Freitag, 5. Dezember 2014

Dienstag, 2. Dezember 2014

Juden und Palästinenser in Berlin

Am vergangenen Sonntag sendete RBB Kulturradio mein Feature "Naher Osten - Feindbilder und Freundschaften jüdischer und muslimischer Berliner". Auf der Seite des RBB lässt sich das Stück immer noch anhören.

Es handelt von Re-Ethnisierung, Ethnozentrismus, von ausgedachten Wurzeln und davon, dass die Perspektive der Einwanderer mit der mehrheitsdeutschen Erinnerungspolitik wenig zu tun hat.

Konflikte im Nahen Osten, auf dem Balkan, in Afghanistan oder Zentralafrika werden von vielen muslimischen Jugendlichen als Beleg für eine einseitige Politik des "Westens" gegenüber Muslimen weltweit verstanden ... Der Konflikt zwischen Israel und Palästina dient dabei darüber hinaus als Metapher für Ungerechtigkeiten, von denen sich muslimische Jugendliche auch in Deutschland betroffen fühlen.
schreibt kenntnisreich Götz Nordbruch. Diese Weltsicht, von der mein Feature auch handelt, ist verblendet und dumm. In Wirklichkeit führt nicht "der Westen" einen Krieg gegen die Muslime. Aber, stellt Nordbruch sehr richtig fest:
Ein solches Gefühl speist sich nicht allein aus einer Opferideologie, in der die eigene Gemeinschaft mit Verweis auf Rassismus und Diskriminierungen zusammengehalten wird. Es spiegelt vielmehr auch reale Erfahrungen wider, die junge Muslime und Jugendliche mit türkischen oder arabischen Migrationshintergrund im Alltag sammeln. Ebenso wichtig wie persönliche Erfahrungen mit Vorbehalten und Anfeindungen sind die Auswirkungen eines gesellschaftlichen Diskurses, in dem "der" Islam und "die" Muslime immer noch in weiten Teilen als fremd und nicht zugehörig gelten.
Passend dazu, geradezu wie bestellt, berichtete gestern das Institut für empirische Intergrations- und Migrationsforschung die Ergebnisse einer großen repräsentativen Befragung über die jüngsten Formwandlungen des deutschen Nationalismus:
Die Bevölkerung in Deutschland hat ein positives Selbstbild und identifiziert sich stark mit ihrem Land. Je stärker jedoch die Identifikation, desto größer ist auch das Potenzial zum Ausschluss, was am Beispiel der Einstellungen gegenüber Musliminnen und Muslimen deutlich wird.
Not so funny fact: Mehr als jeder dritte glaubt, dass eine muslimische Frau, die ein Kopftuch trägt, keine Deutsche sein könne.

Donnerstag, 27. November 2014

"Streitschrift gegen die Privatisierungstendenzen im Gesundheitswesen"

Peter Nowak bespricht "Mythos Vorbeugung" im Neuen Deutschland (Paywall).
Für die meisten gesundheitlichen Probleme in der Gesellschaft sei eher die Ungleichheit verantwortlich. Sie zu überwinden sei demnach die beste Vorbeugung. Auch diese Erkenntnis ist keineswegs neu, wie Becker am Beispiel des Mediziners und Sozialpolitikers Rudolf Virchow zeigt. Als Teil einer Expertenkommission besuchte er 1848 das von einer schweren Epidemie betroffene Oberschlesien und fand dort Menschen in unbeschreiblicher Armut und katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Virchow merkte schnell, dass er sich mit sozialen Bestrebungen in der preußischen Feudalgesellschaft Feinde machte und konzentrierte sich ganz auf seine medizinische Arbeit. Becker zeigt auf, dass gerade im Zuge der Krise in Ländern wie Griechenland und Spanien Krankheiten, die bisher als beherrschbar galten, wieder eine tödliche Gefahr vor allem für arme Menschen werden. Sein gut lesbares, informatives Buch ist auch eine Streitschrift gegen die Privatisierungstendenzen im Gesundheitswesen.

Freitag, 21. November 2014

Für die Balkanisierung der deutschen Parteienfinanzierung

Norbert Lammert, der lustige Präsident des Bundestages, will der lustigen Partei Alternative für Deutschland ihren Goldhandel verbieten:
Dass die von der AfD betriebenen Handelsgeschäfte zur Erhöhung der staatlichen Zuschüsse an die Partei führen, widerspricht nach seiner Auffassung dem verfassungsrechtlichen Grundgedanken, dass Parteien sich zu einem Anteil von mindestens 50 Prozent selbst finanzieren müssen, worin sich - einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts folgend - die hinreichende gesellschaftliche Verwurzelung von auch staatlich geförderten Parteien abbilden soll. Eine gesellschaftliche Verwurzelung werde durch den Handel mit Gold aber sicherlich nicht dokumentiert.
Die Summe, die eine Partei erhält, richtet sich nämlich nicht nur nach der Zahl der erreichten Wählerstimmen, sondern auch nach den Spenden, die sie einwirbt. Je mehr Geld die Partei einnimmt, umso mehr Steuergelder bekommt sie dazu - wer hat, dem wird gegeben! Lammert stört nun nicht etwa dieses merkwürdige System, sondern nur, dass die Rechtskonkurrentin AfD eine lukrative Einnahmequelle aufgetan hat (und über eine spendenwillige und finanzstarke Anhängerschaft verfügt).

