Niemand kann die Demokratie wirksamer verteidigen – oder aber massiver schwächen als Konservative. Auf sie kommt es an.Angesichts des blutigen Ernstes dieser Frage verbietet sich kleinliches Mäkeln. Volksfront, Einheitsfront, was immer, ich bin dabei und dafür. Trotzdem will ich nicht verschweigen, dass mich die Argumentation nicht überzeugt. Sie bedient eine Art illusionären Schönwetter-Liberalismus, wenn er beispielsweise behauptet, ein erneuertes konservatives Programm mit ein bisschen mehr Europa und ein bisschen mehr Umweltschutz könne den Vormarsch der "Rechtsautoritären" aufhalten. In dem Radiobeitrag sage ich:
Ist der stärkste Gegner der AfD wirklich die CDU? Das ist doch zweifelhaft. Wahlen werden auf absehbare Zeit nicht mehr in der Mitte entschieden. Das häufig zu hörende Argument, die AfD wolle „eine andere Republik“ oder gehöre „nicht zur bürgerlichen Mitte“, verfängt nicht mehr.Die Demokraten können und werden nicht zusammenhalten beziehungsweise der Zusammenhalt der politischen Klasse wird nichts nutzen, wenn die zugrunde liegenden Konflikte nicht gelöst oder wenigstens abgemildert werden, die den Faschisten die Wähler und Aktivisten zutreiben. Dabei handelt es sich meines Erachtens um die säkuläre Stagnation, die brutale und widersinnige deflationäre Wirtschaftspolitik und die Militarisierung der Gesellschaften und die geopolitische Lagerbildung. Aktuell sind es in Deutschland die Konservativen - meinetwegen: Möchtegern-Konservative -, die diese Politik vorantreiben - meinetwegen: staatstragend und demokratisch.
Interessant fand ich vor allem den theoriegeschichtlichen Überbau dieses Buchs. De Weck sucht nach der Trennlinie zwischen Reaktionären und Konservativen. Beide Traditionslinie beginnen, wie er zeigt, mit Edmund Burke und dessen Kampf gegen die Französische Revolution. Konservative und reaktionäre Politiken und Ideologien überkreuzen und mischen sich seitdem. Auch in "Glanz und Elend der Konservativen" bleibt letztlich als einigermaßen schwaches Unterscheidungsmerkmal nur die Akzeptanz der Massendemokratie und ihrer Verfahrensregeln, Ausdruck einer Anpassungsbereitsschaft an diverse gesellschaftliche Modernisierungsprozesse und eine Abneigung gegen den Umsturz in irgendeine Richtung. Sind das Haltungen? Oder doch nur Neigungen und Präferenzen? "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet", formulierte der reaktionäre Revolutionär Carl Schmitt, der Konservative Odo Marquard hielt dagegen: "Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet." Aber hält das Konservative in einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise? Die Grenze zwischen Reaktionären und Konservativen zeigt sich selbst bei Roger de Weck, der doch seine ganze Argumention auf ihr aufbaut, in Nuancen und an situativen Entscheidungen. Fast wirkt es, als es gehe es um eine "Gestimmtheit", um individuellen Geschmack und Vorlieben. Böse gesagt: Saturierte Bürger, die kein Blut sehen können, bleiben konservativ. Sind sie auf Krawall gebürstet, werden sie reaktionär.
Mit dieser Polemik möchte ich keinesfalls die Opferbereitschaft von antifaschistischen Konservativen bezweifeln oder herabwürdigen, nur darauf hinweisen: Viele von ihnen stammten aus denselben politischen Zusammenhängen wie diejenigen, die sie im Nationalsozialismus unterdrückt und umgebracht haben.
Geschichte wiederholt sich nicht. Konservative in Lesart de Wecks wollen die "Modernisierung" verlangsamen. Aber das Zubewahrende wandelt sich völlig im Laufe der Geschichte. Frank Deppe hat das in seiner Promotionsschrift betont:
Wie die gegenrevolutionäre Theorie ihre Entstehung der Französischen Revolution verdankt, oder - wie es Karl Mannheim in seiner Untersuchung über das konservative Denken formuliert hat - die „Grundtatsache für das Zustandekommen der modernen Konservativismen“ darin besteht, "daß die moderne Welt dynamisch geworden ist", so entwickelt es mit seiner Entstehung eine eigene immanente Dynamik, die - orientiert an der Zuspitzung der Konflikte zwischen den Partien der Revolution - dieses Denken über seine ursprünglichen Positionen hinaustreibt. Gegenrevolutionäres Denken ist seiner politischen Zielsetzung nach notwendig nicht schöpferisches sondern reaktives Denken, d. h. sein Programm sucht zwar die Revolution zu negieren, bleibt aber noch in dieser Negation wesentlich von jener mitbestimmt. Sie kann sich nicht in der bloßen Verherrlichung der durch die Revolution aufgehobenen gesellschaftlichen Verhältnisse realisieren, sondern entwickelt eine eigene Dynamik, indem sie die Restauration nicht schlechthin als Rückschritt, sondern nur in der partiellen Übernahme bürgerlicher Forderungen oder einem die revolutionäre Phraseologie kopierenden Populismus zu verwirklichen trachtet. In dieser Übernahme des Begriffs notwendiger Reformen z. B., der dem vorrevolutionären, statischen Denken fern war, nimmt die gegenrevolutionäre Theorie zugleich eine stillschweigende Korrektur an dem Idealbild der vorrevolutionären Gesellschaft vor.Die Gesellschaft erscheint selbst den Konservativen als reformbedürftig. Die Verteidigung der Privilegien von Klerus, Adel und Militär wird obsolet durch das Entstehen einer Gesellschaft, die fast nur noch Funktionseliten kennt, in der die Proletarisierung alle Sektoren erreicht und Lohnarbeit für alle zur Norm geworden ist. Das Konservative hat letztlich keinen Wesenskern, nicht einmal "Gott, Patriarchat, Vaterland". Der "die revolutionäre Phraseologie kopierenden Populismus", das ist "Make America Great Again", "Deutschland aber normal", Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, die es niemals gab. Das Bürgerliche als Bestand von alten Traditionen wird dagegen von Jahrhundert zu Jahrhundert immer fragwürdiger, immer weiter der Lebenswelt entrückt, reproduziert sich kaum noch. Das zeigt sich auch an den rechten Parteien, ihren Vertretern und Anhängern. MAGA, Reform UK, AfD, das ist kaum noch verrohte "Bürgerlichkeit" (Wilhelm Heitmeyer), sondern Discounter und ephemere Popkultur. .





