Samstag, 5. Februar 2011

Gunnar Heinsohn, der mad scientist unter den deutschen Reaktionären




Wahrscheinlich war es unvermeidlich, dass Gunnar Heinsohn sich zu den gegenwärtigen Umwälzungen in Nordafrika melden würde. Schließlich sind die Medien voll mit Graphiken, die nachweisen, wie jung die Bevölkerung in dieser Weltregion ist, und das irgendwie total wichtig finden.

Gestern erschien also im Feuilleton der FAZ eine Art demographische Analyse von Heinsohn, in der er abermals seine Theorie von den fatalen Folgen des Jungenüberschusses verbreitete. Diese besagt, knapp gefasst, dass gesellschaftliche Umstürze desto gewalttätiger ablaufen, je männlicher und je jünger die Bevölkerung ist. (Mohssen Massarrat hat vor drei Jahren das Nötige dazu gesagt.)

Es scheint eine Berufskrankheit der Demographen zu sein, jeden gesellschaftlichen Fakt aus dem Reproduktionsverhalten der Menschen abzuleiten. Ihr Motto ist: „Sag mir, wann sie mit wem ihre Kinder kriegen und wann sie sterben, dann erkläre ich dir ihre Gesellschaft!“ Heinsohn aber treibt diesen Reduktionismus auf die Spitze der Banalität. Alles, was ihm zur magrehbinischen Revolution einfällt, ist das Verhältnis der Jungen zur Alten.
Für die Einschätzung der längerfristigen Gewaltpotentiale ist das quantitative Verhältnis der Protestierer zu den von ihnen Bekämpften entscheidend.
Revolutionen sind für ihn nichts anderes als Raubzüge, bei denen die Jungen den Alten wegnehmen, was sie haben.
Bei youthbulge-, also von Jugendüberhang getriebenen Revolutionen setzt das große Töten erst nach dem Sieg der Bewegung ein, weil die frei werdenden Pfründe nur für einen Bruchteil der Revolutionäre ausreichen. Die Älteren sind nicht zahlreich genug für die Abwehr der Jüngeren. Diese aber sind weitaus zu viele für einen friedlichen Übergang.
(...) Jordanien und Syrien (...) mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren werden mögliche Umwälzungen weniger heftig austragen als (Jemen und Paläsina), haben aber entschieden mehr Dampf als Ägypten.

Als die beiden französischen Demographen Courbage und Todd vor drei Jahren darauf hinwiesen, dass das Bild eines archaischen Nahen Ostens ganz falsch ist, dass sich in den "muslimischen Ländern" die traditionellen Familienstrukturen bereits auflösen, und sich dehalb gegen das Bedrohungsszenario eines expansiven Islams wandten, da wurden sie in der FAZ belehrt, sie würden
die Demographie als prophetische Wissenschaft missverstehen

Aus demographischen Erkenntnissen allein lässt sich eben nicht ableiten, ob wir einen Kampf der Kulturen haben oder wie die Geschichte weitergeht.

In Heinsohns Text steht nun
  • nichts über steigende Lebensmittelpreise,
  • nichts über die Geschlechterverhältnisse in Nordafrika,
  • nichts zu der Beteiligung von Frauen an den Protesten in Ägypten und Tunesien,
  • nichts über Politik oder Wirtschaft
  • nichts, nichts, nichts!
Aber Professor Heinsohn weiß, wie blutig die Revolutionen sein werden, weil er den Altersdurchschnitt kennt. Ich finde das, im Wortsinn, irrsinnig. Aber natürlich, bei dem Untersuchungsgegenstand handelt es sich um Muslime, und da ist es mit Empirie und Methode so eine Sache. Schon das Sarrazin-Elaborat wurde in der FAZ so verhandelt, dass dessen "Methode" und Aussagen über Vererbung zwar, nun ja, falsch sind, "aber in der Sache hat er recht." So auch hier, denn mit Wissenschaft der nicht-irrsinnigen Form hat Heinsohns Text ja offensichtlich nichts zu tun. Das nennt man dann wohl Ideologie.