Nur schad wär's schon, sollte der AfD der Goldhandel verboten werden. Ich hatte gehofft, ihr Beispiel würde Schule machen: Die Linke könnte die Ost-Mark vertreiben, die CSU den Bayrischen Taler und die mittlerweile virtuelle FDP Bitcoins.

Dienstag, 18. November 2014

"Mythos Vorbeugung" - Die ersten Besprechungen trudeln ein

Lisa Mayr bespricht "Mythos Vorbeugung" im Standard, sehr gründlich und wohlwollend.
Becker verknüpft in seinem profund recherchierten und faktenreichen Band die historische Entwicklung der Sozialmedizin mit neuesten Studienergebnissen zum Einfluss von Prävention und sozialer Herkunft auf die Gesundheit. Der Text ist übervoll von interessanten Details und ist streckenweise fast zu dicht geraten.
Der Autor erklärt, warum schwierige Lebensumstände krank machen: Weil Prekarität und die fehlende Möglichkeit, Belastungen abzubauen, zu chronischem Stress führen. Der wiederum behindert die Immunantwort im Körper und kann chronische Krankheiten begünstigen. Bronchitis, Bluthochdruck, Magenkrebs – fast alle Krankheiten sind in der untersten Einkommensgruppe doppelt bis dreimal so häufig wie in der obersten.
"Besonders schädlich sind permanente Besorgnis, kein Nachlassen der Anforderungen, keine Erfolgserlebnisse und Gefühle von Machtlosigkeit", schreibt Becker. Existenzieller Stress und die Möglichkeit zu seiner Bewältigung sind in der Bevölkerung aber höchst ungleich verteilt: Der soziale Unterschied findet sich bei praktisch allen Erkrankungen
In der Wochenzeitung hat letzte Woche Jutta Blume mein Buch rezensiert (Paywall).
In seinem Buch «Mythos Vorbeugung» zeigt Matthias Martin Becker, wie es zum vorherrschenden Prinzip der Prävention in der Medizin kam, was dieser Ansatz wirklich zu leisten vermag und zu welchen blinden Flecken er führt. Letztere sind gross, da die Vorbeugung stets beim Individuum, nicht aber bei der Gesellschaft ansetzt.

Mittwoch, 12. November 2014

Der Boulevard, ja der Boulevard, der ist breit. Da kann der Spaziergänger schon einmal die (politische) Orientierung verlieren.

Wie gut, dass web.de ganz große Schilder aufstellt, die den Lesern sagen, was sie zu denken und fühlen haben!

Montag, 27. Oktober 2014

Von Medizin und Moral

Am Samstag ist bei Telepolis ein (recht kurzer) Auszug aus meinem Buch Mythos Vorbeugung erschienen.
Dick zu sein, das stand traditionell für »Maßlosigkeit und Sünde, Müßiggang und Laster«, stellt Christoph Klotter fest. Der Protestantismus verschärfte die überlieferte Abneigung gegen die Dicken noch einmal, weil er (moralische) Eigenleistung und Askese zur Glaubenspflicht machte. Das Stigma traf allerdings selten die Wohlhabenden und Mächtigen, denn deren Fleiß und wirtschaftliche Produktivität schienen außer Frage zu stehen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg konnten in Mitteleuropa und Nordamerika auch die unteren Schichten ausreichend Kalorien bekommen. Nun wandelte der dicke Bauch seine soziale Bedeutung. Seitdem steht Fettleibigkeit stellvertretend für die Armen und Ausgegrenzten, für angeblich überflüssige und maßlose Esser. Ausdrücke wie »sitzende Lebensweise« und »exzessive Kalorienaufnahme« sind dafür quasi-medizinische Chiffren. Der Kampf gegen die Fettleibigkeit speist sich aus Vorurteilen über die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten der unteren Klassen.

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Dienstag, 21. Oktober 2014

Grenzen der grundsätzlichen Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums

Hier ist meine:
Es fühlt sich seltsam an, wenn das eigene Buch im Netz verramscht wird. Jetzt könnte ich auch dieses Klagelied anstimmen. Es handelt davon, wie wenig Autoren kritischer Sachbücher verdienen. Wie schnell die kulturelle Debatte veröden wird, wenn sich für die Textarbeiter das Texte herstellen nicht mehr lohnt. Wie ungerecht das ist.

Ich glaube, ich lass es lieber. Es gibt Schlimmeres.

Nur eines, liebe Leser, versucht besser nicht, bei der genannten Seite "Mythos Vorbeugung" herunterzuladen, denn die wollen bloß eure personenbezogenen Daten und auf eure Festplatten.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Seuchen lassen das Schlechteste in den Menschen hervorbrechen, die niedrigsten Instinkte. In Seuchen wird der Mitmensch gefährlich, wird ausgegrenzt. Wenn das Leben durch eine ansteckende Krankheit auf dem Spiel steht, geht die Vernunft unter und der Ellbogen wird ausgefahren.

Aber in Deutschland, bei den Online-Redakteuren von web.de, da muss nicht einmal Gefahr bestehen, um an die niedrigsten Instinkte zu appellieren: