Dienstag, 15. September 2026

Konservativ + - reaktionär

Für Andruck / Deutschlandfunk habe ich "Glanz und Elend der Konservativen" von Roger de Weck besprochen. Der bekannte Publizist ist ein Liberaler und Demokrat und durchaus ein Antifaschist. Er appelliert an die europäischen Mitte-Rechts-Parteien wie beispielsweise die CDU (eigentlich vor allem an die CDU ...), dieses Mal den Faschisten nicht die Steigbügel zu halten oder, um es zeitgemäßer zu sagen, nicht die Passwörter zu verraten, jedenfalls ihnen nicht zur Staatsmacht zu verhelfen. Dass sei auch, argumentiert er, in deren eigenem parteipolitischen Interesse, weil sie sonst zwischen links und rechts zerrieben würden. Die Argumentation lässt sich mit einem Satz zusammenfassen, der praktischerweise auch auf dem Einband steht:
Niemand kann die Demokratie wirksamer verteidigen – oder aber massiver schwächen als Konservative. Auf sie kommt es an.
Angesichts des blutigen Ernstes dieser Frage verbietet sich kleinliches Mäkeln. Volksfront, Einheitsfront, was immer, ich bin dabei und dafür. Trotzdem will ich nicht verschweigen, dass mich die Argumentation nicht überzeugt. Sie bedient eine Art illusionären Schönwetter-Liberalismus, wenn er beispielsweise behauptet, ein erneuertes konservatives Programm mit ein bisschen mehr Europa und ein bisschen mehr Umweltschutz könne den Vormarsch der "Rechtsautoritären" aufhalten. In dem Radiobeitrag sage ich:
Ist der stärkste Gegner der AfD wirklich die CDU? Das ist doch zweifelhaft. Wahlen werden auf absehbare Zeit nicht mehr in der Mitte entschieden. Das häufig zu hörende Argument, die AfD wolle „eine andere Republik“ oder gehöre „nicht zur bürgerlichen Mitte“, verfängt nicht mehr.
Die Demokraten können und werden nicht zusammenhalten beziehungsweise der Zusammenhalt der politischen Klasse wird nichts nutzen, wenn die zugrunde liegenden Konflikte nicht gelöst oder wenigstens abgemildert werden, die den Faschisten die Wähler und Aktivisten zutreiben. Dabei handelt es sich meines Erachtens um die säkuläre Stagnation, die brutale und widersinnige deflationäre Wirtschaftspolitik und die Militarisierung der Gesellschaften und die geopolitische Lagerbildung. Aktuell sind es in Deutschland die Konservativen - meinetwegen: Möchtegern-Konservative -, die diese Politik vorantreiben - meinetwegen: staatstragend und demokratisch.

Interessant fand ich vor allem den theoriegeschichtlichen Überbau dieses Buchs. De Weck sucht nach der Trennlinie zwischen Reaktionären und Konservativen. Beide Traditionslinie beginnen, wie er zeigt, mit Edmund Burke und dessen Kampf gegen die Französische Revolution. Konservative und reaktionäre Politiken und Ideologien überkreuzen und mischen sich seitdem. Auch in "Glanz und Elend der Konservativen" bleibt letztlich als einigermaßen schwaches Unterscheidungsmerkmal nur die Akzeptanz der Massendemokratie und ihrer Verfahrensregeln, Ausdruck einer Anpassungsbereitsschaft an diverse gesellschaftliche Modernisierungsprozesse und eine Abneigung gegen den Umsturz in irgendeine Richtung. Sind das Haltungen? Oder doch nur Neigungen und Präferenzen? "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet", formulierte der reaktionäre Revolutionär Carl Schmitt, der Konservative Odo Marquard hielt dagegen: "Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet." Aber hält das Konservative in einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise? Die Grenze zwischen Reaktionären und Konservativen zeigt sich selbst bei Roger de Weck, der doch seine ganze Argumention auf ihr aufbaut, in Nuancen und an situativen Entscheidungen. Fast wirkt es, als es gehe es um eine "Gestimmtheit", um individuellen Geschmack und Vorlieben. Böse gesagt: Saturierte Bürger, die kein Blut sehen können, bleiben konservativ. Sind sie auf Krawall gebürstet, werden sie reaktionär.

Mit dieser Polemik möchte ich keinesfalls die Opferbereitschaft von antifaschistischen Konservativen bezweifeln oder herabwürdigen, nur darauf hinweisen: Viele von ihnen stammten aus denselben politischen Zusammenhängen wie diejenigen, die sie im Nationalsozialismus unterdrückt und umgebracht haben.

