Mittwoch, 1. Juni 2016

Montag, 30. Mai 2016

Rette sich, wer kann! Die Roboter greifen an ...

.. oder doch nicht? Gibt es wirklich - wie in der Industrie 4.0-Debatte oft behauptet - gewaltige Automatisierungspotentiale in den Fabriken? Wie wird sich die Arbeit verändern? In einem neuen Artikel für die Wochenzeitung versuche ich, Fakt und Fiktion zu trennen.

Mit einer historischen Anekdote, der Geschichte von "Eric Robot", versuche ich zu zeigen, dass die Hochstapelei immer ein wichtiger Bestandteil der Robotik war und bis heute geblieben ist. Englische Modellbau-Enthusiasten fertigten ihn in den 1920er Jahren, zur Eröffnung der Jahresversammlung der Britischen Modellbau-Gesellschaft.
Der sprechende Roboter war etwa anderthalb Meter hoch, konnte sich aus einer sitzenden Haltung aufrichten und den Oberkörper nach vorne neigen, wie bei einer Verbeugung. Nach seiner Ansprache beantwortete Eric Fragen aus dem Publikum und kannte die korrekte Uhrzeit. Seine Sprachfähigkeit beruhte auf einem eingebauten Funkgerät, das die Antworten eines Menschen wiedergab, was Erics Erfinder allerdings für sich behielten.

Heute lässt kaum noch verstehen, warum „Eric, der mechanische Mensch“ das Publikum und die Presse so erregte und faszinierte. Seine Augen bestanden aus Glühbirnen, die rhythmisch aufleuchteten, während er sprach, sein Gesicht aus gebogenen Blechplatten. Eine Schönheit war der Roboter wirklich nicht; die zahlreichen zeitgenössischen Berichte schwanken zwischen Mitleid und Abscheu.

Trotzdem wurde Eric zu einer Berühmtheit, und seine Erfinder nahmen ihn mit auf Tournee nach Amerika, Australien und Kontinentaleuropa. In einem Interview erklärte einer von ihnen, der Modellbauer William Richards, wegen seinen beschränkten motorischen Fähigkeiten könne Eric bisher nur Löcher in Holz oder Metall bohren. „Zwei Leute müssen ihn dabei unterstützen; unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten lohnt er sich also nicht.“ Allerdings fügte der Erfinder hinzu: „Wozu verbesserte Roboter in der Lage sein werden, das wird sich erst in der Zukunft herausstellen.“

Ist das aufsehenerregende Produkt der Firma Boston Dynamics, "Atlas" nur die jüngste Episode in der Geschichte der Robotik / Hochstapelei? Seit Anfang des Jahres kursieren Gerüchte, denen zufolge Google, der Mutterkonzern von Boston Dynamics, den Roboterhersteller am liebsten wieder loswerden möchte. Man sehe „in den kommenden Jahren kein vermarktbares Produkt“. Angeblich haben Toyota und Amazon Interesse bekundet – Firmen, für die Logistik eine große Rolle spielt. Die Medienoffensive mit Atlas ist wohl in diesem Zusammenhang zu sehen.
Bis jetzt machen autonome Roboter wie ihr Vorfahre «Eric Robot» in der Praxis oft mehr Mühe, als dass sie die ArbeiterInnen entlasten. Je autonomer und komplexer sie agieren – und je enger Mensch und Maschine zusammenarbeiten –, desto grösser wird womöglich der Arbeitsstress. Die Roboter halten in der Regel an, sobald ein unbekanntes Objekt in ihr Sensorfeld tritt. Ihre menschlichen KollegInnen müssen deshalb darauf achten, dass sie dem Apparat nicht zu nahe kommen, sonst stoppt die Produktion. Beschäftigte müssen einem fahrenden Roboter ausweichen, der sie nicht erkennt. Unflexible und unausgereifte Roboter zwingen die Arbeiter, sich den Abläufen und Fähigkeiten der Maschine anzupassen.
Immerhin: erfolgreiche Hochstapelie ist auch eine technische Leistung. Besteht vielleicht darin der Antrieb des Fortschritts, in der immer ausgefeilteren Täuschung des Publikums, der Imitation? Wie auch immer, die unausgeschöpften "Automatisierungspotentiale" liegen in Wirklichkeit anderswo - nämlich in einer optimierten Steuerung der vernetzen Produktion, anders gesagt: in einem digitalen Taylorismus.
Weil immer mehr Maschinen und teilweise auch Werkstücke mit Sensoren und Funketiketten ausgestattet sind, entsteht ein immer detaillierteres digitales Abbild des Produktionsprozesses. Daten aus den verschiedenen Prozessen können nun zusammengeführt und die Datenbanken permanent mit Messwerten aus dem laufenden Betrieb aktualisiert werden. Auf dieser Grundlage wird es möglich, die Abläufe automatisch und in Echtzeit zu überprüfen und zu verbessern.
Solche selbstoptimierenden Systeme sind bereits in der Entwicklung. Programme suchen mit automatischer Mustererkennung nach den optimalen Werten für eine Industrieanlage, etwa nach dem besten Verhältnis von Temperatur zu Druck in den Kesseln einer Chemiefabrik. Die Verfahren beruhen auf den gleichen Sortier- und Pfadfinderalgorithmen, die in Routenplanern wie Google Maps zum Einsatz kommen.
Solche Systeme steuern aber nicht nur Industrieanlagen, sondern auch Menschen – etwa wenn sie die Reihenfolge der zu erledigenden Arbeitsschritte vorgeben. Erhält die Firma einen wichtigen Auftrag, zieht das System die entsprechenden Arbeiten vor. Stillstand wird vermieden, die Anlagen optimal ausgelastet – ebenso wie ihre BedienerInnen.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Machtlos in der Cloud?

