Mittwoch, 27. Februar 2019

Der Fall Huawei - Auftakt zum Cyber-Handelskrieg?

Huawei-Werbung in Neuseeland
Gestern brachte der Deutschlandfunk meinen "Hintergrund"-Beitrag "Zwischen Cybersicherheit und Handelspolitik" zum Tauziehen um den chinesischen Mobilfunkausrüster Huawei. Ich stelle dar, was dran ist an den Vorwürfen gegen das Unternehmen (und was nicht) und warum es der Bundesregierung so schwer fällt, sich zu entscheiden, ob sie dem amerikanischen Drängen auf einen Ausschluss von Huawei nachgeben soll.

In einer lesenswerten Analyse hat Daniel Voelsen von der Stiftung Wissenschaft und Politik diese Gemengelage sortiert. Deutschland hat seiner (und meiner) Meinung nach drei Möglichkeiten: "Fortführung der bisherigen Politik" (Huawei darf mitmachen, Konsequenz: ein Affront gegen die amerikanischen "Falken"), "Schulterschluss mit den USA" (höhere Kosten, langsamerer Einführungen von 5G und damit eine Verzögerung zentraler Digitalisierungsprojekte) und schließlich "eine rein europäische Lösung" (dito, ein Affront gegenüber beiden Großmächten). Daniel Voelsen schließt:

Bei der Kontroverse um 5G gehe es neben technischen Sicherheitserwägungen im engeren Sinne auch um wirtschaftliche und geopolitische Fragen von erheb­licher Reichweite.
Die Sache ist immer noch sehr in Bewegung, will sagen: diverse Interessensgruppen versuchen weiterhin, sich durchzusetzen. Da sind Transatlantiker, Mobilfunkprovider, deutsche Unternehmen, die unbedingt einen schnellen Breitbandausbau wollen, Unternehmen, die ohne den chinesischen Markt morgen dicht machen müssen, und solche, denen chinesische Konkurrenten zunehmend Marktanteile streitig machen. Es stimmt keineswegs, dass Amerika Deutschland hineinzieht in einen Handelskrieg gegen China: starke Kräfte auch in Detschland wollen die asiatische Großmacht eindämmen. Dieser Widerspruch von Konkurrenz und Abhängigkeit spiegelt sich in der Huawei-Debatte und der Riss geht quer durch alle Parteien (bemerkenswerterweise versuchen gerade die Grünen, die mit dem Argument Cybersicherheit die Regierung vor sich herzutreiben!), quer durch die Ministerien und die Wirtschaftsverbände. Da wage ich lieber keine Prognose, wer sich schließlich durchsetzen wird.

Dienstag, 12. Februar 2019

Der Fall Huawei: Cybersicherheit und / oder Handelskrieg?

Der amerikanische Außenminister reist gerade durch Osteuropa und warnt vor dem chinesischen Konzern Huawei. In immer mehr Ländern wird das Unternehmen ausgeschlossen, auch die deutsche Regierung unternimt offenbar Schritte in diese Richtung. Aber geht es wirklich um die Angst vor Spionage und Sabotage übers Internet? Ziehen die USA Deutschland in ihren Handelskrieg mit China - oder zieht Deutschland vielleicht von ganz alleine in den Krieg?

Mein Radiobeitrag für Impuls / SWR 2 "Mobilfunk 5G: Droht mit Huawei Einfluss aus China?" kann hier angehört werden.

Montag, 11. Februar 2019

1 zu 147 000

Heute entscheidet Facebook, was Meinungsfreiheit bedeutet.
Das sagte die Bundesjustizministerin Katarina Barley vor einigen Wochen zu mir. Wie weit darf der Staat sich einmischen in das Zirkulieren von Nachrichten und Meinungen? Darf er beispielsweise die Plattformen zwingen, bestimmte Publikationen algorithmisch zu bevorzugen, um Verschwörungstheorien und Falschmeldungen zurückzudrängen?

Um diese Fragen dreht sich mein Feature "Selbstkontrolle im Netz", das vor einigen Tagen beim SWR ausgestrahlt wurde. Meine These: Die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation kommt in der Gestalt einer Privatisierung. Aber anders als viele netzpolitische Aktivisten glauben, ist die privatrechtliche Organisation kein Schutz vor staatlicher Überwachung und Lenkung.

