Der Post über "Timmy und die Tierliebe im Anthropozän" ist (für meine bescheidenen Verhältnisse) geradezu viral gegangen. Allerdings habe ich jetzt erst mitbekommen, dass bei dem Streit um die Rettungsaktion nicht nur implizit und unbewusst die ökologische Krise verhandelt wird, wie ich dachte, sondern Neonazis explizit damit Propaganda machen. Das fügt der Tragikömodie, zu der meine Realität geworden ist, eine weitere Ebene der Komplexität hinzu, die ich langsam nicht mehr bewältigen kann. Oder bewältigen will.
Nur eine kurze ideologiekritische Bemerkung, der Vollständigkeit halber:
Mit starkem rechtspopulistischem Einschlag kritisierte Julian Staib vor ein paar Tagen in der FAZ:
Statt einzusehen, dass es manchmal das Beste ist, ein Tier in Ruhe zu lassen, quälen die Aktivisten den Wal mit ihrem Aktionismus. Und statt sich den wirklich wichtigen Themen zu widmen, etwa dem desaströsen Zustand der Ostsee, werden enorme Ressourcen in eine Aktion gesteckt, die mehr Schaden als Nutzen erzeugt.Reizwort "Aktivismus". Überlasst das den Erwachsenen, mahnt der Kommentator staatstragend, den Experten in Behörden und Wissenschaft. Die wissen es besser als ihr.
In Wirklichkeit sind die selbsternannten Retter und ihre Unterstützer aber keine Umweltaktivisten oder Klimabewegte, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Es handelt sich um Menschen, die das Sterben dieses Tieres nicht ertragen (oder die Aufmerksamkeit kommerziell ausnutzen, weil das Publikum dieses Sterben nicht erträgt).
Ein Teil ist sogar ausdrücklich gegen umfassende ökologische Maßnahmen. Und nicht der Qual des Wals sorgt für Frustration über die Behörden, sondern ihre Überzeugung, in einem falschen (weil demokratischen) System zu leben, war vorher schon da. Der faschistische Flügel der Wal-Unterstützer - so weit ist es gekommen, dass ich so etwas unironisch hinschreiben muss - identifiziert das siechende Tier mit dem kranken deutschen Volk, das sich ebenfalls nach Rettung sehnt. Wie in einem KI-generierten Song, den anzuhören ich gerade das zweifelhafte Vergnügen hatte:
Das hier ist mehr als nur ein WalBei Compact heißt es:
Das ist ein Bild von diesem Land
Zu viel Gerede, zu viel Macht
Und keiner, der Verantwortung hat
Rechte Helfer sind unerwünscht, also muss der gestrandete Wal Timmy sterben. Nun soll das Tier sogar geschlachtet werden - die Regierung tut nichts. Wer sind die Nutznießer?Eine ökologische Transformation lehnt diese Fraktion bekanntlich ausdrücklich ab und dreht demagogisch den Spieß um. Das eigentliche - vielleichtt einzige - Problem sind die Ökos. Wenn großflächig Wälder brennen wie beispielsweise in Australien oder den USA, soll es an der falschen Praxis der Forstbehörden liegen. Wale sterben, weil Behörden sie schlachten will. Die oft bemühte Covid-19-Laborthese gehört in gewisser Weise ebenfalls zu diesem Motiv-Komplex. Dabei fließen libertäre und organizistisch-völkische Staatskritik zusammen. Das Ziel ist, sozioökologische Zusammenhänge im Empörungslärm zu ersticken.
