Becker zeigt auf, dass gerade im Zuge der jüngsten Weltwirtschaftskrise in Ländern wie Griechenland und Spanien Krankheiten, die bisher als beherrschbar galten, wieder eine tödliche Gefahr, vor allem für arme Menschen, werden. Sein gut lesbares und dennoch informatives Buch ist auch eine Streitschrift für eine egalitäre Gesellschaft – gegen die Privatisierungstendenzen, die auch im deutschen Gesundheitswesen unübersehbar sind.
Freitag, 9. Januar 2015
"Streitschrift für eine egalitäre Gesellschaft"
Donnerstag, 8. Januar 2015
"Eine gesellschaftliche Verhältnisarchitektur, die ein sinnvolles Lebens ermöglicht"
Becker ist kein medizinfeindlicher Querulant. Sein Verdienst ist es vielmehr, einen materialreichen und differenzierten Überblick über die fachlichen Kontroversen zum Thema Vorsorge zu bieten. Wenn er dabei eine kritische Position bezieht, so doch nur auf Basis von fundierten Argumenten.Danke für die Blumen! Eine Fundamentalkritik an "der Medizin" ist von mir bestimmt nicht zu erwarten. Ich glaube nämlich an die heilende Kraft von Aspirin, an die Macht der Antibiotika (auch wenn die gerade nachlässt), ich glaube an die geoffenbarte Wahrheit der Statistik und den Satz von Bayes über bedingte Wahrscheinlichkeit.
In gewissem Sinn bin ich sogar ein Anhänger der sogenannten Schulmedizin - aber einer, der deren Grenzen sieht und versteht, dass Gesundheit anderswo entstehen muss als in der Arztpraxis. Das glauben viele praktizierende Mediziner, nebenbei bemerkt, auch; sie wissen es aus eigener Erfahrung.
Mittwoch, 7. Januar 2015
"Gesellschaftskritik, die sich nicht in Reformschlingen verheddert"
"All die Mühen, die tränenden Augen und die Rückenschmerzen von der ganzen Internetrecherche, die hohen Ausgaben für Kaffee und Kaugummi und die ausbleibenden Einkünfte - sie haben sich gelohnt!"
Denn Schmieder fasst nicht nur meine Argumentation klar und vollständig zusammen, sondern er denkt auch die Probleme weiter, die ich im Rahmen eines populären Sachbuchs nicht ausführen konnte und die daher nur unter der Text-Oberfläche behandelt werden. Sein schmeichelhaftes Fazit:
Ein Weiterdenken auf Gesellschaftskritik, die sich nicht in Reformschlingen verheddert, regt er an. Nicht nur damit legt er ein Buch vor, das in universitären Seminaren, die mit dieser Thematik befasst sind, einen prominenten Stellenwert für die Diskussion einnehmen dürfte und sollte, sondern die Lektüre wird für all diejenigen gewinnbringend sein, die in Bezug auf die sie entfallenden Präventionsgebote ein "feines Gespür" dafür haben, "ob ihre Meinung lediglich gefragt ist oder entscheidet" – und die sich eine ausgewogene und abwägende Meinung bilden wollen, die zu wissensgesättigten Entscheidungen befähigt und berechtigt.Besonders interessant sind Schmieders Anmerkungen zum Schlaf und seiner gesellschaftlichen Regulation.
Freitag, 26. Dezember 2014
Dienstag, 23. Dezember 2014
"Zu falsch-negativen Befunden gibt es keine Angaben"
Gesundheitspolitische Laien mag überraschen, wie so was läuft. Im Gemeinsamen Bundesausschuss verhandeln die Verbände der Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen, was medizinisch sinnvoll ist und daher bezahlt wird. Aber irgendwie wurde in diesem Fall total vergessen, zu untersuchen, ob das ganze überhaupt funktioniert. Die geplante Begleitforschung jedenfalls war von vornherein ungeeignet.
Das Hautkrebs-Screening ist mit der Erwartung eingeführt worden, dass schwarzer Hautkrebs früher entdeckt wird, dass in der Frühphase bessere Überlebenschancen bestehen und dass die Melanom-Sterblichkeit in der Bundesrepublik zurückgehen wird. Außerdem sollte jede Art von früh entdecktem Hautkrebs schonender und vielleicht sogar kostengünstiger behandelt werden. Angesichts dieser Erwartungen wäre die Erfassung von harten Endpunkten, wie dem Rückgang der Melanom-Mortalität, angezeigt. Eine solche Bewertung ist aber von Anfang an nicht vorgesehen gewesen.Das ist nur eine der vielen Merkwürdigkeiten, von denen Kaulen berichtet. Fazit:
Es gibt keine einzige kontrollierte randomisierte Studie, die den Nutzen des Hautkrebs-Screenings eindeutig belegt. ... Es ist dringend an der Zeit, das bundesdeutsche Hautkrebs-Screening auf den Prüfstand zu stellen.Eine medizinsche Behandlung wird auf die Bevölkerung losgelassen, obwohl niemand weiß, wie sie wirkt? Von den vielen, vielen Problemen der gesundheitlichen Vorbeugung ist diese die banalste: Wenn für Untersuchungen bezahlt wird, wird mehr untersucht. In meinem Buch Mythos Vorbeugung erzähle ich die klassische Geschichte zu dieser Problematik.