Die Plattformen, die den Marktplatz der Meinungen zur Verfügung stellen, verfolgen natürlich kommerzielle Interessen. Weil sie ihre Kosten niedrig halten wollen, wickeln sie ihre Inhaltskontrolle nach Möglichkeit mit Künstlicher Intelligenz und Arbeit für Niedriglohn ab. Für das Feature konnte ich mit einigen Moderatoren sprechen, die bei Arvato Facebook-Posts kontrollieren - unter erbarmungswürdigen Bedingungen.
Das Fazit:

Ob Facebook, YouTube, Microsoft oder Google, alle Internetkonzerne lagern die Überprüfung der Inhalte aus. Content-Moderation bedeutet: Niedriglohn und permanente Überwachung, befristete Verträge und ein ständiger Austausch von Mitarbeitern.

Menschliche Arbeitskraft, um Beiträge zu überprüfen, passt nicht zum Geschäftsmodell dieser Unternehmen. Sie begreifen sich als „Plattformen“, „Online-Marktplätze“ oder auch „Portale“: als Technologieunternehmen, die Kommunikationskanäle zur Verfügung stellen, aber für die Botschaften, die dann über diese Kanäle verbreitet werden, nicht verantwortlich sind. Ihr rasantes Wachstum beruht eben darauf, dass sie immer größere Datenmengen bei gleichbleibenden Kosten verarbeiten – und so immer größere Erträge erzielen.


Die Regeln der Inhaltskontrolle - was wird gelöscht, was darf bleiben - sind extrem schematisch, weil sie schnell und ohne langes Nachdenken umgesetzt werden sollen. In einem hervorragenden Artikel von Max Fisher in der New York Times heißt es dazu:

How can Facebook monitor billions of posts per day in over 100 languages, all without disturbing the endless expansion that is core to its business? The company’s solution: a network of workers using a maze of PowerPoint slides spelling out what’s forbidden. The Facebook employees who meet to set the guidelines try to distill highly complex issues into simple yes-or-no rules. Then the company outsources much of the actual post-by-post moderation to companies that enlist largely unskilled workers, many hired out of call centers.
Auf etwa 147 000 Nutzer kommt bei Facebook ein Moderator, schätze ich. Dieser weltweite Durchschnitt verbirgt aber gewaltige Unterschiede. Ein erstaunlich großer Teil der Moderatoren in Europa kontrolliert den deutschsprachigen Markt. Exakte Zahlen dazu veröffentlicht Facebook nicht; Gerüchten zufolge sind es 80 Prozent. Das liegt wahrscheinlich an den gesetzlichen Vorgaben: Schließlich drohen hierzulande bis zu fünf Millionen Euro Bußgeld. Selbst ein Unternehmen wie Facebook, das letztes Jahr gut 14 Milliarden Euro Gewinn machte, bezahlt solche Summen nicht aus der Portokasse.

Für die Kontrolle in den weniger lukrativen und weniger riskanten Märkten in Asien, Afrika oder dem Nahen Osten setzt das Unternehmen kaum Ressourcen ein. Dies hat buchstäblich fatale Folgen. Denn in Ländern wie Libyen, Mexiko, Pakistan oder Indonesien werden ethnische und religiöse Minderheiten und politische Gegner mithilfe von Facebook und Whatsapp drangsaliert und verfolgt.

In Nigeria, sagen Bürgerrechtsaktivisten, liegt die Quote sogar bei nur einem Moderator pro sechs Millionen Nutzern. Bei ihrer Inhaltskontrolle handeln die Plattformen also durchaus opportunistisch. Wo sie es müssen, arrangieren sie sich mit den lokalen Machthabern und zensieren die jeweilige Opposition. (Dies gilt beispielsweise für Twitter und Facebook in der Türkei, ein Fallbeispiel das sich jemand einmal genauer anschauen sollte ...) Anderswo aber kümmern sie sich kaum um ihre Netzwerke, weshalb die dortigen Machthaber oft zu brachialen Mitteln wie Internetsperren greifen. Im Jahr 2018 gab es übrigens laut der Kampagne #keepiton weltweit 188 Internet-Shutdowns.

Dienstag, 29. Januar 2019

Fun fact # 35: Gesundheitliche Vorsorge

In einer Rezession sinkt die Sterblichkeit. Obwohl die Gesundheit von bestimmten Individuen unter den Folgen des wirtschaftlichen Abschwungs leidet - zum Beispiel durch psychische Erkrankungen wegen ungewollter Arbeitslosigkeit -, ist die Bilanz positiv.

Als Ursachen für die geringere Sterblichkeit werden weniger Arbeits- und Verkehrsunfälle und eine verbesserte Luftqualität genannt.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Der globale Zensor

Ein weltweites Netzwerk wie Facebook, mit seinen mehr als 2,2 Milliarden Nutzern, ist notwendigerweise auch ein globaler Zensor. Wie sortieren die Internetmedien ihre Beiträge? Welche Beiträge sortieren sie aus - und warum?