Wer sind die Crowdworker in Deutschland? Bei Telepolis ist vor einen Tagen ein Bericht von mir über eine neue Studie zum Thema erschienen. Dabei geht es mir auch um die Grenzen dieser Rationalisierungsstrategie.
Der besondere Charme des Geschäftsmodells Crowdsourcing beruht auf der Tatsache, dass sowohl die Vermittlungsagenturen, als auch die beauftragenden Unternehmen Risiken und Kosten auslagern. Sie behandeln die Beschäftigten als Selbständige, die sich eigenständig gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit versichern sollen. Dazu sind zwar nur wenige Freelancer finanziell in der Lage (und noch weniger in ausreichendem Maß), aber bekanntlich müssen sich weder die Auftraggeber noch die Vermittler darum kümmern. Statt Arbeitsverträgen gelten die Allgemeine Geschäftsbedingungen.

... Die Unternehmen profitieren nicht nur von den unschlagbar niedrigen Crowdwork-Honoraren. Über das Netz können sie auf Erfahrungen und Ideen der Masse zugreifen, die in der eigenen Belegschaft in geringerem Umfang vorhanden sind. Gerade diese Offenheit ist aber gleichzeitig ein Nachteil, wenigstens eine Gefahr. Unternehmen müssen sich öffnen, um die Masse "anzuzapfen", wer aber wichtige Tätigkeiten ins Netz auslagert und Prozesse offen legt, der riskiert, dass "Geschäftsgeheimnisse" nach außen dringen.

Crowdsourcing ist außerdem nur dann effizient, wenn Solo-Selbständige die Aufträge bearbeiten. Bei anspruchsvolleren Tätigkeiten und Geschäftsprozessen entsteht sonst oft ein zusätzlicher Aufwand - ökonomisch gesprochen: zusätzliche Transaktionskosten -, um die einzelnen Arbeiten erst zu zerstückeln, dann wieder zusammensetzen und schließlich noch auf ihre Funktionsfähigkeit zu überprüfen.

Die "Auftragsnehmer" sind außerdem nicht weisungsgebunden und arbeiten gewissenhaft, weil sie eine schlechte Bewertung fürchten, nicht aus Loyalität zum Unternehmen. Schon um Pfusch zu vermeiden und Kontrollkosten zu senken, sind die Unternehmen weiterhin an stabilen und langfristigen Beziehungen interessiert - Internet hin oder her.

Montag, 2. Mai 2016

Mittwoch, 27. April 2016

Ein globaler Wettlauf bei der Digitalisierung

Die Hannover Messe fand bekanntlich dieses Jahr unter der ebenso unvermeidlichen und ominösen Überschrift "Industrie 4.0" statt. Superlative gefällig? Die größte und wichtigste Industriemesse der Welt, eine globale Leistungsschau der Fabrikproduktion, Spitzenforschung, Automatisierungsgrade nahe 100 Prozent. Auch die Regierungschefs Merkel und Obama besuchten die Messe und machten gute Stimmung. Aber die atlantische Achse knirscht. Bei der Digitalisierung der Fabrikproduktion befinden sich die Vereinigten Staaten und Deutschland in einem Wettlauf um die technischen Vorherrschaft. Mit dramatischen und drastischen Worten beschrieb das die 'Süddeutsche' vor zwei Tagen so:
Die besten Maschinenbauer der Welt – die Deutschen – sollen nicht die verlängerte Werkbank von IT-Konzernen werden, seien die aus den USA oder aus Fernost. Die Intelligenz designed by Apple und Google, die Hardware made in Germany. So soll es nicht kommen...

Wie aber wäre zu verhindern, dass die hiesige Industrie herabsinkt zu einem Hardware-Dienstleister, während die Herren der Computer, der Netze und der Algorithmen bestimmen, wie weit sie den Tropf aufdrehen, an dem jene Produktionsbetriebe hängen?

Der Kommentar malt das Schreckensszenario „Deutschland als verlängerte Werkbank der amerikanischen Internetriesen“ weidlich aus. In der neuen 'Konkret' habe ich auch einen Text zu den "geoökonomischen Hintergründen" der Industrie 4.0-Debatte veröffentlicht:
Es geht um die Konkurrenz aus USA und China, vor allem auf den Zukunftsmärkten digitale Dienstleistungen und Internet der Dinge. … Wenn die populären amerikanischen "Internetriesen" nun Autos oder Medizingeräte bauen (lassen), wird deutlich, dass die deutsche Industrie in diesem Feld nicht wirklich mithalten kann. In China wiederum wird ein Gutteil der elektronischen Geräte gefertigt, die weltweit verkauft werden.

Insofern besteht für die deutsche Industrie die Gefahr, in der Wertschöpfungskette abzusteigen. Zwar ist sie der „Fabrikausstatter der Welt“ und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben – aber was nutzt das, wenn Google oder Apple Standards definieren und ihre Konkurrenzprodukte verkaufen? „Viele deutsche Hersteller sind internationale Marktführer bei Produkten“, heißt es in einem Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums mit dem bezeichnenden Titel „Aufholen im digitalen Wettlauf“. „Doch dieser Erfolg darf sie nicht an der notwendigen Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle hindern. Denn in diese Lücke könnten führende Internetunternehmen und neue Gründungen stoßen und die Schnittstelle zwischen Kunden, Herstellern und Dienstleistern besetzen.“

Natürlich stellte die Bundeskanzlerin beim Staatsbesuch Obamas die gemeinsamen Wachstumschancen und deutsch-amerikanische Zusammenarbeit in Ausicht – das Wettrennen als Win-Win-Situation sozusagen, später teilen wir uns das Siegerpodest! Allerdings haben die deutschen Autobauer das Angebot der Firma Apple, gemeinsam den iCar zu entwickeln, gerade abgelehnt. Bei Dradio Wissen (... einen anderen Artikel ohne Paywall finde ich gerade nicht ...) heißt es dazu:
Mit Googles Selfdriving Car und Teslas Elektroauto machen sich amerikanische IT-Konzerne derzeit fleißig an die Demontage der deutschen Auto-Industrie. Um doch noch mitzumischen beim Auto der Zukunft, wollten sich BMW und Daimler mit Apple zusammentun. Doch diese Allianz ist jetzt gescheitert. Apple will ein hochvernetztes Elektroauto bauen, das genau wie die von der Konkurrenz von Google und Tesla autonom fahren kann. Gescheitert ist die Zusammenarbeit angeblich an zwei Fragen:

1. Wer übernimmt die Führung?

2. Die Datenfrage. Das Handelsblatt berichtet, Apple wolle iCar eng in seine iCloud einbinden. BMW und Daimler wollten jedoch selbst die Kontrolle über die Daten behalten. Der Schutz der Kundendaten sei für BMW und Daimler, so heißt es, ein "wichtiger Eckpfeiler der Zukunftsstrategie".

Laut FAZ hat Apple bereits begonnen, Ingenieure und Entwickler aus der deutschen Automobilbranche abzuwerben.