Die American Child Health Association war eine Wohltätigkeitsorganisation, die mit Spenden reicher Philanthropen gut ausgestattet war. Ihr Ziel war die Förderung der Gesundheit Heranwachsender. Auch damals schon wurden entzündete und vergrößerte Gaumenmandeln in bestimmten Fällen herausgeschnitten. Die „Amerikanische Vereinigung für Kindergesundheit“ wollte sicherstellen, dass wirklich alle Kinder operiert würden, denen dies nutzen würde. Um den Bedarf zu ermitteln, rekrutierten sie im Jahr 1934 1000 New Yorker Schulkinder mit einem Zufallsverfahren. Bei 611 von ihnen waren die Gaumenmandeln bereits zuvor entfernt worden.Weil der Verein sicherstellen wollte, dass keine nötigen Operationen ausgeblieben waren, schickte er die übrigen Kinder zu einer erneuten Untersuchung bei Schulärzten. Diese hielten eine Operation bei 174 von 389 Kindern für nötig. Um nun ganz sicher zu gehen, organisierte die Vereinigung abermals eine Untersuchung für die Übriggebliebenen; wieder fanden sich in der auf 215 Kinder geschrumpften Gruppe 99 bisher übersehene operationsbedürftige Fälle. Nach einer weiteren Untersuchungen blieben nur 65 Kinder mit offenbar bemerkenswert robusten Gaumenmandeln übrig. Leider wurde die Studie an dieser Stelle abgebrochen. Die Rate der positiven Diagnosen lag bei der ersten Untersuchung bei 60 Prozent und pendelte bei den drei folgenden um 45 Prozent.
Freitag, 19. Dezember 2014
Mittwoch, 17. Dezember 2014
Das Präventionsgesetz kommt - kommt das Präventionsgesetz?
Der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich sagt unserer Zeitung, dass er „ganz froh darüber war, dass die parlamentarischen Anläufe in der Vergangenheit immer gescheitert sind“. Sein Argument: „Hier werden Gelder der Versicherten eingesetzt, die an anderer Stelle in der Versorgung fehlen“. Es sei „ein falsches Signal, wenn es Sportkurse künftig auf Rezept geben soll, uns aber dann etwa Mittel fehlen, um Familien zu entlasten, deren Kinder an Neurodermitis erkrankt sind“.berichtete heute morgen die Stuttgarter Zeitung.
Skeptisch ist auch die gesundheitliche Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Hilde Mattheis. Sie mahnt, „dass hier nicht nach dem Gießkannen-Prinzip Mittel für das fünfte Faltblatt zum Thema ,Beweg dich mal’ ausgegeben werden dürfen“. Außerdem seidie Förderung von der Gesundheit zuträglichen Bedingungen in Schule, Arbeitsplatz und Wohngegend „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sollte also aus dem Steuertopf finanziert werden. Das gelte aber in ganze besonderen Maße für die Mittel, die die Bundeszentrale aus Versichertenbeiträgen erhalte. Mattheis kann sich ganz gut vorstellen, „dass das eines der Gesetze wird, die wir in der großen Koalition nicht gemeinsam hinkriegen.“
Der Artikel enthält übrigens ein, zwei missverständliche Formulierungen.
Montag, 15. Dezember 2014
Zweifel am Präventionsgesetz
By way of Fazit:
Das grundsätzliche Problem bei der gesundheitlichen Prävention besteht darin, dass zusätzliche Anstrengungen und Untersuchungen den Gesundheitsbewussten wenig bringen. Bei denjenigen, die sich tatsächlich eindeutig gesundheitsschädlich verhalten, zum Beispiel rauchen, wirken Appelle oder Anreize aber in der Regel nicht – übrigens auch dann nicht, wenn diese Anreize und Appelle in den Lebenswelten stattfinden, wo sie sich aufhalten.Mittlerweile habe ich mich so lange und intensiv mit dem Versuch der Krankheitsverhinderung beschäftigt, dass es mir manchmal schwer fällt, die Ebenen der Kritik auseinander zu halten. Wie bei allen bevölkerungspolitischen Maßnahmen bin ich nicht so sicher: Will ich, dass sie erfolgreich sind - auch wenn sich so das Rad der "Selbstoptimierung" und Ausbeutung weiterdreht - oder dass sie scheitern - auch wenn das mehr Morbidität und Mortalität bedeutet?Obwohl einige Fachleute von der Prävention inzwischen recht ernüchtert sind, wird das Präventionsgesetz diesmal sehr wahrscheinlich durchkommen. Für die Vorbeugung wird viel Geld in die Hand genommen. Dafür seien aber unter Umständen "mittel- bis langfristig erhebliche Einsparungen durch die Vermeidung von Krankheits- und Krankheitsfolgekosten" möglich, heißt es in dem Gesetzentwurf. Ob aber die "Investition in die Prävention" sich auszahlen wird, bezweifeln gerade Gesundheitswissenschaftler.