Geschichte wiederholt sich nicht. Konservative in Lesart de Wecks wollen die "Modernisierung" verlangsamen. Aber das Zubewahrende wandelt sich völlig im Laufe der Geschichte. Frank Deppe hat das in seiner Promotionsschrift betont:

Wie die gegenrevolutionäre Theorie ihre Entstehung der Französischen Revolution verdankt, oder - wie es Karl Mannheim in seiner Untersuchung über das konservative Denken formuliert hat - die „Grundtatsache für das Zustandekommen der modernen Konservativismen“ darin besteht, "daß die moderne Welt dynamisch geworden ist", so entwickelt es mit seiner Entstehung eine eigene immanente Dynamik, die - orientiert an der Zuspitzung der Konflikte zwischen den Partien der Revolution - dieses Denken über seine ursprünglichen Positionen hinaustreibt. Gegenrevolutionäres Denken ist seiner politischen Zielsetzung nach notwendig nicht schöpferisches sondern reaktives Denken, d. h. sein Programm sucht zwar die Revolution zu negieren, bleibt aber noch in dieser Negation wesentlich von jener mitbestimmt. Sie kann sich nicht in der bloßen Verherrlichung der durch die Revolution aufgehobenen gesellschaftlichen Verhältnisse realisieren, sondern entwickelt eine eigene Dynamik, indem sie die Restauration nicht schlechthin als Rückschritt, sondern nur in der partiellen Übernahme bürgerlicher Forderungen oder einem die revolutionäre Phraseologie kopierenden Populismus zu verwirklichen trachtet. In dieser Übernahme des Begriffs notwendiger Reformen z. B., der dem vorrevolutionären, statischen Denken fern war, nimmt die gegenrevolutionäre Theorie zugleich eine stillschweigende Korrektur an dem Idealbild der vorrevolutionären Gesellschaft vor.
Die Gesellschaft erscheint selbst den Konservativen als reformbedürftig. Die Verteidigung der Privilegien von Klerus, Adel und Militär wird obsolet durch das Entstehen einer Gesellschaft, die fast nur noch Funktionseliten kennt, in der die Proletarisierung alle Sektoren erreicht und Lohnarbeit für alle zur Norm geworden ist. Das Konservative hat letztlich keinen Wesenskern, nicht einmal "Gott, Patriarchat, Vaterland". Der "die revolutionäre Phraseologie kopierenden Populismus", das ist "Make America Great Again", "Deutschland aber normal", Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, die es niemals gab. Das Bürgerliche als Bestand von alten Traditionen wird dagegen von Jahrhundert zu Jahrhundert immer fragwürdiger, immer weiter der Lebenswelt entrückt, reproduziert sich kaum noch. Das zeigt sich auch an den rechten Parteien, ihren Vertretern und Anhängern. MAGA, Reform UK, AfD, das ist kaum noch verrohte "Bürgerlichkeit" (Wilhelm Heitmeyer), sondern Discounter und ephemere Popkultur. .

Montag, 14. September 2026

In der Medientheorie wird der Wert einer Nachricht anhand verschiedener Kriterien bestimmen (und das soll in der Medienpraxis der Wahrscheinlichkeit ihrer Veröffentlichung entsprechen). "Überraschung" zum Beispiel, wenn ein Mann einen Hund beißt, um das klassische Beispiel für news value anzuführen. "Personalisierung und Prominenz", wenn beispielsweise Friedrich Merz seine privatversicherten Beißerchen in einen Hund versenkt hat. "Relevanz", wenn der Bundeskanzler ganz viele Haustiere beißt und so die deutschen Hundebesitzer in Angst und Schrecken versetzt. "Nähe", wenn er das in meinem Heimatdorf getan hat. "Kontroverse", wenn ihn ein Hundebesitzer aus meiner Nachbarschaft deswegen bei der Polizei anzeigt.

Soweit klar? Soweit klar. Aber um Himmels Willen, welche news values erfüllt das hier?

Freitag, 4. September 2026

Fun fact # 103: Weltgeltung

Seit dem 17.Jahrhundert besaß Dänemark ein Kolonie auf den Jungferninseln in der Karibik, genannt Dansk Vestindien. 1917 verkaufte Dänemark die Gebiete an die USA.

Dienstag, 1. September 2026

Wer Boulevard machen will, muss sich Schamgefühle ganz schnell abgewöhnen. Irgendwann fällt einem dann gar nichts mehr auf.

Freitag, 21. August 2026

"Sommerlich"

2026 wird höchstwahrscheinlich das heißeste Jahr in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnung werden. Noch allerdings ist 2024 der Spitzenreiter, gefolgt von den Jahren 2023, 2018, 2022, 2020 und 2014 (in dieser Reihenfolge). Laut einer Bestandsaufnahme des Helmholtz-Verbunds Regionale Klimaveränderung und Mensch hat sich die durchschnittliche Anzahl der Hitzetage seit 1950 verdreifacht (von 3,5 auf 11,4). Die Zahl der Hitzewellentage – fünf oder mehr aufeinander folgende heiße Tage – stieg in diesem Zeitraum von 4,3 auf 15. Das Robert-Koch-Institut schätzt die hitzebedingte Übersterblichkeit bis zum 9. August - also noch vor dem Ende der diesjährigen Hitzewellen - auf 20 000 Verstorbene.