Über die Inhaltskontrolle der Internetmedien zirkuliert eine Unzahl von Gerüchten und Verschwörungstheorien. Leider kommt Medienkritik heute vor allem von rechts. Sie hat ein beklagenswertes Niveau, das über das ewige cui bono? nicht hinauskommt. Natürlich müssen wir Interessen analysieren, um zu erklären, warum Facebook manches löscht und anderes stehen läßt. Aber die rechte Medienkritik personalisiert und vereinfacht so sehr, bis eine Karikatur der Machtverhältnisse entsteht, oder, besser noch, ein Zerrbild. Da sagt der Soros der Merkel, was sie zu tun hat, und die Merkel sagt es dem Zuckerberg. Oder umgekehrt. "Die stecken alle unter einer Decke!" ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt dieser Kritik. Ihre Auswahl der angeblichen Schurken - der "Strippenzieher" - ist beliebig.

In Wirklichkeit ist die Inhaltskontrolle der Sozialen Medien viel komplizierter („War ja klar ...“), aber auch in gewisser Weise einfacher („Echt jetzt?“). Die Sozialen Medien sind nämlich in erster Linie eine kommerzielle Veranstaltung, anders gesagt: Es geht ihnen um Profit.

Gleichzeitig sind sie in erster Linie eine US-amerikanische Veranstaltung, weshalb der dortige Staat und die dortigen Interessensgruppen den maßgeblichen Einfluss haben. Im Zweifelsfall stehen den Konzernen die Entscheidungsträger in ihrer Heimat am nächsten. Aber kommerzielle und politische (auch "geostrategische") Interessen prallen durchaus aufeinander.

Mein Feature „Wie Facebook und Co. Inhalte aussortieren“, das heue vom WDR gesendet wurde, beschreibt die unterschiedlichen Ebenen der Inhaltskontrolle. Den brutalen Arbeitsalltags der Löschteams. Die redaktionelle Überprüfung durch Faktenchecker, ausgelagert an Organisationen wie Correctiv. Schließlich die Rolle von Sicherheitsbehörden und Organisationen wie dem Atlantic Council.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Gründe, web.de zu hassen, gibt es viele. Aber manchmal spüre ich auch eine Art Hassliebe in mir. Weil, in ihrer Plumpheit bringt diese Schlagzeilerei oft die Sogwirkung der veröffentlichten Meinung genau auf den Punkt. Wie diese hier:

Falls Zweifel bestanden, dass es bei den Brexit-Verhandlungen darum geht, das verräterische Albion ordentlich zu bestrafen: Abweichler aus den eigenen (europäischen) Reihen haben zu schweigen.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Kleine Ergänzung zur "Ökonomie des Populismus": Zündfunk Generator bringt ein ausführliches Interview mit Philip Manow, in dem Stärken und Schwächen des Buches schön deutlich werden.

Dienstag, 15. Januar 2019

Anmerkungen zu Krisengeschichte, proletarischer Erfahrung und Automatisierung

In der aktuellen Ausgabe der OXI schreibe ich über die Kardinalfehler der aktuellen Automatisierungsdebatte. Einer davon: die angeblich so smarten, autonomen, intelligenten, kognitiven Geräte denken nicht.
Das Verhältnis von Autonomie und Fremdbestimmung, zwischen Lohnarbeit und Gerät ist komplex. Es darf nicht nach einer Seite hin vereindeutigt werden, wie es etwa Marx mit seiner unglücklichen Formulierung vom Arbeiter als einem »bloßen Anhängsel der Maschinerie« tat. Die Lohnarbeiter wenden Maschinen an, die gleichzeitig sie anwenden sollen. Sie müssen sie kontrollieren können – sonst ist ihre Arbeit überflüssig –, aber gleichzeitig werden sie (über die datenproduzierende Maschine) vom Management kontrolliert. Die Lohnarbeit ist das denkende Werkzeug, der autonome Diener des Kapitals, so wie es die Automaten versprechen. Roboter wären tatsächlich die besseren Arbeiter, wenn sie nur nicht so furchtbar dumm wären.
Die Anwendung des eigenen Verstandes im Arbeitsprozess gehört durchaus zur proletarischen Erfahrung. Allerdings auch das Gegenteil, weil Arbeiterinnen und Arbeitern brutal klar gemacht wird, wo, wann und zu welchem Zweck er oder sie zu denken hat. Diesen Widerspruch zu ertragen, ist vielleicht das schwerste. Nennen wir's Entfremdung (Hilfsausdruck)

Das Heft lohnt sich insgesamt, schon wegen des wirklich schönen Layouts. Solltet ihr allerdings euch das wirklich nicht leisten können, empfehle ich die ungekürzte Version auf meiner Webseite.