Ist die deutsche Industrie auf dem absteigenden Ast? Wie groß der Markt für autonome und Elektroautos überhaupt ist, vermag ich nicht zu sagen. Das Beispiel iCar ist aber bezeichnend für die Widersprüche der deutschen Industrie 4.0-Strategie, die von den großen Konzernen der IT-Branche und unter den Industrieausstattern vorangetrieben wird (Bosch, SAP, Siemens, Daimler, you name it). Man hat Angst, andere könnten neue Geschäftsmodellen entwickeln, die disruptiv wirken (um an dieser Stelle das andere unvermeidliche Schagwort einzuflechten), man will nichts verpassen, aber gleichzeitig die bisherige Ausrichtung unter keinen Umständen aufgeben. Den Kuchen behalten und aufessen, wie die Engländer sagen. Das Geschäft läuft doch für die deutsche Industrie - warum Produktinnovationen einführen, die den eigenen Produkten Konkurrenz machen? In der FAZ heißt es:

Auf den Markt soll das iCar als Kleinwagen im Jahr 2019 oder 2020 kommen, heißt es. Und zwar als Carsharing-Modell, ähnlich wie der Dienst Drive-Now von BMW und Sixt. Kunden könnten das iCar, oder wie es auch immer heißen mag, kurzfristig mieten und minutengenau abrechnen.
Daran krankt die deutsche Digitalisierungsoffensive: Prozessinnovationen, um die bisherigen Waren billiger herzustellen, sind willkommen, Produktinnovationen nicht. Aus eben diesem Grunde werden die deutschen Autobauer erst dann günstig und massenhaft Elektroautos auf den Markt bringen, wenn Stuttgart-Sindelfingen wegen des Klimawandels am Atlantik liegt.

Samstag, 16. April 2016

Dienstag, 15. März 2016

Donnerstag, 3. März 2016

Rätselraten mit web.de: Was um Himmels Willen bedeutet "Sexabo-Falle"? Früher sprach man (und Mann) noch von ehelicher Pflicht.

"Tracken Checken Sharen"


Diesen hübschen Titel trägt ein (mehr oder weniger neuer) Artikel von mir, den die Zeitschrit Gen-Ethischer Informationsdienst gerade veröffentlicht hat. Ich habe dafür ein wenig bei den Krankenkassen nachgebohrt, wie sie die Daten, die beim Health Tracking anfallen, eigentlich nutzen.

Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich ja besonders auf die gruslige automatische Datenerhebung und -übertragung und deren (vermeintliche) Folgen, meist mit dem Tenor "Big Brother Krankenversicherung". Ich sehe das Tracking für die Krankenkasse eher als Teil eines allgemeinen Trends hin zur "Bonifizierung". Solche angeblich skandalösen Angebote sind ein Ausdruck der zunehmend 'individualisierten' Tariflandschaft, die wiederum die Folge der Kommerzialisierung / Privatisierung der Krankenversicherung in Deutschland ist. In der Regel kommen dabei übrigens keine digitalen Gerätschaften zum Einsatz, sondern die Versicherten werden mit old school-Methoden "überwacht".

Nach dem Willen des Gesetzgebers sollen die gesetzlichen Krankenkassen unternehmerisch denken und handeln. Anders als private Versicherungen dürfen sie aber nicht über den Preis miteinander konkurrieren. Als Ausweg bleiben die sogenannten monetären Wahltarife: Selbstbehalt, Beitragsrückerstattung und Kostenerstattung. Deshalb spielen Bonusprogramme eine immer wichtigere Rolle im deutschen Gesundheitssystem.
Seit 2004 dürfen die Kassen gesundes Verhalten mit Geldzahlungen belohnen. In den vergangenen Jahren hat sich die zurückgezahlte Summe mehr als verdoppelt (von 140. 000 Euro im Jahr 2008 auf 300. 000 Euro im Jahr 2013). Laut einer Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK von 2013 nimmt mittlerweile jeder fünfte Versicherte an einem solchen Programm teil. Je jünger die Befragten und je höher ihr Einkommen und ihr Schulabschluss sind, umso aufgeschlossener sind sie der Idee gegenüber. Eine etwas ältere Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zeichnete ein ähnliches Bild: Gesunde, wohlhabende und gebildete Menschen waren eher geneigt, an Bonusprogrammen teilzunehmen.
Dieser letzte Punkt ist entscheidend: Die Bonusprogramme dienen nämlich gar nicht in erster Linie dazu, die Versicherten gesünder zu machen! Ob sie dazu taugen, ist fraglich; wissenschaftliche Belege fehlen jedenfalls. Die Programme dienen vielmehr dem Zweck, gesunde Versicherte anzuziehen.