.Ein Hoch auf den seriösen öffentlich-rechtlichen Rundfunk! Andere spekulieren wild drauf los, er klärt erst einmal sorgfälig und unaufgeregt, ob ein solcher Zusammenhang überhaupt prinzipiell möglich wäre.