Aber Medien wie web.de können oder wollen den Ernst der Lage nicht erkennen.

Donnerstag, 20. August 2026

Donnerstag, 6. August 2026

Bloßgestellt werden kann nur, wer sich zuvor eine Blöße gegeben hat. Steht im Duden oder in einem anderen Wörterbuch.
Klimawandel. Ich weiß es schon. Ist der Klimawandel. Sie wollen das interessant antexten, ich verstehe, aber das kommt vom Klimawandel.

Vom Kli - ma - wan - del.

Donnerstag, 30. Juli 2026

Fun fact # 102: Beschaffungswesen

Laut dem Rüstungsbericht 2015 betrug die durchschnittliche Verspätung bei bestellten Waffen und Ausrüstung 51 Monate. Gegenüber dem veranschlagten Kaufpreis verteuerten sie sich insgesamt um 12,9 Milliarden Euro.
Im Rüstungsbericht 2021 lag die Verspätung bei 52 Monaten, die Verteuerung bei 13,8 Milliarden Euro.
Im Rüstungsbericht von 2023 ist der Durchschnitt der Verspätung auf 33 Monate gefallen, vor allem weil zahlreiche neue Bestellungen ausgegeben wurden. Die Gesamtkostensteigerungen betrugen 11,85 Milliarden Euro.
Die jährlichen Ausgaben für Rüstungsgüter haben sich mehr als verdreifacht zwischen 2018 (4,8 Milliarden) und 2023 (16,2 Milliarden).

Dienstag, 28. Juli 2026

Eine Internationale der Nationalisten?

Für Andruck / Deutschlandfunk habe ich "Das internationale Netz der radikalen Rechten" von Thomas Greven besprochen:
Dass die Regierung Donald Trumps keine Hemmungen hat, in die inneren politischen Angelegenheiten anderer Nationen einzugreifen, ist bekannt. Zuletzt richtete das Außenministerium ein stattliches Sonderbudget ein, um ideologisch genehme Organisationen in Europa zu unterstützen, sofern diese, Zitat, für „nationale Souveränität“ und das „gemeinsame westliche Kulturerbe“ und gegen „Migration, Zensur und juristische Angriffe“ kämpfen. Bundeskanzler Friedrich Merz tritt in Bezug auf Trump meist nur leise in Erscheinung. Dieses Manöver ging jedoch sogar ihm zu weit, und er kritisierte öffentlich die kaum verbrämte Wahlkampfhilfe für rechtsextreme Parteien bei den anstehenden Wahlen.
Wäre es denkbar, dass Gelder von der US- Administration an die AfD und ihr Umfeld, an den Rassemblement National oder Reform UK fließen?

Donnerstag, 23. Juli 2026

Montag, 20. Juli 2026

The lunatics have taken over the asylum

Klimaschutz darf nicht die industrielle Basis unserer Länder gefährden.
sagte der Bundeskanzler im April. Drei Hitzewellen und ein paar Tausende Tote später lässt sich seine Haltung erst so richtig würdigen. Gut, das Bruttosozialprodukt kann auf Oma und Opa oder die vorerkrankte Schwester verzichten. Aber die bisherigen Ernteeinbußen aufgrund der Hitze werden auf zwei Milliarden Euro europaweit geschätzt. Mittlerweile beschädigen die sich häufenden extremen Wetterlagen die deutschen Kommunikations-, Energie- und Verkehrsinfrastrukuren und senken die Arbeitsproduktivität, mithin die Basis der sogenannten Wertschöpfung. Die niedrigen Wasserstände schränken die Binnenschifffahrt ein und könnten so das erwartete Wirtschaftswachstum zunichte machen, sagt die IHK NRW.

Diese schlichte Wahrheit dringt dennoch nicht ins Bewusstsein der politischen Klasse. Oder fühlt sie sich nicht zuständig? Wofür fühlt sie sich zuständig - Bestellungen für Panzer abzuschicken? Sehen die Unternehmer da ein Problem? Oder glauben sie wirklich, sie könnten den Klimawandel aussitzen?

Fürs ND habe ich über den (deprimierenden) Stand des Hitzeschutzes in Deutschland berichtet.

Fun fact # 101: Baby Boom / Baby Bust

Im Jahr 1965 war über die Hälfte der US-Amerikaner 25 Jahre alt oder jünger. Heute sind es 30 Prozent. In Deutschland waren 1965 knapp 41 Prozent 25 oder jünger, heute sind es nur 24 Prozent.

Donnerstag, 16. Juli 2026

K-O-Tropfen